Akademischer Gesangverein
Die Bezeichnung "Akademischer Gesangverein" ist nicht nur ein Gattungsbegriff für Gesangvereine mit ausschließlich studentischen Mitgliedern (vergleichbar den Arbeitergesangvereinen), sondern war im 19. Jahrhundert unter diesen auch ein weitverbreiteter Name dieser Art von Gesangvereinen. Dabei handelte es sich jedoch nur selten um von den Universitäten eingerichtete Chöre, sondern in der Regel um freiwillige, ausschließlich von Studenten organisierte Gesangvereine, die dennoch teilweise eine hohe musikalische Reputation erreichten. Andere gebräuchliche Namen waren "Akademische Liedertafel" (z.B. die Akademische_Liedertafel in Berlin (gegr. 1855)) und "Studenten-Gesangverein (z.B. der Studenten-Gesangverein_der_Georgia_Augusta in Göttingen (gegr. 1860)). Viele der vor dem 1. Weltkrieg gegründeten Akademischen Gesangvereine sind heute, sofern sie sich noch musikalisch betätigen, in der Form einer Studentenverbindung organisiert.Geschichte
Gründungshintergrund der ersten studentischen Gesangvereine
Die Akademischen Gesangvereine sind ein Paradebeispiel für die Entwicklung des studentischen Vereinswesens im Rahmen der Korporatisierung der Universitäten im 19. Jahrhundert.
Obwohl die ersten studentischen Gesangvereine schon in den 1820er Jahren entstanden, erlebten sie ihren wirklichen Gründerboom erst ab etwa 1860. Bis dahin engagierten sich die Studenten fast ausnahmslos in den bürgerlichen Gesangvereinen. In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts jedoch, angeregt durch die (letztendlich aber gescheiterte) Progressbewegung an den Universitäten, suchten die Studenten nach anderen Formen des Zusammenschlusses als den in einer Studentenverbindung. Nicht zuletzt die schon hohe Verbreitung der Gesangsbewegung in der bürgerlichen Welt und das mit der Gesangsbewegung verbundene nationale Gefühl, erkennbar an der in der damaligen Zeit verbreiteten Gesangsliteratur, regte ähnlich wie und zeitgleich zur Arbeiterbewegung die Studenten zur Gründung eigener Gesangvereine an. Ab den 1860er Jahren erfuhr diese Bewegung einen deutlichen Aufschwung, was sich nicht nur an der absoluten Zahl der akademischen Gesangvereine ablesen lässt, sondern auch daran, dass sie an ihren Universitäten oftmals die meisten Mitglieder unter allen studentischen Zusammenschlüssen aufwiesen. So waren z.B. zwischen 1860 und 1865 sowohl in Göttingen (Studenten-Gesangverein_der_Georgia_Augusta) als auch in München (Akademischen_Gesangverein) fast 20% aller Studenten Mitglied dieser Vereine.
Vom Verein zur Verbindung
Nach der Reichsgründung 1871 verfestigten sich die ursprünglich rein vereinsartig organisierten Chöre, in dem sie zum einen neben der musikalischen Betätigung nun auch rein gesellige (nichtmusikalische) Veranstaltungen und Unternehmungen in ihre vereinsinterne Arbeit aufnahmen, zum anderen aber auch dazu übergingen, die gleichzeitige Mitgliedschaft in einer anderen studentischen_Verbindung vor Ort zu verbieten. Üblicherweise wählte man sich - sofern dieses nicht schon früher geschehn war - einen Zirkel bzw. eigene Farben, die man jedoch entgegen der sonstigen Gepflogenheit vieler anderer studentischer Verbindungen jener Zeit in der Regel nicht als Band und Mütze trug, sondern nur in Form von Vereinsschleifen oder Zipfeln. Der erste Akademische Gesangverein, der seine Farben auch als Band trug, war im Jahre 1877 Leopoldina Breslau.
Ein weiterer Schritt weg vom reinen Verein hin zu einer eigenständigen Studentenverbindung war, dass die akademischen Gesangvereine ihren scheidenden Mitgliedern die offizielle Würde eines "Alten_Herrn" gaben, um so auch weiterhin zu ihnen in Verbindung stehen zu können. Die Alten Herrn wiederum schlossen sich zu eigenen Vereinen zusammen, so dass die Akademischen Gesangvereine etwa um 1880/1890 herum weitgehend die strukturelle und organisatorische Form einer studentischen Verbindung aufwiesen. Symptomatisch für die Entwicklung vom Verein zur Verbindung ist auch die Tatsache, dass die studentischen Gesangvereine, die in den letzten 20 Jahren des 19. Jahrhunderts entstanden sind, nicht mehr als Verein, sondern gleich als Verbindung entstanden sind.
