Andrew Gregory Thomas Marbot
Andrew Gregory Thomas Marbot ist eine fiktive Romanfigur von Wolfgang Hildesheimer. Hildesheimer verfasste 1981 eine fiktive Biographie über diese Person, die von ihm als Kunsttheoretiker charakterisiert wurde.Leben
Marbot wird am 4. April 1801 als Kind von Sir Francis Marbot und Lady Catherine geboren. Am 11. April 1801 wird er von Pater Gerardus van Rossum auf den Namen Andrew Marbot getauft. Seine Mutter stammt aus der englischen Adelsfamilie der Clavertons, und wurde 1799 verheiratet. Offiziell gesehen ist die Beziehung zwischen Lady Catherine und Sir Francis eine Mesalliance, da er einen niedrigeren Adelsstand hat als sie. Lord Claverton, Catherines Vater, wählte seiner Tochter diesen Ehemann, da das Grundstück der Clavertons, Redmond Manor, zu dem der Marbots, Marbot Hall, nicht weit entfernt liegt und der Lord eine sehr enge Beziehung zu seiner Tochter pflegt. Lady Catherines engste Vertraute sind die Zofe Susan Williams, ihr Steward William Samuel Crompton und Pater Van Rossum. Sie verstirbt 1832, die Todesursache ist jedoch ungewiss.
Marbot hegt zu seiner Mutter eine sehr viel nähere Beziehung als zu seinem Vater. Schon im frühen Kindesalter wird klar, dass diese Affinität durch einen ödipalen Komplex geprägt wird.
Andrew wird von dem Pater Van Rossum unterrichtet, der die Rolle des Hauslehrers übernimmt. Der Pater ist den Clavertons aus Rom gefolgt, nachdem sie 1790 durch ihn zum Katholizismus konvertiert wurden. Van Rossum wurde 1766 in Holland geboren, studierte später in Köln, Innsbruck und Rom. 1814 wird er zum Pater geweiht. Nach England ist er jedoch erst 1797 gegangen, wo er als Bibliothekar, Sekretär und Beichtvater am Hof der Clavertons diente. 1799 wechselte er, sozusagen als Mitgift, mit Lady Catherine nach Marbot Hall. Hier übernimmt er neben der Rolle des Beichtvaters vor allem eine erzieherische Position. Bei der Erziehung besteht er jedoch nicht auf den Glauben, vielmehr möchte er die Wissenslust in den drei Kindern wecken, was ihm auch sehr gut gelingt. John Matthew Marbot, geboren 1804, übernimmt 1826 Marbot Hall als Viscount Claverton und bezieht das englische Oberhaus als Peer of England, die Tochter, Jane Elizabeth, geboren 1806, studiert auf dem Vincentinerinnenkonvent in Brüssel Medizin und heiratet 1827 einen begüterten irischen Offizier, wird auf der Hochzeitsreise aber tragischerweise von einer Lawine verschüttet. Zu den beiden Geschwistern hat der Pater jedoch eine ähnlich kalte Beziehung wie Andrew. Der Pater hegt für Marbot eine große Begeisterung während der Lehrzeit, aus der sich im Laufe der Jahre eine sehr enge Freundschaft entwickelt, die durch einen regen Briefwechsel aufrechterhalten wird. Andrew lernt vom Pater sich eingehend mit dem behandelten Thema auseinanderzusetzen und den Wahrheitsgehalt des Lehrstoffes zu prüfen. Sie lesen zusammen Horaz, Dante, Lessing, Silesius und Sophokles. Marbot lernt schnell und effizient, liest sehr viel und kritisiert alles, was er liest. In seinen jungen Jahren ist sein Urteil jedoch noch oft voreilig und ungerecht. Er lehnt den Glauben als höchste Instanz des Urteils ab, was schon damals sein Abwenden gegenüber der Kirche andeutet, das sich in seinem Leben verfestigt und mit seinem Freitod manifestieren wird. Er sieht sich mit dem Pater auch die Galerie des Hauses an und entdeckt so seine Passion: Die Kunst. Ein Bild aus dieser Sammlung, nämlich Tintorettos ?Entstehung der Milchstraße?, wird jedoch das Schicksal seines Werdegangs bestimmen. Zu diesem Bild befragt er nämlich seine Mutter, und zwar wo denn an ihrem Körper die auf dem Bild zu sehenden Körperteile der Juno wären, da sie ja augenscheinlich desselben Geschlechts sei. Die damals 22-jährige Catherine verweigert ihm diesen Wunsch, jedoch macht sie in einer Aufzeichnung die Bemerkung, dass er dieses ?unbekannte Territorium? später wohl noch erobern wird. Andrew Marbot liest nicht nur außerordentlich gerne, er erlernt auch vier Sprachen: Sein Großvater, Lord Claverton, bringt ihm Italienisch, sein Freund De Quincey Griechisch und Van Rossum Deutsch bei; die französische Sprache erlernt er autodidaktisch.
