Alfred Kantorowicz (Schriftsteller)
Dr. jur. Alfred Kantorowicz (Pseud. Helmuth Campe) (12. August 1899 in Berlin, † 27. März 1979 in Hamburg) war ein deutscher Schriftsteller, Publizist und Literaturwissenschaftler.Kantorowicz machte sich vor allem als Erforscher der Exilliteratur und Herausgeber der Werke Heinrich Manns (12 Bde., 1951-56) einen Namen. Neben anderen autobiographischen Aufzeichnungen veröffentlichte er 1971 sein Buch ?Exil in Frankreich. Merkwürdigkeiten und Denkwürdigkeiten?.
Werdegang und Jugend: 1899-1929
Alfred Kantorowicz wuchs in Berlin auf. Gleich nach dem Abitur, mit 17, meldete er sich freiwillig zum Dienst im Ersten Weltkrieg. Nach Kriegsende kehrte er mit einer Verwundung und dekoriert mit dem Eisernen_Kreuz zurück.
Zum Jurastudium ging er zunächst nach Freiburg, dann nach München. In dieser Zeit lernte er Menschen kennen, denen er teilweise sein (oder deren) ganzes Leben lang verbunden blieb, darunter Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch. Obwohl er nur der Abstammung nach Jude war, entschloss er sich, seine juristische Doktorarbeit (Erlangen, 1923) über völkerrechtliche Aspekte des Zionismus zu schreiben, denn er wollte in Zeiten des immer rabiater werdenden Antisemitismus Flagge zeigen. Die Jahre von 1924 bis 29 waren die Zeit, auf die er später als "die gute alte Zeit" seiner Generation zurückblickte ? als die neue Republik sich gefestigt hatte und man sich mit Enthusiasmus dem neuen Zeitgeist hingab. (Alfred Kantorowicz: Deutsches Tagebuch. Erster Teil, Berlin 1978, S.20)
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Nach Abschluss seines Studiums wurde er Journalist und schrieb für verschiedene linke bis liberale Blätter in Berlin. Von 1928 bis 1929 war er als Kulturkorrespondent für die Vossische Zeitung und für die Ullstein-Presse in Paris, eine Stelle, die vor ihm Kurt Tucholsky und nach ihm Arthur Koestler innehatte. Alfred Kantorowicz war eigentlich ein Individualist, er verstand sich als Schriftsteller und war durchaus auch gewissen bürgerlich-elitären Tendenzen zugeneigt. Trotzdem trat er 1931 unter dem Eindruck des Prozesses gegen Carl von Ossietzky in die KPD ein, weil er der Überzeugung war, dass diese Partei die einzige sei, die wirklich kompromisslos und prinzipientreu gegen den immer stärker werdenden Faschismus Front machte.
In den kommenden Jahren lebte und arbeitete er im legendären "Künstlerblock" am Laubenheimer_Platz in Berlin-Wilmersdorf. Er nannte diese Zeit später "ein ehrenhaftes Kapitel des Widerstandes freier, unabhängiger Geister gegen gewalttätige Diktatur ? mit zweifach tragischem Ausgang: nach 1933 und nach 1945." Der Künstlerblock kämpfte mit Wort und Tat gegen die Nazibanden, und war bei der Wahl der Mittel dabei nicht zimperlich. Es wurde auch nicht lange bei den kommunistischen Parteioberen um Erlaubnis für irgend Etwas gefragt. (ebda., S.31)
Antifaschismus und Spanischer Bürgerkrieg: 1933-1940
1933 verließ Alfred Kantorowicz gleich nach der Machtübernahme Hitlers Berlin und Deutschland ? es hat ihn bis zu seinem Lebensende mit Stolz erfüllt, unter den ersten hundert von den Nazis Ausgebürgerten gewesen zu sein. (Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich, Bremen 1971, S.9) Die erste Station war Paris, wohin ihm seine erste Frau Friedel im März 1933 folgte. Die deutschen Emigranten hielten engen Kontakt untereinander und versuchten, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen, nach der man gegen die Nazi-Herrschaft vorgehen wollte, so weit das vom Exil aus möglich war. Kantorowicz engagierte sich als Mitbegründer des Schutzverbandes_deutscher_Schriftsteller_im_Exil, und der Freiheitsbibliothek und veröffentlichte die Titel In unserem Lager ist Deutschland sowie Deutschland, vom Feinde besetzt (1936). Schon die allererste Zeit dieses Pariser Exils war von Reibereien mit der KPD-Parteiführung geprägt, und Kantorowicz war nicht der Einzige, der in dieser Zeit an Absprung dachte. Er war mit Heinrich Mann befreundet und wurde deshalb von der Partei beauftragt, diesen dafür zu gewinnen, einer Exilregierung als Präsident vorzustehen. Er kolportiert Heinrich Manns Kommentar zu Walter Ulbricht: "Sehen Sie, ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen." (ebda, S.18)
Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges ließ jedoch wieder alle "internen" Gegensätze unwichtig erschienen und Kantorowicz schloss sich, zusammen mit etwa fünftausend anderen Deutschen und zwanzigtausend weiteren Freiwilligen aus dem übrigen Europa und den USA, den Internationalen_Brigaden an. Seine Erlebnisse in diesem Krieg hat er im Spanischen Kriegstagebuch geschildert. (Neuausgabe Hamburg, 1979) Die Sowjetunion war die einzige ausländische Macht, die die demokratische Spanische Republik gegen Franco und seine faschistischen Helfershelfer Hitler und Mussolini konkret unterstützte. Während dieser Jahre erkannten immer mehr Antifaschisten, dass der sowjetisch/kommunistische Antifaschismus nichts Anderes war als ein mit dem faschistischen konkurrierender Herrschaftsanspruch und wendeten sich enttäuscht von der kommunistischen Partei ab. (Vgl. Gustav Regler: Das Ohr des Malchus, Arthur Koestler: Sonnenfinsternis, George Orwell: Mein Katalonien)
Alfred Kantorowicz kehrte 1938 zunächst nach Paris zurück. Seine Frau Friedel sorgte teilweise für den Lebensunterhalt der Beiden, indem sie als Schreibkraft tätig war, während er hoffte, wieder zum Schreiben zu kommen. Wie andere Exilierte wurde Kantorowicz durch Vermittlung von Thomas Mann vom Schriftstellerverband der USA unterstützt. Außerdem zeigte sich Ernest Hemingway äußerst großzügig. (Exil in Frankreich, S.19f, 148) Kantorowicz und seine Frau erlebten den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Südfrankreich. Wie andere Exilierte Deutsche in Frankreich wurden sie nach Kriegsausbruch interniert, konnten aber 1940 mit knapper Not in die USA ausreisen (ebda., S. 235)
Im amerikanischen Exil: 1940-1946
Alfred Kantorowicz blieb in New York und fand eine Stelle beim Rundfunksender CBS. Seine Aufgabe war das Abhören und Auswerten der Feindsender ? er musste sich also fast vier Kriegsjahre lang berufshalber das Propagandagebrüll der Nazis anhören. Nach Kriegsende kehrten er und seine Frau Ende 1946 nach Deutschland zurück ? in die vermeintlich bessere Hälfte, die von der Sowjetunion besetzte.
Ost und West: 1947-1957
Schon im Juli 1947 erschien die erste Nummer von Ost und West, einer literarischen Zeitschrift, die Kantorowicz herausgab und in der er sich um Vermittlung der beiden Lager bemühte. In den Inhaltsverzeichnissen erscheinen Autoren aus allen Lagern. (Ost und West. Beiträge zu kulturellen und politischen Fragen der Zeit. Herausgegeben von Alfred Kantorowicz. Nachdruck in fünf Bänden, Königstein, 1979) Neben der Vermittlung zwischen den Nachkriegslagern ging es ihm auch darum, die Deutschen mit Gedankenwelten bekannt zu machen, die ihnen durch die zwölf Jahre der Diktatur verschlossen geblieben waren. 30 Nummern lang konnte sich dieses idealistische Projekt halten, dann wurde es auf Druck der Parteioberen 1949 eingestellt. Kantorowicz wurde an die Humboldt-Universität "weggelobt" und erhielt dort den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur. Später wurde er Direktor des Germanistischen Instituts und Fachrichtungsleiter für Germanistik, sowie Leiter des Heinrich-Mann-Archivs bei der Deutschen_Akademie_der_Künste.
