Akute Belastungsreaktion
Die Akute Belastungsreaktion (Abk.: ABR, engl.: Acute Stress Disorder, Abk.: ASD) ist die Folge einer extremen psychischen Belastung, für die der Betroffene keine adäquate Bewältigungsstrategie besitzt. Gleichbedeutend wird teilweise der Begriff akute Belastungsstörung verwendet, dies wird jedoch wiederholt kritisiert, da die akute Belastungsreaktion ausdrücklich keine Störung im Sinne einer Erkrankung darstellt und folglich auch nicht als solche bezeichnet werden solle (siehe unten, ugs. Nervenzusammenbruch). Im Allgemeinen ist diese Krisensituation mit der Konfrontation mit körperlicher oder seelischer Gewalt gegen sich selbst oder Andere oder einer Verlustsituation verbunden.
Häufige Auslöser einer akuten Belastungsreaktion sind der Tod eines Angehörigen, das Erleben von Unfällen oder das Erfahren von Gewalt. Abhängig von der individuellen Konstitution des Betroffenen können aber auch objektiv weniger einschneidende Erlebnisse zu einer Akuten Belastungsreaktion führen.
Die Akute Belastungsreaktion, die in der WHO-Klassifikation der Erkrankungen (International Classification of Diseases, aktuelle Version ICD-10) als F43.0 kodiert wird, hat zunächst keinen Krankheitswert, sondern ist eine normale Reaktion der menschlichen Psyche auf eine außergewöhnliche Erfahrung.
Ähnliche Begriffe
* akute Krisenreaktion
* Kriegsneurose (combat fatigue, "Shellshock")
* Krisenzustand
* psychischer Schock
* umgangssprachlich: ?Nervenzusammenbruch?
Verlauf
Der Beginn der Akuten Belastungsreaktion setzt üblicherweise mit dem Erleben der belastenden Situation ein und dauert Stunden bis Tage, in seltenen Fällen Wochen. Dabei unterscheiden sich die Symptome in der Akutphase von denen der anschließenden Verarbeitungsphase. Halten die unten genannten Symptome der Verarbeitungsphase länger als 4 Wochen an und liegt dadurch eine psychische oder soziale Beeinträchtigung vor, so spricht man von einer Posttraumatischen_Belastungsstörung (PTBS), bei der es sich um eine therapiebedürftige Erkrankung handelt.
Symptome
In der Akut
In der nachfolgenden Verarbeitungsphase verändern sich die Beschwerden, nehmen normalerweise im Verlauf der Verarbeitung ab und verschwinden üblicherweise völlig. In dieser Verarbeitungsphase kommt es oft zu einem Wiedererleben (Intrusion) der Ereignisse, also dem Eindringen des Erlebten in den Alltag. Das kann in Form von Albträumen oder auch als sich aufdrängende Erinnerungen (Flashbacks) geschehen. Diese Flashbacks werden häufig von Wahrnehmungen, die an die belastende Situation erinnern, ausgelöst (?getriggert?). Besonders häufig sind dies Gerüche oder Geräusche, zum Beispiel der Geruch von verbranntem Fleisch oder der Lärm eines Autounfalls. Häufige Folge dieses Wiedererlebens ist ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten, zum Beispiel fährt der Betroffene nach einem Verkehrsunfall zunächst nicht mehr dieselbe Strecke wie vorher. Außerdem kann es zu emotionaler Verflachung kommen, also zu einer eingeschränkten Empfindungsfähigkeit. Letztlich findet sich häufig ein erhöhtes Erregungsniveau (Arousal) mit Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit oder Reizbarkeit.
Umgang mit Betroffenen
Die wichtigsten Sofortmaßnahmen sind das Wegbringen des Betroffenen aus dem Gefahrenbereich und das Herstellen einer geschützten Umgebung.
Die Akute Belastungsreaktion ist keine Erkrankung und bedarf daher im medizinischen Sinne keiner Therapie. Insbesondere die Gabe von Beruhigungsmitteln ist obsolet. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Einnahme von Benzodiazepinen im peritraumatischen Zeitraum die Entwicklung einer Posttraumatischen_Belastungsstörung begünstigt (Lit.: American Psychiatric Association, 2004). Ob selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Fluoxetin eine Möglichkeit zur pharmakologischen Einflussnahme darstellen, ist zurzeit noch nicht gesichert.
Um der Entwicklung einer Posttraumatischen_Belastungsstörung vorzubeugen, gibt es Prävention
In Fällen, in denen das nicht möglich ist, können Laien oder sonstige Einsatzkräfte vor Ort eine Basiskrisenintervention durchführen. Begünstigend wirken Zuwendung und ein fester Ansprechpartner, da Studien gezeigt haben, dass Menschen, die sich in einer Ausnahmesituation hilflos und alleine fühlen, eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer Akuten Belastungsreaktion aufweisen (Lit.: Elklit/Brink, 2003). Es wird davon ausgegangen, dass eine behutsame Aktivierung der Betroffenen mit dem Ziel, die durch das Erleben des auslösenden Ereignisses aufgezwungene Opferrolle zu verlassen, hilfreich ist. Im Falle eines Todesfalls als Auslöser wird hierfür vor allem die Möglichkeit zur zeitnahen Abschiednahme befürwortet (Lit.: Trappe, 2001). Ein wichtiger Ansatzpunkt ist das soziale_Netz, das sich aus Familie und sozialem Umfeld des Betroffenen sowie aus professionellen Beratungs- und Hilfsangeboten zusammensetzt und eine weitere Versorgung gewährleistet. Diese Maßnahmen sollen die Handlungsfähigkeit wieder herstellen und die Situation meistern helfen, um die traumatische Situation in die eigene Biographie zu integrieren und das Ereignis verarbeiten zu können. Über den Nutzen der genannten Präventionsmaßnahmen gibt es über die subjektive Steigerung des Wohlbefindens bei den Betroffenen hinaus kaum wissenschaftliche Nachweise.
Literatur
* American Psychiatric Association (2004): [http://www.psych.org/psych_pract/treatg/pg/PTSD-PG-PartsA-B-C-New.pdf Practice Guideline for the Treatment of Patients With Acute Stress Disorder and Posttraumatic Stress Disorder]
* Ask Elklit, Ole Brink: Acute Stress Disorder in physical assault victims visiting a Danish emergency ward. In: Violence And Victims. 4/18/2003. Springer Publishing Company, S. 461-472,
* Tobias Trappe: Die Unwirklichkeit des Todes. In: Psychotraumatologie. 2/17/2001. Thieme Verlag,
Weiterführende Artikel
Trauma
Psychotraumatologie
Trauer
Notfallseelsorge
Krisenintervention im Rettungsdienst
Stressbewältigung_nach_belastendenen_Ereignissen
Peer für Einsatzkräfte
Psychosoziale Notfallversorgung
Weblinks
• Catania gGmbH Kostenlose Beratungshotline für Ärzte und Pfleger in Fragen der Diagnostik und Therapie von PTSD