Trotz seines Wissensdurstes ist Marbot kein Bücherwurm. Er macht lange Spaziergänge oder reitet auf dem großen Anwesen von Marbot Hall aus, ist jedoch selten in Begleitung.
Zu seinem Vater, Sir Francis Marbot, hat er kaum Kontakt, da dieser grundverschiedene Interessen hat: Für ihn sind gesellschaftliche Anlässe, wie etwa die Jagd oder große Diners, der schönste Zeitvertreib. Zu seinen Freunden zählen kaum Intellektuelle, daher hält Andrew sich die meiste Zeit seiner Jugend im Hause der Clavertons auf. In Redmond Manor, das ebenfalls eine beträchtliche Gemäldegalerie beherbergt, fühlt sich Marbot viel wohler. Dort schließt er nämlich erste Kontakte zu intellektuellen Engländer wie Thomas de Quincey, Crabb Robinson und Wordsworth. Sie sind Stammgäste bei den Clavertons und vermitteln Marbot weitere Kontakte zu anderen Intellektuellen, die außerhalb seines Horizonts wirkten, der damals nur die beiden Anwesen Marbot Hall und Redmond Manor umfasste. Erst mit 19 entschließt Andrew sich, die Welt zu erforschen. Im Jahr 1820 bricht er nach London auf, wo die Clavertons ein Stadthaus besitzen, in dem er nur für eine kurze Zeit bleiben will. Seine Abreise aus dem Stadthaus verschiebt sich jedoch, da er dort zum ersten Mal den Inzest mit seiner Mutter vollzieht. Dieses Ereignis fand Mitte Mai 1820 statt. Danach beginnt nun seine Grand Tour, auf der er als erstes Crabb Robinson in London besucht. In ihm findet Marbot einen guten Zuhörer, und so gesteht er ihm den Hass, den er auf seinen Vater hegt. Danach fährt er nach Paris. Dort besucht er die Maler Sulpiz Broisseree. Da dieser mit Goethe korrespondiert, bekommt Marbot von ihm den Tipp, Goethe zu besuchen, falls er denn Deutschland bereist.
Nach dem kurzen Aufenthalt in Paris, er reist schon im Oktober ab, fährt Marbot mit der Kutsche nach Padua, das er als ?trostloses Loch? beschreibt, in dem er jedoch die Möglichkeit hat, einige Fresken von Giotto zu besichtigen.
Von Padua aus reist er nach Venedig, wo er bis zum Frühjahr 1821 bleibt. Dort hat er wahrscheinlich seine ersten sexuellen Erfahrungen, abgesehen von dem Inzest, auf dem Karneval gesammelt.
Im Frühling 1821 erreicht Marbot Urbino, das er als späteren Wohnsitz wählt, damals aber keine Aufzeichnungen macht. Man weiß nur, dass er dort drei Monate lang verweilte.
Im Winter 1821 verbringt er einen Monat in Pisa bei Lord Byron, einem unmoralischen englischen Exilanten, der in permanentem Chaos lebt. Seine Frau, Gräfin Theresa Guiccioli, hat mehrere Liebhaber, wie jeder Bewohner des Hauses Piano Nobile, in dem die Familie Byron lebt. Lord Byrons Einstellung, er hat den Drang sich über die Moral hinwegsetzen zu müssen, missfällt Marbot. Deshalb sieht er zwischen dem Inzest von ihm und seiner Mutter und dem des Lord Byron und dessen Halbschwester Augusta keinerlei Parallelen.
Hiernach besucht er Carl Friedrich Rumohr in Siena. Er ist von nun an Marbots Vorbild, da er es trotz seiner Außenseiterrolle als Kunsthistoriker schafft, in der Gesellschaft aufgenommen zu werden. Andrew gefällt nicht, dass Carl Künstler in dem Sinne kritisiert, sie verstießen gegen bestimmte artistische oder biblische Regeln der Kunst. Weiterhin setzt Andrew an Rumohrs Kunstkritik aus, dass er meint, man müsse, um ein Kunstwerk zu verstehen, die Umstände und Verhältnisse kennen, in denen es gemalt wurde. Unter Umständen und Verhältnissen versteht Rumohr jedoch nur den geschichtlichen Hintergrund, und nicht die Psyche des Künstlers. Dafür bringt ihm Rumohr aber die Kunst des Essens bei. Er ist nämlich ein Genießer, der sogar auf Reisen seinen eigenen Koch dabei hat.
