Anatol
Anatol ist ein Schauspiel von Arthur Schnitzler aus dem Jahre 1893. Die Einleitung stammt von Hugo von Hofmannsthal, der das Synonym Loris verwendet. Der erste Akt "Die Frage an das Schicksal" des Einakter-Zyklus brachte auch Schnitzler den Titel "psychologischer Tiefenforscher" von Sigmund Freud ein.
Inhalt
Die Frage an das Schicksal
Anatol diskutiert mit seinem Freund Max über das Problem, dass ein Mann niemals sicher wissen kann, ob eine Frau ihm treu ist, oder nicht. Er selbst vertritt die These, dass eine Frau - Liebe hin oder her - schon aus ihrer Natur heraus niemals treu sein kann. Auch seine jetzige Geliebte - Cora - hat er im Verdacht der Untreue. Die ständige Ungewissheit, gegen die es seiner Meinung nach kein Mittel gibt, macht ihn nahezu verrückt. Max gibt ihm den Ratschlag, es doch mit der Hypnose zu versuchen. Diese Anregung greift Anatol begeistert auf, bietet sie ihm doch die Gelegenheit, seine Zeifel endgültig auszuräumen. Kaum ist der Entschluss gefasst, kann er auch schon umgesetzt werden: Cora kommt nach Hause und bittet Anatol im Gespräch selbst darum, von ihm hypnotisiert zu werden, eine Bitte, der dieser natürlich gerne nachkommt. Als er sie nun in der Hypnose fragt, ob sie ihn liebe, antwortet sie mit "Ja!". Von diesem Erfolg ermuntert, will Anatol auch die Frage nach der Treue stellen, doch es zeigt sich, dass er die Wahrheit doch fürchtet und die vorher von ihm so verfluchten Zweifel an der Treue Coras ihm doch wünschenswerter als eine eventuell für ihn und seinen Stolz unangenehme Wahrheit sind.
Egal in welche Worte sein Freund Max die Frage "Bist du mir treu?" auch kleidet, Anatol findet gegen jede Formulierung Einwände, zweifelt die Verständlichkeit der Frage, schließlich sogar generell die Möglichkeit ihrer Beantwortung an, nur um sie nicht stellen zu müssen. Als Max ihn schließlich entnervt zur Rede stellt und ihn darauf hinweist, dass all die von Anatol vorgebrachten Einwände unsinnig und konstruiert sind, fasst dieser endlich einen Entschluss: Er will seine Geliebte fragen - aber ohne Max, den er deswegen vor die Tür schickt. Mit Cora alleine wird er von seinen Gefühlen überwältigt und weckt sie auf, ohne die Frage gestellt zu haben.
Damit hat Anatol seine Gelegenheit zur "Frage an das Schicksal" verspielt: Cora stellt klar, dass sie sich nie wieder hypnotisieren lassen wird.
Weihnachtseinkäufe
Es ist Heilig Abend, kurz vor der Bescherung. Anatol sucht in der Stadt ein Geschenk für seine momentane Geliebte und trifft dabei Gabriele.
Im Laufe des Gespräches der beiden wird deutlich, dass diese eine ehemalige Geliebte von Anatol ist, die sich ihm aber letztendlich wohl verweigerte und nun selber Gatte und Kinder hat. Als sie erfährt, dass Anatol ein Geschenk für seine momentane Liebe sucht, bietet sie an, ihm zu helfen, ein Vorschlag, den Anatol auch gerne annimmt. Nachdem sie aber erfahren hat, dass Anatols "süßes Mädel" eine Frau aus der Vorstadt ist, also einer niederen sozialen Schicht angehört, schlägt ihre Teilnahme schnell in Spott um.
Der Dialog, der sich nun zwischen ihr und Anatol entwickelt stellt das einfache, natürliche Leben in der Vorstadt dem künstlichen, unverbindlichen Leben des (Groß-)Bürgertums in Wien selber gegenüber. Gabriele, ein Produkt dieser "großen Welt" schaut mit Verachtung auf die "kleine Welt" herunter, in die Anatol sich durch seine Liebschaft flüchtet. Der Grund für diese Flucht ist seine Sehnsucht nach festen Werten wie Wahrheit und reiner Liebe, die er in der "großen Welt" mit ihrem unverbindlichen Liebes-Spiel nicht zu finden vermag.
Doch Anatol ist klar, dass dieses Leben in der "kleinen Welt" nur ein Paradies auf Zeit ist: Er ist selber völlig in der schillernden, unsteten "großen Welt" verwurzelt, ist selbst Meister des unverbindlichen Liebes-Spiels.
Als Schauspieler im Leben, wie all seine Zeitgenossen, streckt er sich nur nach der "kleinen Welt", ohne in letzter Konsequenz die große zu verlassen. So antwortet er auf Gabrieles Frage, ob er diesem Mädchen in der "kleinen Welt" "alles sei" mit den Worten: "Vielleicht... Heute".
Anatol ist unfähig, sich an das Mädchen, an die kleine Welt zu binden, so sehr er sich nach festen Werten sehnt, er bleibt doch der schillernde Abenteurer, der an einer Bindung in letzter Konsequenz nicht interessiert ist.
