Anarchopazifismus
Anarchopazifismus ist ein aus Anarchismus und Pazifismus zusammengesetzter politisch-ideologischer Begriff, der synonym für anarchistischen Pazifismus bzw. pazifistischen Anarchismus steht. Er bezeichnet seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts explizit pazifistische, im engeren Sinn grundsätzlich antimilitaristische und gegenüber Personen gewaltfreie Strömungen des Anarchismus. Diese Strömungen machten allerdings schon seit dem 19. Jahrhundert einen Teil des inhaltlich geführten anarchistischen Diskurses aus; - auch wenn der entsprechende Diskurs lange Zeit von spektakulären militant-gewaltsamen Formen der sozialrevolutionären und anarchistischen Aktion, beispielsweise in Form von meist individuellen politischen Attentaten oder anderen bewaffneten Anschlägen (vgl. Propaganda der Tat), überlagert wurde.Im Allgemeinen werden unter Anarchopazifismus anarchistische, d.h. herrschafts- und staatsablehnende Vorstellungen und Theorien verstanden, deren Anhänger es ablehnen, bei ihren Aktionen gegen Leib und Leben von Menschen gerichtete Gewalt anzuwenden.
Als Argument wird oft angeführt, dass auf eine gewaltsame Gesellschaftsumstrukturierung keine Anarchie (herrschaftsfreie Gesellschaft) folgen könne, da die Gesellschaft sich so nicht durch Bewusstseinswandel verändere, sondern gespalten werde, so dass der nicht-anarchistische Teil der Bevölkerung vom anarchistischen Teil unterdrückt werden müsste, was dem anarchistischen Prinzip der Herrschaftslosigkeit widerspreche. Damit teilt die anarchopazifistische Bewegung die Argumentation der Anhänger des gewaltfreien Vorkämpfers für die Unabhängigkeit Indiens vom britischen Kolonialregime, Mahatma Gandhi, dass das Ziel einer zivilen Gesellschaft in ihrem Weg und in ihren Mitteln erkennbar sein müsse.
Als wirksame Widerstandsmethoden werden der zivile_Ungehorsam, Streiks, Boykott-Aktionen sowie Blockaden und Besetzungen propagiert; teilweise auch Sabotageakte gegen Einrichtungen, Material und Werkzeuge, die herrschende und unterdrückende Machtverhältnisse/Hierarchien nach Auffassung der Anarchopazifisten aufrecht erhalten.
Geschichte des pazifistischen Anarchismus
Von Anfang an beinhaltete der Anarchismus durch seine Ablehnung staatlicher Herrschaft auch ein pazifistisches Element im Sinne der sich aus seinem Selbsverständnis heraus ergebenden Ablehnung von Kriegen zwischen Staaten, und Militär als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument.
Im umfassenderen Sinn gewaltablehnende Vorstellungen von Anarchismus wurden bereits im 19. Jahrhundert von verschiedenen bekannten Anarchisten, zumindest in Ansätzen, vertreten; - beispielsweise vom russischen Naturwissenschaftler und Begründer des kommunistischen_Anarchismus, Peter Kropotkin. Einer der radikalpazifistischen Verfechter eines stark religiös und spirituell inspirierten Anarchismus war in seinen späten Jahren der berühmte russische Schriftsteller Leo Tolstoi.
Inhaltlich ähnlich, wenn auch weniger religiös motiviert, trifft dies in der Zeit auch auf den US-amerikanischen Schriftsteller und Naturphilosophen Henry David Thoreau zu, der vor allem mit seinem Essay ?Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat? eine grundlegende Abhandlung verfasste, die manchen Anarchopazifisten, aber auch Teilen der gewaltfreien Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre in den USA selbst, ein theoretisches Manifest lieferte, in der die Legitimation (im Sinn einer vor allem moralischen Rechtfertigung) des Zivilen_Ungehorsams dargelegt wird.
In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatte der pazifistische Anarchismus auch in Deutschland eine gewisse öffentlichkeitswirksame Anhängerschaft. Vertreten wurden die entsprechenden Ideale beispielsweise vom deutschen Theoretiker des Anarchismus, Gustav Landauer, der seine Vorstellungen in weiten Teilen von den Theorien Peter Kropotkins ableitete.
