Algerienkrieg
Der Algerienkrieg bezeichnet den Krieg um die Unabhängigkeit Algeriens in den Jahren 1954 bis 1962.Hauptartikel: Geschichte Algeriens
Unruhen 1945
Im Mai 1945 kam es in einigen algerischen Städten zu schweren Unruhen, die neun Jahre später in den Algerienkrieg mündeten.
siehe auch: Massaker von Sétif
Verlauf
Da Frankreich nach dem Zweiten_Weltkrieg die Unabhängigkeit Algeriens weiter ablehnte, u. a. wegen der starken französischen Minderheit von 800.000 Siedlern (Colons) bei 8 Millionen Einwohnern, begann die algerische Befreiungsfront (FLN) am 1. November 1954 mit dem bewaffneten Kampf. Der Konflikt weitete sich aus, als die FLN seit 1956 durch das mittlerweile unabhängige Marokko und Tunesien unterstützt wurde. Die französischen Truppen wurden in der Folgezeit ? auch unter Hinzuziehung von Fremdenlegionären ? auf ca. 500.000 Mann verstärkt und konnten teilweise Erfolge erzielen. So wurde 1957 unter dem Kommando von General Jacques Massu in der Schlacht von Algier die FLN geschlagen. Auch wenn Frankreich in der Folgezeit den militärischen Nachschub für die FLN teilweise unterbinden konnte, war eine vollständige Befriedung des Landes gegen die Guerillaeinheiten der FLN nicht möglich. Frankreich entwickelte in der Folge eine durch ihre Rücksichtslosigkeit berüchtigte Strategie zur Bekämpfung der Aufständischen, die als französische_Doktrin bekannt wurde. Der Algerienkrieg gilt als einer der von beiden Seiten am grausamsten geführten Unabhängigkeitskriege.
Zunehmend kam es wegen der Kämpfe auch zu heftigen Spannungen unter den Franzosen selbst. Während in Frankreich eine Mehrheit der Bevölkerung eine Beendigung des Krieges und die Unabhängigkeit Algeriens akzeptieren wollte, drohten Teile des Militärs und der Siedler mit einem Putsch. Nachdem in Frankreich bei einem Referendum 1961 78 % der Bevölkerung für einen Rückzug aus Algerien gestimmt hatten, kam es zu verstärkten Terrorakten der französischen Siedler bzw. ihrer Geheimorganisation OAS. Diese wurden von der FLN mit Gegenterror beantwortet. Am 17. Oktober 1961 initiierte die FLN eine friedliche Protestkundgebung in Paris, an der etwa 30.000 Algerier teilnahmen. Die Polizei löste die Demonstration gewaltsam auf, indem sie in die Menge schoss. Im Laufe des Tages nahm sie etwa 14.000 Algerier fest und brachte sie in Sportstadien und andere improvisierte Hafträume, wo sie viele von ihnen für mehrere Tage festhielt. Am 17. Oktober und in den Tagen danach töteten Polizei und Militär bei Krawallen bis zu 200 Menschen, deren Leichen teilweise in die Seine geworfen wurden (vgl. Massaker von Paris 1961).
Nach längeren Verhandlungen erkannte Charles de Gaulle im Abkommen von Evian am 18. März 1962 das Recht Algeriens auf Selbstbestimmung an. Auch wenn den französischen Siedlern ihr Eigentum garantiert wurde, kam es zu einer Massenflucht nach Frankreich. Am 1. Juli 1962 stimmten die Algerier über die staatliche Unabhängigkeit ihres Landes ab: 99 % der Wähler votierten dafür und am 3. Juli erkannte Frankreich Algeriens Unabhängigkeit an.
