Alasch Orda
Alasch Orda (Eigenbezeichnungen: Ala? Orda, Ala? Ordas?) war die Bezeichnung der "kasachischen Autonomie" in den 1910er und 20er Jahren. Sie bestand offiziell bis 1928.Entstanden war die Alasch Orda aus der 1905 entstandenen "Alasch-Bewegung" bzw. aus der 1912 gegründeten "Alasch-Partei", die - obschon ihr aktives politisches Wirken bereits 1928 aufhörte - formal bis 1937 bestand. Zuletzt war sie Teil der Kommunistischen Partei Turkestans, wo in ihr das "bürgerliche" und gemäßigt "national-gesinnte Lager" Kasachstans vereinigt war.
Ende der 1980er Jahre wurde erneut eine nationalistische Partei desgleichen Namens gegründet, deren Einfluss sich kurzfristig über die Staatsgebiete Kasachstans und Kirgisistans erstreckte.
Namensherkunft
Der Name Alasch geht auf Alasch Khan zurück, den legendenhaften Stammherrn der Kasachen (der wohl mit Orda Khan identisch war), Orda auf die Orda-Horde.
Andere Varianten für die Herkunft des Namens wäre, dass die Bezeichnung Alasch eine Verballhornung des Wortes Alaz (Flamme) ist. Dann wäre die Alasch Orda die Flammende Horde. Aber was am wahrscheinlichsten ist, ist das Alasch vom türkischen Wort Ala?a (Pferd) stammt, so dass Alasch Orda einfach nur Pferde-Horde (Horde der Nomaden) bedeutet. Dafür spricht die Tatsache, dass die Alasch Orda das "kirgisische" Nomadentum wiederbeleben wollte.
Geschichte in den Jahren 1905 bis 1919
1905 fand ein "Kongress der turkestanischen Muslime" in Taschkent statt, der vom Usbeken Mustafa Çokayev unter dem Motto: "Wir sind alle Kinder Alaschs" veranstaltet wurde. Auf diesem Kongress schlossen sich der kasachische und kirgisische Stammesadel zur Bewegung "Alasch" zusammen, denen sich auch die kasachische und kirgische Intelligenz anschlossen. Hauptforderungen dieser Alasch-Bewegung war, die Erneuerung und Modernisiserung des Islam in Mittelasien, das Recht der Kasachen und Kirgisen auf das traditionelle Nomadentum (und damit die Rückgängigmachung der Zwangssesshaftigkeit der Steppennomaden, die in der Zarenzeit begonnen wurde) und die Rücksiedlung der zahlreich in Turkestan vertretenden russischen Siedler.
Die Alasch-Bewegung arbeitete eng mit dem "Zentralrat der turkestanischen Muslime/Nationale Mitte" zusammen, die Çokayev ebenfalls auf diesem Kongress ins Leben rief. Ferner arbeitete die Alasch-Bewegung auch eng mit der im osmanischen_Reich entstandenen jungtürkischen_Bewegung und (ab 1917/18) der an der Wolga-Kama-Gegend entstandenen türkisch-tatarischen_Gemeinschaft des Tataren Mir_Sultan_Galijew zusammen.
1912 wurde aus der Alasch-Bewegung die Partei "Alasch" gegründet, der neben Çokayev auch der Kasache und Tore (kasachischer Fürstentitel) Alikhan Bukeykhanov und die kirgisischen Brüder Abdulgaffar und Amangeldi Imanov angehörten. Das Grundsatzprogramm der Partei stammte aus der Feder Bukeykhanovs. Bukeykhanov war das einflussreichste Mitglied der Partei, da er auch dem russischen Parlament angehörte. Dort gehörte er der Fraktion der "Tschantschylar" (Çanç?lar) an, die politisch den russischen "Sozialrevolutionären" nahestand. Die Alasch-Partei war zur der Zeit ausgesprochen pan-türkisch ausgerichtet und forderte mit anderen turko-tatarischen Völkerschaften der russischen Zarenreiches den Zusammenschluss zu einem "Groß-Turan". Bukeykhanov sah sich als "Tore" als legitimer Nachfahre des Dschingis Khan an, während sich die Brüder Imanov als "Koscha" als Nachfahren des Propheten Mohammad ansahen.