Eine Zeit lebte er in einer Art "inneren Emigration" in der DDR, doch mit dem 17. Juni 1953 begann sich der Konformitätsdruck zu erhöhen, eine Entwicklung, die mit dem Einmarsch_sowjetischer_Truppen_in_Ungarn im November 1956 noch zunahm. Zudem hatte es in vielen Warschauer-Pakt-Staaten Schauprozesse gegeben, und viele Anzeichen sprachen dafür, dass die SED in Ostdeutschland ähnliches plante, vorzugsweise gegen Emigranten, die die Kriegsjahre im Westen verbracht hatten. Kantorowicz erhielt Hinweise, dass auch er als Opfer ausersehen war und flüchtete im August 1957 in den Westen Berlins. (Alfred Kantorowicz: Warum ich mit dem Ulbricht-Regime gebrochen habe, Berlin, Der Tagesspiegel vom 23. August 1957, S. 3)
Die ewige Unperson 1958-1979
Im Westen angekommen, waren seine Probleme nicht zu Ende. Er konnte publizieren und wurde interviewt, auch Akklamationen wurden ihm nicht abverlangt, aber er er musste in einem neunjährigen Prozess bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen, um einen Flüchtlingsausweis und die damit verbundenen Rentenansprüche zuerkannt zu bekommen. Man warf ihm vor, in der DDR privilegiert gewesen zu sein und immer noch dem Kommunismus nahe zu stehen. "Auf Seiten der Roten" im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft zu haben gereichte in der Bundesrepublik jener Jahre nicht zur Ehre. Bis zu seinem Lebensende hat sich Kantorowicz strikt geweigert, sich an der Verteufelung alles Linken zu beteiligen.
Rezensenten seiner Bücher wiederholen während der 1960er Jahre häufig die Frage "warum der Groschen bei ihm erst so spät fiel", eine Frage, die Ludwig Marcuse in seiner Rezension des Deutschen Tagebuches 1959 zuerst gestellt hat. (Ludwig Marcuse: Ein Don Quichote, kein Cervantes, Die Zeit vom 10. April 1959) Die Frage wurde zu Unrecht gestellt, denn Kantorowicz hatte früh erkannt, was vor sich ging, hatte sich aber nie überwinden können, etwas zu äußern, was nur im Entferntesten nach Verrat aussah ? weder an einer Sache noch an Personen. Es war ihm auch sehr wichtig, sich nie namentlich über Beteiligte zu äußern, wenn diese etwa noch in der DDR lebten, um ihnen nicht zu schaden. (Alfred Kantorowicz: Die Geächteten der Republik, Berlin 1977, passim) Viele hatten zudem gute Gründe, in der DDR zu bleiben: Frühere Spanienkämpfer und KPD-Mitglieder hatten in Westdeutschland ? im Gegensatz zu SS- Obersturmbannführern und ihren Hinterbliebenen ? keine Rentenansprüche (s.o.).
1969, im Jahr seines 70. Geburtstages, erhielt Kantorowicz den Thomas-Dehler-Preis des damaligen Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen. Diese Preisverleihung war der Beginn einer späten Rehabilitierung. Bis zu seinem Tod veröffentlichte Kantorowicz noch zahlreiche Bücher. Zuletzt wurde er 1999 mit einer Ausstellung der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek anlässlich seines 100. Geburtstages gewürdigt.
Literatur
* Heinz J. Heydorn (Hrsg.): Wache im Niemandsland. Zum 70. Geburtstag von Alfred Kantorowicz. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1969.
* Ursula Schurig: Alfred Kantorowicz (Bibliographie). Eingeleitet von Jürgen Rühle. Hamburg: Christians 1969. (Hamburger Bibliographien 3)
* Abendroth, Wolfgang (Hrsg.): In memoriam Alfred Kantorowicz. Berlin: Verlag Europäische Ideen 1979.(Europäische Ideen 44)
* Klaus Täubert (Hrsg): Alfred Kantorowicz 100. Texte, Zeugnisse, Dokumente, Briefe, Gedichte. Berlin: Zimmermann 1999.
Werke
* verboten und verbrannt Deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt. HG von Richard Drews und Alfred Kantorowicz. Heinz Ullstein - Helmut Kindler Verlag. Berlin - München 1947
Weblinks
• Kantorowicz-Seiten von Markus Berg
• Alfred Kantorowicz in der Künstlerkolonie Berlin
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