Anaclitismus
Anaclitismus ist der Akt Erwachsener, sexuelle Erregung durch Aktivitäten oder Objekte zu erhalten, denen man als Kind ausgesetzt war. Beispielsweise Brustsaugen, Einläufe, Toiletten-Training und viele Aktivitäten, die zu BDSM gehören, oft mit einem Kind/Erzieher-Rollenspielhintergrund. Gerade letzteres bezeichnet man auch als Autonepiophilie'. Es handelt sich um eine sexuelle Form des Infantilismus.
Umgangssprachlich wird Anaclitismus auch als Windelfetisch bezeichnet, dieser stellt aber nur einen Teilaspekt des Fetisches dar. Stofftiere und Schnuller können genauso fixiert werden.
Erscheinungsformen
Zu unterscheiden sind aktive, passive und kontemplative Formen des Windelfetischismus, wobei Mischformen untereinander und auch mit anderen sexuellen Ausprägungen häufig sind. So lieben einige Windelfetischisten es mehr oder wenig auffällig sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Viele "tarnen" sich als Inkontinente:
*Bei der aktiven Form besteht die Befriedigung im Tragen von medizinischen Erwachsenenwindeln (Inkontinenzhilfen), um einzunässen oder bei manchen Betroffenen auch einzukoten. Dabei besteht gewöhnlich keine tatsächliche Inkontinenz. Diese Fetischisten bezeichnen sich in den Internet-Foren als "Windelliebhaber" oder englisch als DL (Diaper Lover). In einigen Fällen wird aber weder eingenässt oder eingekotet, sondern lediglich das Tragen der Windel genossen.
*In der passiven Form helfen Windeln und sonstige Kindergegenstände (wie Schnuller und dgl.) um in der Fantasie in frühere Alterstufen zu regradieren (psychosexueller Infantilismus). Diese Form des Ageplay hat aber keinesfalls mit der Pädophilie zu tun; Betroffene haben kein sexuelles Interesse an Kindern, sondern wollen selbst wieder zum Kind werden und auch als Baby behandelt werden. Deshalb bezeichnen sich die Fetischisten auch als "Erwachsenenbaby" oder englisch als AB (Adult Baby). Jugendliche, die dieses Ageplay vollziehen, nennen sich TB Teenbabys.
*In der kontemplativen Form führen Bilder von Windeln bzw. erwachsenen Personen (meist Frauen) in Windeln zur sexuellen Erregung.
*Im BDSM-Umfeld werden Windeln zur Demütigung des Windelträgers eingesetzt. Er bleibt z.B. solange gefesselt, bis er eingenässt hat. Die Erregung kommt hier nicht durch das Tragen der Windel, sondern durch den Akt der Demütigung.
Hypothesen für die Ursachen
*Eine Hypothese besagt, dass Kinder, die von den Eltern frühzeitig und übertrieben zum selbstständigen Toilettengang angehalten wurden, eher anfällig für Windelfetischismus sind.
*Auch der zunächst krankheitsbedingte Kontakt mit Windeln aufgrund einer aufgetretenen Inkontinenz, kann bei manchen Menschen dazu führen, dass sie später die Notwendigkeit Windeln zu tragen als angenehm empfinden und auch nach der Heilung der Inkontinenz weiterhin gerne Windeln tragen. Es gibt auch dauerhaft Inkontinente, die eine Leidenschaft für das Windeltragen entwickeln.
*Eine weitere Hypothese geht davon aus, dass erste sexuelle Erfahrungen im Kindesalter, wie z.B. ein erster Orgasmus nach nächtlichem Einnässen, eine sexuelle Prägung begünstigen können.
*Darüberhinaus wird vermutet, dass starke Liebesentbehrungen oder auch übermäßige Verzärtelung während der frühen Kindheit zum Windelfetischismus führen können. Es kann aber auch sein, dass die Abnahme der Fürsorge (Wickeln) nach dem Trockenwerden zum Fetisch führt, wenn z.B. jüngere Geschwister diese zusätzliche Fürsorge noch bekommen
• über das normale Kindesalter hinaus kann auch zum Windelfetischismus führen, da die Windel bewusst nachts vom Kind getragen werden muss und so eine Schutzfunktion für das Kind bekommt.
*Auffallend ist ferner, dass ein Teil der Windelfetischisten, die sich zusätzlich auch in die Rolle eines Babys oder Kleinkindes begeben viele Gemeinsamkeiten haben. Diese bezeichnen sich selbst als "Adult Babys".
All das sind aber weitgehend unbestätigte Hypothesen. Die Problematik der Ursachenforschung steckt ebenfalls in der Tabuisierung. Dem Fetischisten ist es meist aus Scham nicht möglich, mit seiner Umwelt (Familie, Partner) offen zu sprechen. Die meisten können sich selbst nicht mehr an die Zeit erinnern, bevor sie trocken wurden. Bei den Eltern nachzufragen, ob es irgendwelche Besonderheiten in der Trockenwerdungsphase gab, die zum Auslösen des Fetisch geführt haben können, trauen sie sich nicht und es ist auch nicht wissenschaftlich untersucht worden. Einige Fetischisten, die lange Bettnässer waren und somit bewusst Windeln tragen mussten, können sich daran erinnern, dass sie die Windeln irgendwann tragen wollten und diese auch absichtlich nass gemacht haben, weil es ihnen gefallen hat. Dies führt dann oft in der Tabuthema und es gibt keine Anzeichen, dass sich das ändern könnte. Wie über die Themen Inkontinenz und Bettnässen möchte die Mehrheit der Gesellschaft nicht über "freiwilliges oder unfreiwilliges Windeltragen" reden oder auch nur Bescheid wissen, obwohl (oder gerade weil) es im Alter jeden betreffen kann. Im Sinne der heutigen Psychologie zählt Windelfetischmus nicht zu den Paraphilien. Der Psychologe Peter Fiedler, Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg, definiert: Eine Paraphilie ? übersetzt «sexuelle Abweichung» ? liege dann vor, wenn der Betroffene von seinen Fantasien so gefangen genommen werde, dass sein soziales Leben nicht mehr funktioniere und nur von der Fantasie bestimmt sei.
Windelfetischismus wird auch als Autonepiophilie bezeichnet, stellt aber keine Abnormalität dar und ist somit nur dann behandlungswürdig, wenn sich weitere subjektiv negative Folgen für das Leben eines Betroffenen daraus ergeben. Eine "Heilung" im echten Sinne scheint nur selten zu gelingen, Ziel von Therapien ist daher wohl eher, dem Betroffenen die Möglichkeit zu geben, entweder seine Vorlieben guten Gewissens und ohne allzu große Heimlichkeit in Maßen auszuleben, oder aber die Möglichkeit, dem weiterhin vorhandenen Wunsch danach nicht mehr nachzugeben.
Literatur
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