Ihre eigentliche politische Bedeutung der Alasch-Partei begann aber erst mit nach dem Zusammenbruch des russischen Zarenreiches 1917 und sie strebte die Schaffung eines autonomen kasachisch-kirgisischen Nationalstaates innerhalb eines zukünftigen föderativen Russland an. Dieser Nationalstaat sollte alle damals als "Kirgisen" angesehenen Völkerschaften des Zarenreiches umfassen und den Namen "Alasch Orda" tragen. Formales Oberhaupt des "Alasch Orda-Staates" wurde Mustafa Çokayev.
Die Alasch Orda nahm auch an den damals in Turkestan stattfindenden Aufständen teil.
Noch im Frühjahr 1917 wurde in Bischkek eine Sektion der Alasch Orda, die "Alasch-Hauptbewegung" (Ala?-Ba?an Herekati) gegründet, deren Vorsitzende die Brüder Imanov wurden. Offizieller Sitz des kirgisischen Flügels der Alasch Orda wurde jedoch Kokand und nicht - wie zu erwarten - Bischkek.
Noch 1917 richtete die Alasch Orda den ersten Allkirgisischen Muslim-Kongress in Orenburg aus, auf dem die Schaffung eines autonomen kasachischen Nationalstaates innerhalb eines zukünftigen föderativen Russland gefordert wurde. Das Grundsatzprogramm der Alasch Orda stammte wieder von Bukeykhanov und wurde von diesem auf dem Kongress verkündet. Um dieses Ziel der Autonomie zu erreichen, sollten die "Kirgisen" des Reiches mit den anderen Turkvölkern des Russischen Reiches zusammenarbeiten. Eine Unterordnung der Kasachen und Kirgisen unter eine mögliche alle Turkvölker umfassende einheitliche politische Einheit lehnte die Alasch Orda jedoch zu diesem Zeitpunkt strikt ab.
Da die Alasch Orda die Machtübernahme der Bolschewiki in der Oktoberrevolution ablehnte und stattdessen gemeinsam mit tatarischen und baschkirischen Nationalisten sowie russischen Sozialrevolutionären und Liberalen daran festhielt, dass die zukünftige Staatsordnung eines demokratischen föderativen Russlands durch die Verfassunggebende Versammlung bestimmt werden müsse, geriet sie in Konflikt mit der neuen russischen Sowjetregierung.
Während des russischen Bürgerkrieges stellte die Alasch Orda eigene Truppen auf, um das von Kasachen besiedelte Gebiet gegen die Bolschewiki zu verteidigen. Sie war jedoch nicht in der Lage, ein zusammenhängendes Territorium zu halten, so dass das von ihr kontrollierte Territorium im heutigen Kasachstan in eine westliche und eine östliche Hälfte zerfiel. Aufgrund der Kommunikationsprobleme zwischen den Teilgebieten wurden zwei separate Regierungen gebildet. Im westlichen Teil herrschte Bukeykhanov und im östlichen Teil die Gebrüder Imanov. Mustafa Çokayev rief mit Zustimmung der Imanovs in Kokand eine kasachisch-kirgisische Gegenregierung aus, die formal Kasachstan und Kirgisistan umfasste. Politisch war jedoch diese Regierung völlig unbedeutend, da die russischen Kommunisten Bukeykhanov als reallen Machtfaktor der Alasch Orda ansahen bzw. als solchen anerkannten. So ging die Herrschaft Çokayevs auch 1919 wieder zu Ende.
Um ihre militärische Position gegenüber den Bolschewiki zu stärken, schloss die Alasch Orda ein Bündnis mit den zarentreuen Ural-Kosaken, die als Slawen ironischerweise teilweise mit kasachischen und tatarischen Frauen verheiratet waren.
1919 wurden die Truppen der Alasch Orda von der Roten_Armee vernichtend geschlagen und ihre Führer größtenteils getötet.