Landauer wie auch der anarchopazifistische Schriftsteller und Dichter Erich Mühsam, die beide von Anfang an gegen den Ersten_Weltkrieg opponierten, waren während der revolutionären_Ereignisse zum Ende des Krieges und unmittelbar danach an einflussreicher Stelle an der Münchner Räterepublik im April 1919 beteiligt. Im weiteren Verlauf der 1920er Jahre setzte sich Mühsam in verschiedenen Zeitschriften (unter anderem Fanal) und anderen Publikationen für die entsprechenden Ideale ein, ohne allerdings Gewalt grundsätzlich abzulehnen. Aus "Idealistisches Manifest": "Den Weg zu einem Ziele nicht in jeder Kurve kennen, das Werkzeug zu einem Kampfe nicht auf jede Gefahr erprobt haben, das bewirkt die Zweifel, das Warnen, das Bangemachen und selbst den gewalttätigen Widerstand gegen Tendenzen, gegen deren Ehrlichkeit garnichts eingewandt wird." auf [http://de.wikisource.org/wiki/Idealistisches_Manifest de.wikisource.org] Aus "Brennende Erde: Trutzlied - Verse eines Kämpfers": "Daß den Verrat der Teufel hole, langt nur die Repetierpistole, samt den Patronen aus dem Fach, und schmückt den Hut mir der Kokarde, der geldsacktreuen weißen Garde ? Wir geben nicht nach!" auf [http://gutenberg.spiegel.de/muehsam/gedichte/trutzlie.htm gutenberg.de] Der Anarchopazifist Ernst Friedrich erreichte mit seinem Buch Krieg dem Kriege von 1924, im Wesentlichen eine abschreckende Fotodokumentation zum Ersten Weltkrieg mit einem viersprachigen Aufruf an die ?Menschen aller Länder? eine größere Leserschaft. 1925 eröffnete er in Berlin das Anti-Kriegs-Museum. Ab 1933 wurde der Anarchopazifismus in Deutschland nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zerschlagen. Erich Mühsam wurde 1934 in KZ-Haft ermordet.
Nach dem Zweiten_Weltkrieg fand der Anarchopazifismus in Deutschland über einige Jahrzehnte hinweg zunächst keine nennenswerte Basis. Anders war dies insbesondere im anglo-amerikanischen Raum. Die zunächst aus dem kulturellen Bereich der Literatur hervorgehende Beat Generation der 1950er Jahre, zum Beispiel mit Jack Kerouac als einem ihrer bedeutendsten literarischen Vertreter, war teilweise ebenso vom Anarchopazifismus inspiriert wie die Hippie-Bewegung Mitte der 1960er Jahre und die, zum Teil aus ihr hervorgehende, zunehmend politisierte Bewegung gegen den Vietnamkrieg ab Ende der 1960er Jahre. Ein weiterer bekannter Vertreter des Anarchopazifismus war der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell. Die Regenbogenbewegung kann als eine (wenn auch wenig politische) anarchopazifistische Bewegung gewertet werden.
Erst im Laufe der 1970er Jahre bildete sich mit der sogenannten Graswurzelbewegung, und den sich aus ihr herausbildenden Gewaltfreien Aktionsgruppen (GAs) auch in der Bundesrepublik Deutschland wieder eine in Relation zu davor größere Anhängerschaft von anarchopazifistischen Vorstellungen, die im Rahmen der Neuen_Sozialen_Bewegungen, insbesondere bei den Atomkraftgegnern oder in der Friedensbewegung der 1980er Jahre gegen die sogenannte Nachrüstung (vgl. NATO-Doppelbeschluss), dabei mit einer grundsätzlich antimilitaristischen Akzentuierung, eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Die GAs, die sich unter dem Dach der Föderation gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA) zusammengeschlossen hatten, machten durch teilweise spektakuläre Aktionen wie Blockaden vor Atomwaffenstandorten, Selbstankettungen, Bauplatzbesetzungen von umstrittenen Großprojekten und anderem auf sich aufmerksam. Ein weiteres Feld anarchopazifistischen Engagements ist die Propagierung der ?totalen_Kriegsdienstverweigerung?, die über das in Deutschland grundgesetzlich garantierte Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen hinaus reicht. Totalverweigerer entziehen sich vor dem Hintergrund einer Ablehnung jeglichen staatlichen Zwangsdienstes, und somit einer allgemeinen Dienstverpflichtung (?Wehrpflicht?) als solcher, auch dem zivilen_Ersatzdienst. Damit nehmen sie auch in Deutschland gegebenenfalls juristische Strafverfolgung mit dem Vorwurf der Desertion (?Fahnenflucht?) und dem Risiko einer möglichen Inhaftierung in Kauf.
Im deutschsprachigen Raum fungiert seit 1972 die Zeitung "Graswurzelrevolution" als das wichtigste Sprachrohr des pazifistischen Anarchismus.
Quellen
Literatur
• David Thoreau]: Resistance to Government (später veröffentlicht als Civil Disobedience) (dt. Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat) (Essay) u. a., Diogenes Verlag, ISBN 3-257-20063-3 und ISBN 3-257-06460-8
• Russell]: Wege zur Freiheit. Sozialismus, Anarchismus, Syndikalismus. (1918) Suhrkamp, Frankfurt 1971
• Friedrich]: Krieg dem Kriege (Reprint der Ausgabe von 1924), Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, ISBN 3-421-05840-7,
• (Hg.): Gewaltfreier Anarchismus. Herausforderungen und Perspektiven zur Jahrhundertwende, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 1999, ISBN 3-9806353-1-7
*[[Bernd Drücke]: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm 1998, ISBN 3-932577-05-1, (Zur Geschichte der Graswurzelrevolution siehe insbesondere S. 165-181)
*Bernd Drücke (Hg.): ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert. Interviews und Gespräche, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-87956-307-1 (Zur Geschichte der Graswurzelrevolution siehe Kapitel 3: Gewaltfreier Anarchismus und Graswurzelrevolution, S. 114-201)
• Jenrich]: Anarchistische Presse in Deutschland 1945-1985, Trotzdemverlag, Grafenau 1988
• Saathoff]: Graswurzelrevolution. Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik, 1972-1980, Diplomarbeit, Universität Marburg 1980

