Anekdote (Thomas Mann)
Anekdote ist eine kleine Erzählung von Thomas Mann aus dem Jahre 1908.Inhalt
Der 40-jährige Bankdirektor Ernst Becker ist mit der 30-jährigen Angela Becker verheiratet. Die 10-jährige Ehe ist kinderlos. Für Angela passen nur Attribute wie himmlisch, hinreißend, lieblich. Im Salon liegt ihr die Männerwelt zu Füßen. Freunde hat Angela allerdings nicht. So richtig kennt sie nur Direktor Becker. Aber der ist bloß höflich, fast ungesellig. Angela richtet nicht nur die Abendgesellschaften im Hause Becker aus, nein - sie trägt auch zur musikalischen Ausgestaltung höchstpersönlich bei. Singend begleitet sie sich auf der Harfe. Wieder beglückwünschen anwesende Herren an einem Abend im Hause Becker den Hausherrn besonders zu seiner Gattin, beneiden ihn um Angela. Da packt der Direktor aus. Angela sei liebesleer und widrig verödet. Den ganzen Tag liege sie schlaff herum, vernachlässige sogar ihre Körperpflege und quäle die Katze. Angela betrüge ihn mit Dienstboten und Bettlern. Ertragen habe er sie nur um der Liebe willen. Nun müsse er es allen sagen.
Direktor Becker, völlig gesund, landet im Irrenhaus. Schließlich verlässt das Ehepaar die Stadt.
Anmerkungen
*Die philosophische Grundlage der Erzählung findet sich bei Schopenhauer. Diesmal ist der Schleier_der_Maja zu lüften. Das kann nur durch eigenes Handeln gelingen. Der Direktor Becker bricht das Schweigen, und der Schleier wird gelüftet.
*Eine weitere Säule der Erzählung ist die Sehnsucht; insbesondere ihre Süßigkeit. Buddha nennt es das Dürsten. MAUTHNER sagt, Buddha, der jenseitige, ist Heiland, Messias; aber er spricht nicht zu uns. Halten wir uns also besser an NIETZSCHE, den Thomas Mann verehrte und der über den Gegenstand geschrieben hat:
**Die Sehnsucht zum Idyll ist der Glaube an eine urvorzeitliche Existenz des künstlerischen und guten Menschen. (NIETZSCHE, Die Geburt der Tragödie. Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik).
**Jeder Mensch pflegt in sich eine Begrenztheit vorzufinden, seiner Begabung sowohl als seines sittlichen Wollens, welche ihn mit Sehnsucht und Melancholie erfüllt; und wie er aus dem Gefühl seiner Sündhaftigkeit sich hin nach dem Heiligen sehnt, so trägt er, als intellektuelles Wesen, ein tiefes Verlangen nach dem Genius in sich. (NIETZSCHE, Unzeitgemäße Betrachtungen, Drittes Stück, Schopenhauer als Erzieher)
**Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht: was ginge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an! (NIETZSCHE: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil, Vom höheren Menschen)
Literatur
*Friedrich NIETZSCHE: Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus. Leipzig 1886.
*Friedrich NIETZSCHE: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. Leipzig 1892.
*Friedrich NIETZSCHE: Unzeitgemäße Betrachtungen. Leipzig 1893.
*Fritz MAUTHNER: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Meersburg a. Bodensee 1910.
*Hans R. VAGET in: Helmut Koopmann (Hrsg.), Thomas-Mann-Handbuch. Stuttgart 2001. S.574. ISBN 3520828030
Quelle
*Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen. Band 1. © 1966 by Katia_Mann, S.404-408. ISBN 3103481152