Gabriele aber fühlt durch Anatols Sehnsucht nach der "kleinen Welt" angeregt und nachdenklich gemacht auch eine eigene Sehnsucht nach dem fernen "Zaubergarten" Anatols Geliebter. So schenkt sie ihm für seine neue Liebe einen Blumenstrauss- von einer Dame, "die vielleicht ebenso lieben kann wie sie, die aber den Mut dazu nicht hatte".
Episode
Anatol bringt Max einen Karton mit alten Sachen, da er sein Leben neu anordnen will. Jedes enthält ein kleines Gedicht, eine Blume, Locke oder irgendetwas, das ihn an sie erinnert. Max durchsucht ihn und es findet ein Päckchen mit der Aufschrift ?Episode?. Dies ist eine Erinnerung an Bianca. Sie küsste seine Hand während er Klavier spielte. Max meint, dass er Bianca viel besser kannte, weil sie nicht verliebt waren sondern nur befreundet. Diese kommt vorbei und sie verwechselt Anatol mit jemand anderen. Darauf läuft Anatol davon. Max klärt Bianca auf, doch Anatol ist schon verschwunden.
Denksteine
Anatol durchstöbert den Schreibtisch von Emilie und findet einen roten Rubin und einen schwarzen Diamanten. Sie hat ihn aufbewahrt, obwohl die Beiden alle Erinnerungen an ihre vorherigen Lieben vernichtet hatten. Er befragt sie und sie antwortet zuerst, dass der Rubin von der Kette ihrer Mutter sei. Das ist aber nicht das Wesentliche, denn sie trug dieses Medaillon an dem Abend ihres ersten Mals. Er fragt weiter, warum sie den anderen, schwarzen Stein behalten hat. Sie antwortet, dass er ¼ Mio Dollar wert sei. Er wirft den Diamant ins Feuer, und sie versucht ihn mit allen Mitteln wieder aus dem Feuer zu bekommen. Anatol verlässt den Raum mit dem Worte "Dirne".
Abschiedssouper
Anatol möchte die Beziehung mit Annie beenden und trifft sich mit Max im Restaurant. Er hat derweil schon eine andere, die viel bescheidener ist als Annie. Es gibt zwischen Anatol und Annie eine Abmachung, dass bevor sie sich betrügen Schluss gemacht wird. Annie kommt ins Restaurant und will mit ihm Schluss machen. Anatol erzählt ihr jedoch von seiner Beziehung und dreht es so herum, dass er die Beziehung beendet hätte. Annie verlässt erbost das Restaurant.
Agonie
Anatol und Max sind in Anatols Wohnung. Max verlässt das Haus. Else kommt etwas verspätet zu Anatol. Else ist verheiratet und betrügt ihren Ehemann mit Anatol. Anatol möchte sie für sich alleine haben, mit ihr wegziehen. Doch Else möchte das nicht und muss wieder weg. Sie vertröstet ihn auf morgen.
Anatols Hochzeitsmorgen
Anatol soll heiraten und hat am Vortag seinen Junggesellenabschied gefeiert. Ilona liegt noch im Bett. Zuerst sagt er ihr, dass er zu Freunden geht und sie nicht mitkommen kann. Dann gesteht er ihr jedoch, dass er zu einer Hochzeit fährt. Anatol verlässt das Haus und fährt zu seiner Hochzeit. Sie schwört Rache aber Max beruhigt sie.
Interpretation
Anatol sieht nach außen hin wie ein glücklicher Mensch mit vielen Liebschaften aus. Betrachtet man ihn jedoch genauer, so fällt einem auf, dass er von den Ängsten vor einer Partnerschaft getrieben wird und es nie zu einer richtigen Partnerschaft kommt. Frauenheldentum ist keine positive Eigenschaft, sondern ruft Beziehungsunfähigkeit und Angst vor Untreue hervor. Die männlichen Eitelkeiten werden in diesem Stück immer wieder verletzt und beeinflussen Anatol in seinem Denken und Handeln.
Im ersten Akt will er Cora hypnotisieren um herauszufinden ob sie ihm gegenüber untreu sei. Er hat jedoch Angst vor der Wahrheit und bricht die Hypnose ab. Anatol verdrängt seine Ängste. Dies ist laut Sigmund Freud einer der Wege ins Unbewusste. Dies führt normalerweise zu Neurosen und Psychosen.
Vielleicht ist ja Max der echte Frauenheld in diesem Stück, er erzählt es jedoch nicht.
Anatols Größenwahn: Dieser Akt sollte eigentlich der finale Akt in Anatol werden, wurde jedoch dann von Anatols Hochzeitsmorgen abgelöst. Er zeigt Anatol als gealterten Mann, der noch immer nicht mehr im Leben erreicht hat.
Prolog: Der Prolog soll die Stimmung darstellen, die auch in Anatol herrscht. Dies ist die Oberflächlichkeit und die Welt als Theater, in der sich die Leute gegenseitig etwas vorspielen.
Siehe auch
*Die Stadt Anatol, Berhard KellermannLiteratur
* Konstanze Fliedl: Arthur Schnitzler. Stuttgart 2005 (RUB 17653). ([http://www.arthur-schnitzler.at/pdf/bibliographie.pdf inkl. Bibliographie])
Weblinks
• Liste von Verfilmungen und Audio-Bearbeitungen
• Bibliographie