Opfer
Während des siebeneinhalb Jahre andauernden Krieges starben nach französischen Angaben: 17.459 Soldaten (davon 5.966 nicht im Gefecht getötet), darunter viele Fremdenlegionäre. Die FLN schätzte ihre Verluste 1962 auf etwa 300.000. Die Gesamtzahl getöteter Algerier wurde von Frankreich später mit 350.000, von algerischen Quellen mit bis zu 1,5 Millionen angegeben. Offizielle französische Angaben bezifferten die Zahl der getöteten Gegner auf 141.000, dazu weitere 12.000, die bei Kämpfen innerhalb der FLN ums Leben kamen, sowie 5.000 bei Auseinandersetzungen rivalisierender algerischer Gruppen im französischen Mutterland. Weitere 70.000 algerische Zivilisten sollen bei Aktionen der FLN getötet worden sein. Die Opferzahl europäischer Zivilisten wurde auf 3.000 Tote und 7.000 Verletzte geschätzt. Anfang 1962 wurde die Bevölkerung Algeriens mit 11.020.000 Einwohnern angegeben, davon 1.033.000 Nicht-Muslime, die das Land im Verlauf des Jahres fast vollständig verließen. Gleichzeitig gab es bis zu zwei Millionen algerische Flüchtlinge während des Krieges. 150.000 algerische Kollaborateure, die so genannten ?harkis?, die während des Krieges in der französischen Armee und in milizähnlichen Selbstschutzeinheiten ( beispielsweise zum Schutz von Dörfern) dienten oder den Franzosen als Dolmetscher bei der Befragung von eigenen Landsleuten oder bei der Folter eigener Landsleute geholfen hatten, wurden nach dem Krieg von französischen Soldaten entwaffnet und ihrem Schicksal überlassen. Sie wurden fast alle unter furchtbaren Umständen ermordet. Die angegebene Zahl der Opfer schwankt sehr stark zwischen 30.000 und 150.000. Einigen 10.000 gelang die Flucht nach Frankreich, wo sie zu wichtigen Vertretern des Islam in Frankreich wurden. Für die Geschichte Algeriens ist der Krieg, neben der Erringung der Unabhängigkeit, insoweit von großer Bedeutung, als das Militär einen starken Einfluss auf die Politik erlangte und eine wirkliche Demokratisierung des Landes bisher verhindern konnte.
Siehe auch
Manifest der 121
Antikolonialismus
Liste der Kriege
Liste von Schlachten
Literatur
* Hartmut Elsenhans: Frankreichs Algerienkrieg 1954?1962. Entkolonisierungsversuch einer kapitalistischen Metropole. München, 1974.
* Martin Evans, The Memory of Resistance: French Opposition to the Algerian War (1954?1962), Berg Publishers 1997
Frantz Fanon: Im fünften Jahr der algerischen Revolution. s.l., 1959 (Originaltitel: L'an cinq de la révolution Algérienne)
* Mohammed Harbi, Benjamin Stora (Hrsg.): La guerre d?Algérie. 1954?2004. La fin de l?amnésie; Verlag Robert Laffont, Paris 2004; 728 Seiten. (frz.)
* Bernhard Schmid: Algerien ? Frontstaat im globalen Krieg? Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamistische Ideologie in einem nordafrikanischen Land. ISBN 3-89771-019-6
* Bernhard Schmid (2006): Das koloniale Algerien. Münster. ISBN 3-89771-027-7
* Claus Leggewie: Kofferträger: das Algerien-Projekt der Linken im Adenauer-Deutschland. Berlin, 1984.
* Guy Hennebelle, Mouny Berrah, Benjamin Stora: La Guerre d'Algérie à l'écran, Cinémaction, 1997.
Filme
* Les Déracinés, dt. Titel: Flucht nach Korsika, Regie: Jacques Renard, Fernsehfilm ARTE F, Frankreich 2001, [http://german.imdb.com/title/tt0296586/ (IMDb)]
* La Guerre Sans Nom, dt. Titel: Der Krieg ohne Namen
* La Battaglia di Algeri, dt. Titel: Die Schlacht um Algier, Regie: Gillo_Pontecorvo, Italien/Algerien 1965, [http://german.imdb.com/title/tt0058946/ (IMDb)]
* Lost Command, dt. Titel: Sie fürchten weder Tod noch Teufel, Regie: Mark Robson, USA 1966, Darsteller: Anthony Quinn, [http://german.imdb.com/title/tt0060637/ (IMDb)]
Weblinks
• Kriege-Archiv der Universität Hamburg (Fachbereich Sozialwissenschaft)
• Marco Hausig: Die geschichtliche Entwicklung Algeriens (im WS 1995/96 vorgelegte Hausarbeit mit Schwerpunkt auf dem Algerienkrieg) ([http://www.ph-ludwigsburg.de/html/2b-frnz-s-01/overmann/baf4/algerie/])
* [http://zeus.zeit.de/text/archiv/2002/12/200212_nora.xml Pierre Nora: Untergang einer Staatslüge.] Vierzig Jahre nach dem Ende des Algerienkriegs: Ein Gespräch mit dem französischen Historiker Pierre Nora über die Wunden der Geschichte. Die Fragen stellte Jacqueline Hénard. Artikel in Die Zeit Nr. 12 von 2002.

