Alfred Lorenzer
Alfred Lorenzer (8. April 1922 in Ulm; ? 26. Juni 2002 bei Perugia (Italien)) war ein deutscher Psychoanalytiker und Soziologe. Lorenzer gilt als Pionier einer interdisziplinären Psychoanalyse, da er stets die sowohl psychologische als auch biologische und soziologische Dimensionen in der Wissenschaft vom Menschen, insbesondere der Psychoanalyse berücksichtigt wissen wollte.Alfred Lorenzer wurde am 8. April 1922 in Ulm geboren und durchlief hier die schulische Ausbildung. Nach seinem Abitur begann er ein Architekturstudium, wechselte aber bald zur Medizin. Lorenzer spezialisierte sich nach seinem Examen auf das Gebiet der Psychiatrie, promovierte bei Ernst Kretschmer in Tübingen 1954 und wandte sich bereits als dortiger Oberarzt der Psychoanalyse zu ? damals eine tabubesetzte Grenzüberschreitung. 1960-63 arbeitete er an der von Alexander Mitscherlich geleiteten psychosomatischen Klinik der Universität Heidelberg, anschließend von 1963-69 in Frankfurt am Sigmund-Freud-Institut, dessen Leitung Mitscherlich übernommen hatte. Hier tat Lorenzer die entscheidenden Schritte zur Entwicklung seines eigenen theoretischen Ansatzes, einer Verknüpfung von Psychoanalyse und Soziologie, und habilitierte sich 1969 an der philosophischen Fakultät der Frankfurter Universität. 1971 wurde er auf eine Professur für Sozialpsychologie in Bremen berufen, 1974 kehrte er nach Frankfurt zurück und übernahm an der Universität einen Lehrstuhl für Soziologie (Sozialisationstheorie).
Bis 1992 war Alfred Lorenzer als Lehr- und Kontrollanalytiker tätig.
Grenzüberschreitungen, wie sie sich in seiner Biographie zeigen, prägen auch seine wissenschaftliche Arbeit. Bereits in seiner Dissertation hinterfragt er das Verhältnis von Anlage und Sozialisationseinfluss. Seinen weiteren Weg bis in die 70er Jahre faßte Lorenzer selbst so zusammen:
"Ich hatte eine Reihe von Jahren Psychiatrie hinter mir, hatte sie aber verlassen und die psychoanalytische Ausbildung durchlaufen, weil die Psychiatrie so gänzlich ratlos den großen Traumen jener Zeit gegenüberstand. Begierig, das Rätsel der traumatischen Neurose in der Psychoanalyse gelöst zu finden, stieß ich da bald auf eine Grenze, von der mir klar wurde: nur in der Öffnung der Psychoanalyse zur Kritischen_Theorie konnte die Lösung gefunden werden." (Mitten in der Auseinandersetzung. In: Materialien aus dem Sigmund-Freud-Institut Frankfurt, No. 2, Sozialforschung und Psychoanalyse als repolitisierende Praxis. Klaus Horn zum Gedenken. Hg.: H.-J. Busch u. H. Deserno. Frankfurt a. M.1986, S. 53)
Bedeutsam war hier die Begegnung mit Klaus Horn; in ihm fand er einen anregenden Diskussionspartner und Freund. Beide verband das wissenschaftliche Engagement für eine analytische Sozialpsychologie. Bedeutsam waren auch die Diskussionen mit anderen Wissenschaftlern am Sigmund-Freud-Institut, an denen u.a. Jürgen Habermas teilnahm. Lorenzer stellte dort den Entwurf seiner Habilitationsschrift vor. Habermas bezieht sich in ?Erkenntnis und Interesse? darauf. 1970 ist Lorenzers Untersuchung auf zwei Bücher aufgeteilt erschienen: "Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs" und "Sprachzerstörung und Rekonstruktion".
Psychoanalyse als ?kritisch-hermeneutisches Verfahren?
