André Chénier
André de Chénier (29. Oktober 1762 in Galata bei Konstantinopel; ? 25. Juli 1794 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, der sich vor allem als Lyriker betätigte. Er war Bruder des heute vergessenen Dramatikers Marie-Joseph Chénier.
Sein Leben diente Umberto Giordano als Vorlage für die Oper Andrea Chénier (uraufgeführt 1896).
Obwohl er im 18. Jahrhundert lebte und schrieb, ist Chénier insofern ein Autor des 19., als seine Lyrik erst nach dem Erscheinen einer Sammelausgabe 1819 bekannt, aber dann für die Entwicklung der französischen Dichtung sehr bedeutsam wurde.
Leben und Schaffen
Er wurde geboren als ältester Sohn eines jung nach Konstantinopel (das heutige Istanbul) ausgewanderten verarmten französischen Adeligen, der dort als Tuchhändler wohlhabend geworden und eine junge Frau aus dem damals nicht unbedeutenden griechischen Bevölkerungsanteil der Stadt geheiratet hatte. 1765 ging der Vater wegen schlechter Geschäfte zusammen mit seiner Frau und seinen fünf Kindern zurück nach Frankreich, Chénier wurde von einem Onkel in Carcassonne aufgenommen. Erst 1773, mit elf, kam er zu seiner Mutter, die sich in Paris niedergelassen hatte, nachdem der Vater zum französischen Konsul in Salé (Marokko) ernannt worden war, wo er meistens auch lebte.
Chénier erhielt nun eine solide klassische Bildung im Collège de Navarre, daneben begegneten er und sein wenig jüngerer Bruder Marie-Joseph im als "griechisch" firmierenden Salon der gesellschaftlich sehr aktiven Mutter vielen Literaten, Malern, Naturforschern und ? denn die antike griechische Kunst wurde gerade wiederentdeckt ? Archäologen. Hier auch las Chénier ab ca. 1778 seine ersten Gedichte vor und sah sich ermutigt.
Nach einem enttäuschenden Versuch als Offiziersanwärter in Straßburg (1782/83) machte er eine Bildungsreise durch Italien und die Schweiz. Danach verbrachte er einige Jahre als intellektuell vielseitig interessierter, etwas kränkelnder junger Lebemann in Paris, schrieb weiterhin Lyrik sowie einige Langgedichte im Stil der Zeit und fing zwei Versepen an (Hermès und L'Amérique), die unvollendet blieben. 1787 begann er, etwas in Geldnot geraten, eine diplomatische Karriere und wurde Sekretär des französischen Botschafters in London, obwohl er, wie viele Franzosen dieser Jahre, England nicht mochte und sich dort unwohl fühlte.
Als er 1790 nach Paris zurückkehrte, schloss er sich den gemäßigten Revolutionären an und betätigte sich publizistisch für die Sache einer konstitutionellen_Monarchie und meritokratischen Gesellschaftsverfassung. Ab 1791 attackierte er mit Pamphleten die radikalen Revolutionäre, die Jakobiner. Als diese 1792 die Macht eroberten und die Terrorherrschaft des sog. Wohlfahrtsausschusses unter Robespierre begann, tauchte Chénier unter und lebte versteckt in Versailles. Anfang 1794 kehrte er nach Paris zurück ? zu früh, denn er wurde verhaftet und wegen "Verheimlichung von Dokumenten" zum Tode verurteilt.
Auf seine Hinrichtung wartend schrieb er (und schmuggelte er aus dem Gefängnis) ätzend scharfe polit-satirische Gedichte (iambes) und die berühmte Ode à une jeune captive.
André Chénier wurde 31-jährig am 25. Juli guillotiniert, zwei Tage vor dem Sturz Robespierres und dem Ende der Terrorherrschaft. Sein Leichnam kam in eines der beiden Massengräber des Friedhofes Cimetière de Picpus.
Bedeutung
Während Chénier zu seinen Lebzeiten nur kurze Zeit als Publizist und Pamphletist bekannt war, gründet sein späterer Ruhm auf seiner Lyrik, d.h. vor allem auf den meist schon in den 1780er Jahren verfassten bucoliques (Hirtengedichten), élégies, épigrammes, odes, hymnes und poèmes. Diese Texte sind dank der Schönheit ihrer Sprache und der Ausdruckskraft ihrer Bilder ein Höhepunkt der klassizistischen, d.h. an griechischen und lateinischen Vorbildern geschulten Lyrik des 18. Jh.; sie blieben allerdings lange Zeit bis auf Ausnahmen ungedruckt. Als sie schließlich 1819 gesammelt erschienen, wirkten sie (vielleicht auch dank der nostalgischen Grundstimmung, die sie prägt) wie eine Offenbarung auf die neue Dichterschule der Romantiker. Nach 1850 wurde Chénier erneut zu einem wichtigen Vorbild, diesmal für die Dichterschule der Parnassiens.
Literatur
* Pierre Prades: Ils ont tué le poète. André Chénier (3 octobre 1762-25 juillet 1794). Paris: Editions des écrivains 1998. ISBN 2-8443-4056-3
* Elisabeth Quillen: L' Angleterre et l'Amérique dans la vie et la poésie d'André Chénier. Berne u.a.: Lang 1982. (= Publications universitaires européennes; Sér. 13, Langue et littérature françaises; 74 ) ISBN 3-261-04986-3
* Ulrich Töns: Studien zur Dichtung André Chéniers. Münster: Aschendorff 1970. (= Forschungen zur romanischen Philologie; 20)
Weblinks
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• Artikel in "Namen, Titel und Daten der französischen Literatur" (Quelle für "Leben und Schaffen" und "Bedeutung")