Nach diesem Besuch, führt ihn seine Reise nach Florenz, wo er bei dem Earl of Westmorland wohnt. Der Hausherr überlässt Marbot für einen Monat das Anwesen, in dem auch eine kleine Gemäldesammlung ist. Dort gefällt ihm vor allen Dingen ein Werk Botticellis (?La Primavera?). Im Oktober des Jahres 1822 lernt er in Florenz Schopenhauer kennen, hat jedoch kaum Zeit, sich mit ihm auseinanderzusetzen, da er wegen des Todes seines Vaters nach England zurückkehren muss. Tragischerweise ist Sir Francis Marbot von einem Pferd gefallen und erlag sofort seinen Verletzungen, der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt.
In den kommenden drei Jahren muss Marbot lernen, sich seiner Liebe zu Lady Catherine zu verweigern, 1825 sollen sie sich nämlich endgültig trennen. Während dieser drei Jahre leben die beiden jedoch miteinander zusammen und lassen ihren Trieben freien Lauf, obwohl sie ständig Gefahr laufen von einem der unzähligen Bediensteten ertappt zu werden. Es fällt ihnen dadurch natürlich noch schwerer, dem anderen zu widerstehen, da diese Gefahr auch einen ungeheuren Reiz in sich birgt.
Am 22. April 1835 sollen sie sich also offiziell trennen und Andrew reist nach Redmond Manor ab. Zwei Tage später folgt ihm die Mutter, unter dem Vorwand, sie kümmere sich um ihren kranken Vater. Andrew bekommt von seinem Großvater die Erlaubnis abzureisen, nachdem geklärt wird, dass der Nachlass von Sir Francis an Andrews Bruder übertragen wird und John Matthew den Titel des Viscount annimmt, wobei Marbot nunmehr unter dem Namen Sir Andrew Marbot lebt. Die Mutter bleibt bis Herbst bei ihrem Vater und kehrt dann nach Marbot Hall zurück und beichtet dort Pater Van Rossum all ihre Sünden, die sie mit Andrew begangen hat. Glücklicherweise lässt der Pater Milde walten, denn er ist für Lady Catherine die einzige Bezugsperson, die sie jetzt noch in Marbot Hall hat.
Im Juni fährt Andrew wieder nach London, in das Stadthaus der Clavertons. Dort entschließt er sich nie wieder nach England zurückzukehren, betrachtet deshalb ein letztes Mal die Gemäldegalerie und macht einige Besuche bei Leuten von Adel, die selbst einige Gemälde besitzen. Außerdem besucht er die alljährliche Eröffnungsausstellung der Royal Academy, in der er William Turner trifft und über dessen Bild ?Der Hafen von Dieppe? er seinen ersten Essay verfasst, der in der Literary Gazette veröffentlicht wird. Daraufhin lernt er Delacroix und Bonington kennen, die ihn nach Paris einladen. Des Weiteren erhält er einen verzweifelten Brief der Mutter.
Am 23. Juni 1825 verlässt er London gen Dover. Am 26. Juni kommt er in Hamburg an, fährt nach zwei Tagen jedoch weiter nach Braunschweig. Während seines kurzen Hamburgaufenthalts besucht er Herzog Anton Ulrichs Gemäldegalerie, wer ihm das geraten hat ist jedoch ungewiss.
Aus Braunschweig antwortet er der Mutter in einem Brief, dass er sich zu ihrer Vergangenheit bekennt und bittet sie dasselbe zu tun. In Braunschweig sieht er erstmals Rembrandts ?Gewitterlandschaft?, die ihm sehr gefällt, da der Betrachter nur das sieht, was ?zählt?, nichts mystisches steht zwischen ihm und dem Geschehen. Auch vermitteln keine Menschen das Naturspektakel, sie verschmelzen vielmehr mit dem Hintergrund. Ebenfalls besichtigt er Giorgiones Selbstporträt, in das er offensichtlich verliebt ist. Seiner Meinung nach dringt das Gemälde tief in die Seele des Künstlers ein, da nur das abgebildet ist, was der Künstler von sich zeigen will. Er malt sich so wie er sich sieht. Marbots Beschreibung ist jedoch keine Analyse, da er sie in einem Brief verfasst hat. In dem Brief an Crabb Robinson eröffnet er diesem aber gleichzeitig sein Verlangen nach Verdrängung und Vergessen, um mit seiner Mutter weiterleben zu können.