Lorenzers Erkenntnisinteresse richtete sich auf Formen beschädigten Lebens, wobei er den Zusammenhang von Trieb und Gesellschaft, Sinnlichkeit und Beziehung ins Zentrum rückte. So setzt er einem idealistisch verkürzten Verständnis der Psychoanalyse entgegen:
"Motor des psychoanalytischen Erkenntnisprozesses ist daher nicht das Interesse an Selbstreflexion, sondern sinnlich erfahrbares Leiden, das nach Aufhebung verlangt." (1973, S. 142)
"Psychoanalyse als kritisch-hermeneutisches Verfahren bezieht ihren Impuls aus der unerträglichen realen Lage der Subjekte, sie lebt vom "Widerspruch" und zielt auch auf nichts anderes (...) als darauf, blind erfahrene Widerspruchskonsequenzen in bewußte Erfahrung zu verwandeln." (1973, S. 146)
Ergebnis von Lorenzers Intention, Psychoanalyse als "Kritische Theorie des Subjekts" zu reformulieren, ist seine Theorie der Interaktionsformen: Aus den leiblichen Prozessen der Bedürfnisbefriedigung entstehen im sozialen Zusammenspiel der frühen Kindheit für die Persönlichkeit formbildende Interaktionsmuster. Diese werden mit der Einholung in Sprache später sowohl in ein Netz allgemeiner Regeln eingebunden (und damit vergesellschaftet) als auch dem Subjekt symbolisch verfügbar, der Reflexion zugänglich. Kommt es nicht zur Verbindung zwischen Verhaltensformel und Sprache, oder wird diese Verbindung später im Konflikt zerstört, entstehen neurotische Deformationen, deren Sinn der Analytiker mit "szenischem_Verstehen" erfassen und die er gemeinsam mit dem Patienten bearbeiten kann.
Im letzten Jahrzehnt seiner wissenschaftlichen Arbeit galt sein besonderes Interesse dem Feld sinnlich-symbolischen Ausdrucks, dem Bereich der kulturellen Symbole - der Bilder, Klänge und der Literatur - , in dem neue, gesellschaftlich nicht zugelassene Erlebensweisen zur Debatte gestellt werden. Szenisches Verstehen für Kulturanalysen nutzbar zu machen war sein Anliegen, mit seinem Buch "Konzil der Buchhalter" (1989) hatte er hierfür das Fundament gelegt. Zugleich faszinierten ihn die Ergebnisse aktueller neurophysiologischer Forschungen, durch die er sich Klärung und materiale Grundlegung für viele Fragestellungen der psychoanalytischen Metatheorie erhoffte. Seine letzte Vorlesungsreihe von 1989/90, in der er diesen Fragestellungen breiten Raum einräumte, ist unter dem Titel ?Die Sprache, der Sinn und das Unbewusste? 2002 erschienen. Seit 1990 war Alfred Lorenzer durch schwere Krankheit massiv eingeschränkt. Am 26. Juni 2002 ist er in seinem Sommerhaus in Umbrien verstorben.
Werke
* Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs. Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1970.
* Sprachzerstörung und Rekonstruktion. Vorarbeiten zu einer Metatheorie der Psychoanalyse. Frankfurt a. M. 1970.
* Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie. Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1972.
* Über den Gegenstand der Psychoanalyse oder: Sprache und Interaktion. Frankfurt a. M. 1973
* Die Wahrheit der psychoanalytischen Erkenntnis. Ein historisch-materialistischer Entwurf. Frankfurt a. M. 1974
* Das Konzil der Buchhalter, Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt, 1981, ISBN 3596273404
* Die Sprache, der Sinn, das Unbewußte. Psychoanalytisches Grundverständnis und Neurowissenschaften. Hg.: U. Prokop, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2002, ISBN 3608943544
Weblinks
*
• Seelisches ohne Subjekt. MEHR ALS EIN NACHRUF zum Tod von Alfred Lorenzer und zum Ableben (s)eines kritischen Denkens vom Subjekt

