Alice Herz-Sommer
Alice Herz-Sommer (26. November 1903 in Prag, Österreich-Ungarn, heute Tschechien) ist eine deutsch-tschechische Pianistin und Musikpädagogin und eine Überlebende des KZ Theresienstadt, in dem sie als junge Frau mehr als 100 Konzerte gab.Sie ist Mutter des 2001 bereits verstorbenen Cellisten und Dirigenten Raphael Sommer, Witwe von Leopold Sommer, Geiger. Raphael war Schüler von Paul Tortelier und Mitglied des Solomon Trio. Alice Herz-Sommer spielt mit 103 Jahren noch immer täglich mehrere Stunden Klavier.
Leben
Kindheit
Alice Herz-Sommer wird am 26. November 1903 zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Marianne in Prag, damals Österreich-Ungarn, geboren. Als Tochter jüdischer Eltern, dem Fabrikantenehepaar Sofie und Friedrich Herz, wächst sie im Umfeld eines aufgeklärten und liberalen Bürgertums auf.
Bereits in frühen Jahren entdeckt Alice ihre Liebe zur Musik. Mit drei Jahren saß sie das erste Mal vor dem Klavier, bereits mit fünf Jahren bekam sie Klavierunterricht. Zudem erlernt die junge Alice mehrere Fremdsprachen.
In ihrem Elternhaus in Prag verkehrten bekannte Schriftsteller, Wissenschaftler, Musiker und Schauspieler, wie Sigmund Freud und Franz Kafka, der für Alice wie ein älterer Bruder war und oft mit ihr spazieren ging. Verlagsgruppe Droemer Knaur; Alice Herz-Sommer ? ?Ein Garten Eden inmitten der Hölle? [http://www.droemer-knaur.de/sixcms/detail.php?id=44847&skip=1]
Alice Herz-Sommer ist wohl eine der letzten lebenden Menschen, die Franz Kafka noch persönlich kannten. Er war Freund ihres Schwagers, des Journalisten, Schriftstellers und Philosophen Felix Weltsch. Kafka, Weltsch, der Journalist Oskar Baum und der Schriftsteller, Übersetzer und Komponist Max Brod kamen jeden Sonntag zusammen, um über das Tagesgeschehen und Politik zu sprechen und sich gegenseitig vorzulesen, was sie unter der Woche geschrieben hatten. Elmar Krekeler: [http://www.welt.de/data/2006/09/18/1040377.html Alice Herz-Sommer, überlebensgroße Optimistin.] 18.09.2006 (Alice Herz-Sommer im Interview mit Der_Welt) Alice war es als zehnjähriges Mädchen des öfteren erlaubt, mitzukommen. Die Eltern waren zudem intensiv befreundet mit den Eltern von Gustav Mahler.
Im Ersten_Weltkrieg verlor ihr Vater fast sein gesamtes Vermögen.
Jugend
Nach dem Ersten Weltkrieg, bereits mit sechzehn Jahren, wird sie das jüngste Mitglied an der Deutschen Musikakademie Prag. Bereits wenige Jahre später ist Alice eine der bekanntesten Pianistinnen der Stadt, und zu Beginn der dreißiger Jahre ist sie auch in Europa als Pianistin bekannt.
Sie führte zusammen mit dem Chor der Musikakademie die 8. Symphonie von Gustav Mahler unter der Leitung von Alexander Zemlinsky auf.
Sie gewann mehrere Auszeichnungen. Max Brod verfasste aufgrund ihres Talents einige Jahre später mehrere Musikkritiken über Alice, zudem kommt sie in einem Roman als Klavierlehrerin vor.
Als Alice Herz-Sommer dem österreichischen Pianisten und Komponisten Artur Schnabel vorspielte, um seine Meisterschülerin zu werden, lehnte dieser ab, denn er könnte ihr weder technisch noch musikalisch etwas beibringen.
Zweiter Weltkrieg
Im Jahr 1931 heiratet sie den Geiger Leopold Sommer. Die beiden bekommen 1937 einen Sohn, Raphael Sommer. Doch nach und nach verschlechtert sich die Situation. Als die deutsche Wehrmacht im März 1939 Prag besetzt, beginnt auch dort die Verfolgung_der_jüdischen_Bürger. Einige Bekannte, Freunde und Verwandte wie ihre Schwester Irma sowie ihr Schwager Felix Weltsch oder Max Brod konnten mit dem letzten Zug am 14. März 1939 fliehen.
Alice, bereits eine bekannte und gefeierte Pianistin, wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mit einem Auftrittsverbot belegt und konnte daraufhin nicht mehr öffentlich Klavier spielen. In Prag, wie auch in zahlreichen anderen von den Nazis besetzten Städten, entwickelte sich aus der Not ein reges Hauskonzertleben. Alice und ihre Freundin Edith Kraus, ebenfalls eine Pianistin, veranstalteten und spielten viele solcher Hauskonzerte.
Doch aufgrund der zunehmenden Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung und anderer Minderheiten, konnten die Freundinnen sich gegenseitig nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr besuchen, da sie zu weit voneinander entfernt wohnten und es den Juden der Stadt verboten war, nach 20 Uhr noch auf der Straße zu sein.
Somit lud man überwiegend Freunde aus der direkten Nachbarschaft ein. Zu Alice kam ein paar mal der Komponist, Dirigent und Pianist Viktor Ullmann. Artikel über Alice Herz Sommer und Edith, Neue Musikzeitung; Begegnung mit Jahrhundertzeuginnen, März 2003/2004 [http://www.nmz.de/nmz/2004/03/feature-kraus.shtml]
Den Lebensunterhalt der Familie konnte Alice mit dem Klavierunterricht finanzieren. Durch die deutsche Besatzung wurde dies jedoch auch von Tag zu Tag schwieriger, denn Juden durften keine Nicht-Juden mehr unterrichten. Somit wurde vielen Juden auch die letzte Lebensgrundlage genommen. Dennoch setzte sich Alice über die Bestimmungen hinweg und unterrichtete weiter.
