Alain Chartier
Alain Chartier (* ca. 1385 in Bayeux; ? 1433 in Avignon) war ein französischer Diplomat und Autor.Leben und Schaffen
Chartier (der in Literaturgeschichten und Lexika häufig unter ?Alain? figuriert) stammte aus einer bürgerlichen Familie in der normannischen Bischofstadt Bayeux. Wie sein ältester Bruder Guillaume, der später Bischof von Paris wurde, und sein älterer Bruder Thomas, der königlicher Notar wurde, studierte er in Paris. Spätestens um 1415 stand auch er in Beziehung zum Hof als Sekretär des Dauphins, des späteren Königs Karl_VII.. Diesem diente er praktisch sein ganzes Leben lang und reiste des öfteren als kompetenter Unterhändler in diplomatischen Missionen für ihn zu europäischen Fürsten. Zum Dank wurde er mit mehreren einträglichen Domherrenpfründen belohnt. Er starb auf einer diplomatischen Reise in Avignon. Seine Existenz war überschattet von der schlimmsten Phase des Hundertjährigen_Krieg zwischen den Kronen Englands und Frankreichs sowie dem darin eingebetteten innerfranzösischen Bürgerkrieg zwischen Bourguignons und Armagnacs.
Chartier begann als Lyriker und verfasste sein ganzes Leben hindurch zahlreiche Balladen, Rondeaus, Virelais usw. Der Grundton der meisten seiner Gedichte ist melancholisch. Seine Lyrik wurde von den Zeitgenossen als vorbildhaft betrachtet.
Sein erstes längeres Werk war 1416 die Verserzählung Le Livre des quatre dames, die er unter dem Schock der Niederlage eines weit überlegenen französischen Ritterheeres gegen die diszipliniert kämpfenden englischen Bogenschützen bei Azincourt (1415) schrieb. Hierin berichtet ein Ich-Erzähler von vier Damen, die ihn zu entscheiden bitten, wer die Unglücklichste von ihnen sei: diejenige, deren Freund in der Schlacht gefallen ist, die, deren Freund seitdem vermisst wird, die, deren Freund dort in Gefangenschaft geraten ist, oder schließlich die, deren Freund sich durch feige Flucht gerettet hat.
1418 flüchtete Chartier mit dem Dauphin und dessen Gefolge vor den Bourguignons aus Paris nach Bourges.
Hier schrieb er 1422 das Quadrilogue invectif, ein Vierergespräch zwischen den allegorischen Figuren le Clergé (=der kath. Klerus), la Chevalerie (=der Adel), le Peuple (=das Volk) und Dame France, wobei ?Frau Frankreich? den drei Anderen, d.h. den Franzosen insgesamt, ihre Uneinigkeit angesichts der wirren Verhältnisse in ihrem Land vorwirft. Dieses nämlich hatte soeben (1422) beim Tod des geistesgestörten Karl_VI. zwei Könige bekommen: Im Norden und Westen herrschte von Paris aus der kleine Heinrich_VI. (der Sohn einer Tochter von Karl VI. und des früh verstorbenen englischen Königs Heinrich_V.); über die Mitte und den Süden dagegen regierte von Bourges aus der Ex-Dauphin (und Sohn von Karl VI.), Karl VII.
In die Literaturgeschichte eingegangen ist Chartier vor allem als Verfasser der Verserzählung La belle dame sans merci (=die gnadenlose schöne Dame, 1424), die er offenbar zur Zerstreuung des Hofes von Karl VII. verfasste, der zu dieser Zeit kaum etwas tat, um seine Königsrechte geltend zu machen. Die 100 aus achtzeiligen Achtsilbern bestehenden Strophen (?huitains?) der Belle dame sans merci enthalten eine kleine Rahmenhandlung um einen mit dem Autor identisch vorgestellten Ich-Erzähler, in die ein langer, angeblich von ihm belauschter Dialog zwischen einem Liebenden und seiner Dame eingebettet ist. Offensichtlich gelang Chartier mit diesen beiden Figuren eine epochemachende Gestaltung des Typs der spröden, sich verweigernden Frau, der ?gnadenlosen Schönen?, sowie vor allem des schmachtenden Liebhabers, d. h. des abgewiesenen, sich aber nicht lösen könnenden und sich in seinem Unglück verzehrenden Liebenden, wobei dieser sich hier naiv auf die Ideale und Regeln der höfischen Liebe beruft, während jene ihnen ironisch-distanziert gegenübersteht. Chartiers Werk war enorm erfolgreich und wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten unendlich oft von anderen Autoren zitiert, plagiiert, pastichiert und parodiert; noch um 1540 wurde es von Marguerite de Navarre in ihren Erzählungen als bekannt vorausgesetzt.
Auf die wirre politische Situation in Frankreich reagierte Chartier einmal mehr mit dem Lai de Paix (=Friedensgedicht) 1426), in dem er die französischen Fürsten zum Frieden und zur Einigung aufruft.
1429 machte er sich mit einer Lettre sur Jeanne zur Fürsprecherin von Jeanne d'Arc, der Jungfrau von Orléans, die Karl VII. soeben zu Hilfe gekommen war und ihm im selben Jahr mit Siegen über die Truppen von Heinrich VI. die symbolisch wichtige Krönung in der Kathedrale von Reims ermöglichen sollte.
Weblinks
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• Artikel in "Namen, Titel und Daten der franz. Literatur" (Quelle)

