Anacharsis
Anacharsis (griech. ?????????, Anácharsis, m., Eigenname) ist ein in antiken Schriftquellen mehrfach erwähnter, legendärer Skythe, der zu Solons Zeiten (um 600 v. Chr.) eine Bildungsreise durch Griechenland unternommen haben soll.
Herodot erzählt in seinen "Historien" (IV 46, 76 f.), Anacharsis sei Bruder des skythischen Königs Saulios (Saulinos) gewesen und habe ein sanftes Wesen und Wissbegierde besessen - im Gegensatz zu seinem von den Griechen stets als roh und kulturfeindlich beschriebenem Volk. Seine Neugier habe ihn lange Reisen unternehmen lassen, die ihn auch nach Griechenland führten. Anacharsis wird die Erfindung von Anker, Blasebalg und Töpferscheibe zugeschrieben. Herodot bemerkt, dass er bei den Skythen selbst keine Überlieferung über Anacharsis vorfand, und so dürfte seine Gestalt (weitgehend) mythisch sein.
Herodot setzt Anacharsis als bekannte Persönlichkeit voraus (Hist. IV 46; s.a. Platon Rep. X 600a) und berichtet, dass er nach seiner Rückkehr aus Griechenland von seinem königlichen Bruder Saulios mit einem Pfeil erschossen worden sei, weil er einen griechischen Mysterienkult zelebriert habe (Hist. 4, 76). Diogenes Laertios schildert ihn als geistreichen und schlagfertigen Skythen, der in seiner rückständigen Heimat Opfer seines Philhellenismus geworden sei (I 101 ff). Er berichtet ferner von Anacharsis' Begegnung mit Solon und erwähnt Bildsäulen von ihm sowie zahlreiche ihm zugeschriebene Sinnsprüche (50 Apophthegma). Ephoros von Kyme soll Anacharsis zu den "Sieben_Weisen" gezählt haben (Diog. Laert. I 41). Auch andere Autoren (Aristot. Eth. Nicom. 1176b 33; Athen. X 437 f., 445 f.; Ael. var. hist. II 41) überliefern Sentenzen, die Anacharsis zugeschrieben werden.
In der Antike kursierten fiktive Briefe des Anacharsis (10 Pseudepigraphen), die ihn als bedürfnislosen edlen Wilden und Muster kynischer Lebensart darstellen. Cicero zitiert einen dieser Briefe in seinen "Gespräche_in_Tusculum" (V 90).
Name und Gestalt des Anacharsis wurden in der späteren Geistesgeschichte immer wieder zur Kennzeichnung eines vorurteilslosen, kritischen Zeitgenossen verwendet. Lukian von Samosata setzte ihn als Sprecher in seinem spöttischen Dialog "Anacharsis" über das antike Sportwesen ein.
An die Figur des Anacharsis knüpft im 18. Jahrhundert die literarische Fiktion des Jüngeren Anacharsis an. Der Abbé und Gelehrte Jean-Jacques Barthélémy machte ihn zum Helden seines 1788 unter dem Titel "Voyage du Jeune Anacharsis en Grece" erschienenen großen Reiseromans, der das Griechenlandbild seiner Zeit entscheidend prägte. Hieran anknüpfend erschien von Wilhelm Walter 1845 der historische Roman "Der Anacharsis des dreizehnten Jahrhunderts".
Inspiriert durch den Roman von Barthélémy nahm der preußische Baron Johann Baptist Cloots (1755?1794), begeisterter Anhänger der französischen_Revolution, den Namen "Anacharsis Cloots" an. Diesen Namen wiederum erkor der Künstler Joseph Beuys zu seinem Alter Ego, was er durch die Verschmelzung ihrer beider Namen zu "JosephAnacharsis Clootsbeuys" unterstrich.
Literatur
* Claudia Ungefehr-Kortus: Anacharsis, der Typus des edlen, weisen Barbaren. Ein Beitrag zum Verständnis griechischer Fremdheitserfahrung. P. Lang, Frankfurt/M & New York 1996. ISBN 3631304110
* Franz Heinrich Reuters (Hrsg.): Die Briefe des Anacharsis : griechisch und deutsch. Akademie-Verlag, Berlin 1963. OCLC: 4100798
* Richard Heinze: Anacharsis. Leipzig 1891. OCLC: 77330482 (Bericht des Lucianus von Samosata)
* Lucianus; Erwin Steindl: Scytharum colloquia quae inscribuntur Toxaris, Scytha, Anacharsis. Teubner Verlagsgesellschaft, Leipzig 1970. ASIN: B0000BSF9Z
* Jan F. Kindstrand: Anacharsis, the legend and the Apophthegmata. Almqvist & Wiksell, Uppsala 1981. ISBN 9155411657
* Jean-Jacques Barthélémy; William Beaumont: Travels of Anacharsis the younger in Greece : During the middle of the fourth century, before the Christian aera. Versch. Verlage, USA 1804. OCLC: 2271154