Etüden zur Konzertreife gebracht. Dann im Jahr 1943 kam dann das Unvermeidliche und auch sie erreichte das Schicksal.
Drei Tage wurde die Familie Sommer in einer großen Halle festgehalten. Angesichts tausender Matratzen und den Aufmärschen unter freiem Himmel wurde Alice klar, was auf die Familie zukommen wird. Sie selbst, ihr Mann und ihr sechsjähriger Sohn wurden in das Brundibár des Komponisten Hans Krása, der als alter Mann im KZ Auschwitz-Birkenau in Polen starb.
Unter anderem spielten die Häftlinge, weitgehend ohne Partituren, aus dem Gedächtnis, Beethoven, Bach, Tschechen und die 24 Etüden Chopins. Alle halbe Stunde wechselten sich die vielen Konzertpianisten des Lagers ab, um in einem kleinen Zimmer auf dem Piano des Lagers zu üben. An einigen Tagen waren bis zu vier Konzerte angesetzt. Immer wieder verschwanden die Namen der Musiker von den Transportlisten, die in andere Vernichtungslager führten.
Auf die Frage hin, wie Alice es geschafft hat, das Leben im Konzentrationslager auszuhalten, antwortete sie:
Ihr Mann, Leopold Sommer, wurde Ende September Rote Armee das Theresienstädter Konzentrationslager. Zuletzt erfüllte die ?jüdische Mustersiedlung? drei Aufgaben: Sie war Transitlager, sie diente der Vernichtung von Menschen und zeitweilig der Propaganda.
Doch auch nach der Befreiung sieht sie sich und andere jüdische Mitbürger dem Antisemitismus ausgesetzt und hat nun in der Tschechoslowakei unter dem stalinistischen Terror zu leiden. In einem Klima der politischen Unterdrückung herrschen zu dieser Zeit Angst und Misstrauen in der Gesellschaft.
1947, nach zwei Jahren im tschechischen Sozialismus, emigriert sie mit Ihrem Sohn zu ihrer Zwillingsschwester und Freunden nach Israel, die sich schon in den Dreißiger Jahren nach Palästina hatten retten können.
Israel
Alice Herz-Sommer unterrichtet am Jerusalemer Konservatorium und unter anderem arbeitet sie auch als Musikpädagogin. Sie wurde Gründungsmitglied der Akademie in Jerusalem, an der sie dann 25 Jahre arbeiten sollte. Ihre Freundin Edith Kraus wurde Gründungsmitglied der Akademie in Tel Aviv.
Die Freundinnen verloren beide einen großen Teil der Familie und mussten miterleben, wie ihre Männer nach Auschwitz deportiert wurden. Sie sind als Zeitzeugen für die Geschichts- und Musikforschung von besondere Bedeutung. Persönlich waren sie aus der Zeit in Prag und im KZ Theresienstadt sehr gut bekannt mit Viktor Ullmann, Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása und Karel Reiner.
Viktor Ullmann schätzte beide Pianistinnen sehr. Alice Herz-Sommer widmete er seine 4. Sonate; Edith Kraus spielte die Uraufführung der 6. Klaviersonate in Theresienstadt.
Ullmann wirkte als Klavierbegleiter, organisierte Konzerte (?Collegium musicum?, ?Studio für neue Musik?), schrieb Kritiken über musikalische Veranstaltungen und komponierte. Sein Theresienstädter Nachlass blieb nahezu vollständig erhalten.
London
1986, im Alter von bereits 83 Jahren zieht Alice nach 37 Jahren in Israel zu ihrem Sohn Raphael Sommer und seiner Familie nach London. Er ist mittlerweile ein international gefeierter Cellist und Dirigent und Mitglied des Solomon Trio.
Seit 1993, als sie den Geiger Tony Strong traf, übt Alice auch neue Stücke ein u. a. Debussy, Poulenc, Ravel. Zweimal im Monat trifft sie sich mit ihm zum Spielen.
Bis in ihr 92. Lebensjahr beherrscht sie ihr gesamtes Repertoire auswendig. Doch nachdem ihre beiden Zeigefinger steif wurden, studierte sie einen Teil der Stücke mit einem Acht-Finger-System neu ein, dies im stolzen Alter von 92 Jahren.
1995 wurde Raphael Sommer im Auftrag der Jeunesses Musicales Deutschland musikalischer Leiter der Kinderoper Brundibár, die in Berlin, Warschau und Prag weltweit beachtet sehr erfolgreich aufgeführt wurde. Plötzlich und völlig unerwartet verstarb er jedoch 2001, 64-jährig, in Israel auf einer Konzerttournee. Ein weiterer großer Schicksalsschlag in Alice?s Leben.
Täglich übt sie zwischen 10:00 Uhr und 13:00 Uhr drei Stunden Klavier. Essen hält sie für überschätzt. Seit 30 Jahren macht sie einmal wöchentlich einen großen Topf Hühnersuppe, die sie jeweils mit frischem Gemüse variiert. Das Spirituelle, glaubt sie seit Theresienstadt, ist für den Menschen wichtiger als das Essen.
Auch im 104. Lebensjahr läuft sie ohne Stock. Alice Herz-Sommer war ein Freund des Hauptrichters der 26. November 1903
|GEBURTSORT= Prag
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