Von Braunschweig aus fährt Marbot nach Weimar wo er sich mit Goethe treffen möchte. Marbots Anstoß ihn zu besuchen resultiert aus seinem Bestreben festzustellen, inwiefern der Künstler um der Kunst Willen an Menschlichkeit einbüßt. Goethe lädt Andrew ein, bei sich zu verweilen und an einigen Diners teilzunehmen, was Marbot selbstverständlich nicht ablehnt. Zu einem dieser gesellschaftlichen Anlässe ist auch Ottilie von Goethe, Ehefrau von Goethes Sohn August zugegen. Sie verliebt sich in Andrew und hat mit ihm eine viertägige Affaire. Marbot möchte mit ihr keine feste Beziehung eingehen, da sie ein von Leid und Leidenschaft gelenkter Mensch ist. Natürlich verweigert er ihr die Beziehung auch aus der Liebe zu seiner Mutter heraus. Allerdings bestehen einige Parallelen zwischen den beiden Beziehungen: Zum einen die erforderliche Diskretion, August soll natürlich nichts von Ottilies Ehebruch erfahren, zum anderen der für damalige Verhältnisse doch beträchtliche Altersunterschied, Ottilie ist fünf Jahre älter als Andrew.
Nach diesem kleinen Ausflug macht sich Marbot auf den Weg nach Kassel. Dort will er die Galerie des Schlosses Wilhelmshöhe betrachten, in der zu der Zeit sechzehn echte Rembrandts zu bestaunen waren.
Von Kassel aus begibt er sich nach Würzburg, um dort die Tiepoli Fresken zu besichtigen. Würzburg verlässt er in den letzten Augusttagen, um nach Nürnberg zu fahren, am fünften Oktober kommt er in Chur an. Die Zeit, die zwischen der Abfahrt aus Nürnberg und der Ankunft in Chur liegt, wurde nicht dokumentiert. In Chur erhält er einen weiteren Brief der Mutter, in dem sie ihm sagt, dass sie ohne ihn nicht Leben kann. Von Chur aus begibt er sich nach Splügen, wo er an einer Lungenentzündung erkrankt. Zum Gesunden macht er einen Monat lang Reisepause um dann nach Cremona aufzubrechen. Dort lernt er einen österreichischen Offizier kennen, mit dem er nach Mantua reist, um die Fresken des Andrea Mantegna zu besichtigen. Von dort aus reist er weiter nach Urbino um sich endgültig niederzulassen.
Er mietet dort ein geräumiges Haus und kommt im November 1826 mit der Witwe des Hausherren, der komischerweise ebenfalls bei einem Reitunfall ums Leben kam, zusammen. Marbot kümmert sich um die drei Kinder dieser Ehe und führt lange Gespräche mit dem Vater der Witwe, deren Name Anna Maria Baiardi ist. Marbot hat sich zwar entschieden in Urbino zu wohnen, bricht jedoch ein weiteres Mal auf eine Reise nach Rom auf, wo er im April 1826 ankommt. Im Mai oder Juni lernt er Teresa Guicolli kennen und hat mit ihr eine Affaire, die bis November 1826 anhält. Zurück in Urbino trifft er auf den Dichter Corot, dem er wenig Kreativität, jedoch ein großes Können zuschreibt. Im Herbst 1827 verlässt er Urbino noch einmal um nach Paris zu fahren, wo er sich mit Delacroix trifft. Zugegen ist auch der junge Musiker Hectoor Berlioz, mit dem sich Marbot über die Differenzen der Kunst und der Musik auseinandersetzt. Die drei gehen oft ins Theater, sehen viele Shakespeare Aufführungen. Dann kehrt er nach Urbino zurück, verlässt es jedoch schon im Dezember 1828. Er kommt nach Recanati, wo er auf Leopardi trifft.
Mitte Januar 1829 kehrt er endgültig nach Urbino zurück. Er wird vor seinem Freitod noch von William Turner, Karl Blechen und August von Platen besucht, mit denen er immer über eben dieses Thema diskutiert.
Ende Februar 1830 verlässt Sir Andrew Marbot eines Tages das Haus, kehrt nicht mehr zurück und wird seit dem vermisst. Er hat weder letzte Worte noch in irgendeiner Weise schriftlich festgehalten, dass er die Absicht der Selbsttötung hatte. Man weiß nur, dass die zweifache Witwe Anna Maria Baiardi erst einige Wochen nach Andrews Verschwinden eine Schatulle für zwei Duellpistolen fand, die nur noch halb gefüllt war.
Biografie
* Wolfgang Hildesheimer: Marbot. Suhrkamp, Frankfurt 2000, ISBN 3518032054