Geschichte von 1919 bis 1937
Mit der Niederlage gegen die Roten Armee (1919) fiel die Alasch Orda in die politische Bedeutungslosigkeit.
Die wenigen Überlebenden des pantürkisch-militanten Flügels der Alasch Orda zogen ins südliche Turkestan und schlossen sich dort der Widerstandsbewegung der Basmatschi an. Die reform-orientierten Mitglieder traten der Kommunistischen Partei Turkestans bei und nahmen nun die Funktionen von "politischen Kommissaren" wahr. Die Alasch Orda bestand de jure weiterhin als "kasachische Nationalpartei" weiter, wurde aber de facto von der KPdSU kontrolliert. Der kirgisische Flügel ging bereits 1919 unter.
Bukeykhanov siedelte nun nach Moskau über und wurde vom russischen Parlament vielfach als Dolmetscher eingesetzt. Politisch war er jedoch in die völlige Bedeutungslosigkeit geraten. In Russland schrieb Bukeykhanov für mehrere turksprachigen Zeitungen und verfasste einige Bücher. 1921 gründete Bukeykhanov unter anderem die Zeitung "Jaz Ala?" mit und gab eigenverantwortlich die kasachische Zeitung "Qazaq tili" (kasachische Sprache) heraus.
Bukeykhanov starb 1937 unter nicht ganz geklärten Umständen in Moskau; man vermutete aber, dass er auf Befehl Stalins vom russischen KGB ermordet wurde.
Mit dem Tode Alikhan Bukeykhanov wurde die Alasch Orda nun als eigenständige kasachische Partei aufgelöst und ihre Mitglieder auch de facto in die KPdSU bzw. in die Kommunistische Partei Kasachstans integriert.
Neuere Geschichte ab 1988
Als Folge des Zusammenbruches der Sowjetunion schlossen sich 1988 zahlreiche Kasachen und Kirgisen der bürgerlichen (und gemäßigt nationalistisch-geprägten) »Azat-« und der »Aschar-Bewegung« zu einer muslimisch-nationalen Partei zusammen, die nun den Namen »Alasch - Partei der nationalen Unabhängigkeit« (Ala? - Ulusal ba??ms?zl?k partisi)
annahm.
Sie wurde als Reaktion auf die nationalistischen russischen Parteien Kasachstans und Kirgisiens gegründet.
Als »Endziel« sah die Alasch-Partei die Wiedererrichtung des Khanates_der_Alasch_Orda und die Erneuerung des Islam in Zentralasien. Zudem wurde die »Vereinigten_Staaten_Turkestans« gefordert, die alle turkvölkischen Staaten und Gebiete umfasst hätten. Sie arbeitete eng mit der rechtsradikalen und extremislamischen »Turkestan-Partei« (Turkestan-i Partisi) zusammen. Diese wollte ebenfalls eine pantürkische und muslimische Besinnung aller Turkvölker Zentralasiens und die »Rückführung« aller Nichtmuslime aus den von Turkvölkern bewohnten Staaten Zentralasiens.
1994 wurde die Alasch-Partei von der kasachischen Regierung als »faschistoid« verboten. Die mehrheitlich republikanisch gesinnten Mitglieder schlossen sich nun wieder der Azat-Bewegung an, während der weiterhin nationalisisch gesinnte kasachisch-kirgisische Flügel nun die rechtsnationalistische Partei »Aschar« (kasachisch/kirgisisch Acar = türkisch A?ar = deutsch Schlüssel) bildete. In Kasachstan ist die Aschar-Partei auch im Parlament vertreten, während der kirgisische Ableger in Kirgisistan heute um sein politisches Überleben kämpft.
Literatur
# Zentrum für Türkeistudien (Hrsg.): Aktuelle Situation in den Turkrepubliken (Working Paper 14, 1994)
# Roland Götz/Uwe Halbach: Politisches Lexikon GUS, 1992
# Erhard Stölting: Eine Weltmacht zerbricht - Nationalitäten und Religionen in der UdSSR, 1990
Weblinks
• Zeitung Jaz Ala?
• Die Alasch Orda in Kasachstan und Kirgisistan