Aufspaltung der Gesangsverbindungen im ausgehenden 19. Jahrhundert
Dass die akademischen Gesangvereine jedoch ursprünglich nicht aus der Verbindungsbewegung heraus entstanden sind, zeigt sich auch daran, dass sich etwa nur die Hälfte der studentischen Gesangvereine (ab etwa 1890) nach und nach dazu entschieden, als Verbindung auch die "Mensur", also das studentische Fechten, auszuüben. Vorreiter dieser Entwicklung war der AGV der Pauliner in Jena, der als erster akademischer Gesangsverein 1880 die Besprechungsmensur einführte. Diese Entwicklung in schlagende/farbentragende und nichtschlagende/nichtfarbentragende Verbindungen war mit einer der wichtigsten Gründe dafür, dass es nicht gelang, auf Dauer eine Interessenvertretung aller Akademischen Gesangvereine zu etablieren. Die (mensur-)schlagenden und farbentragenden Gesangvereine, die heute ausnahmslos den Namen "Sängerschaft" tragen, sind heute in der Deutschen_Sängerschaft, die nichtfarbentragenden (mehrheitlich mit dem Namen ("Akademisch-Musikalische" bzw. "Akademisch-Musische Verbindung") im Sondershäuser Verband zusammengeschlossen.
Aktuelle Situation
Freie akademische Chöre, die ein klassisches Chorrepertoire pflegen, sind heute nahezu ausgestorben, da die Aufgaben in der Regel von den von den Universitäten selbst eingerichteten Universtätschören übernommen wurden. Studentische Chöre, die nicht durch die Universität organisiert werden, gehören heute entweder zu einer musischen_Studentenverbindung, oder bedienen von ihrer thematischen Ausrichtung her nur einen Randbereich des Chorwesens (z.B. als Jazzchor). Freie studentische Chöre, die sich der klassischen Konzert- und Oratorienliteratur widmen, sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht mehr vorhanden. In Deutschland heißt heute nur noch der AGV München "Akademischer Gesangverein".
Parallelen und Unterschiede zu anderen akademischen Vereinen
Einer ganz ähnliche Entwicklung wie den Akademischen Gesangvereinen waren auch die Akademischen_Turnvereine unterworfen. Während jedoch bei beiden ihr heutiges Bestehen wohl im Wesentlichen auf die "Verfestigung des Zusammenschlusses durch Aufnahme verbindungstypischer Merkmale" zurückzuführen ist, lässt sich dieses für die Akademischen_Orchestervereinigungen nicht feststellen. Sie waren im 19. Jahrhundert ebenfalls als interkorporative Vereine entstanden, veränderten aber nicht wie die Akademischen Turn- und Gesangvereine ihre Struktur, sondern blieben in dieser (im Vergleich zu Studentenverbindungen) loseren Organisationsstruktur. Zwar gab es im November 1912 den Versuch, ein "Kartell der Akademischen Orchestervereinigungen" zu bilden, das jedoch letztendlich keine Wirkung entfalten konnte und vermutlich in den 20er Jahren des letztens Jahrhunderts einschlief. Sofern sie noch als eigenständige Organisationen an den Universitäten bestehen, sind sie üblicherweise heute noch als freie Vereine organisiert. Dies ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass die Zahl der ein Orchesterinstrument spielenden Studierenden nie ausreichend groß war, um ihnen die Mitgliedschaft in einer anderen studentischen Verbindung zu verwehren. Des Weiteren steht zu vermuten, dass die spezifische Art der Probenarbeit eines Orchesters weniger Spielraum für zusätzliche gesellige Aktivitäten unter den Mitgliedern ließ. So zumindest ist zu erklären, dass reine "Orchesterverbindungen" nicht nachweisbar sind.
Literatur
* Großmann, Josef: Die akademischen Gesangvereine, in: Allgemeine Deutsche Universitäts-Zeitung 2 (1888), S. 37-38.
* Vademecum des Verbandes Deutscher Studenten-Gesang-Vereine, Erlangen 1889, 2. Aufl. 1895.
* Ude, H[ermann]. (Hg.): Der S.V.-Student. Handbuch für den Sondershäuser Verband, Kartell-Verband Deutscher Studenten-Gesangvereine, Hannover 1903, 2. Aufl. 1909, 3. Aufl. 1912.
* Goebel, Fritz: Ein Rückblick auf die Entwicklung des Sondershäuser Verbandes, in: Kartell-Zeitung [des Sondershäuser Verbandes] 15/13 (1899), S. 108-114.
* Ders.: Beiträge zur älteren Geschichte des Sondershäuser Verbandes, in: KZ 29/7 (1912), S. 107-110.
* Röntz, Wilhelm: Männerchor und Studententum. Kurzgefaßter Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des S.V., in: SV-Zeitung. Zeitschrift des Sondershäuser Verbandes Deutscher Sänger-Verbindungen und des Verbandes Alter SVer (künftig zit.: SVZ) 46/9 (1929), S. 199-202.
* Ders.: Sänger und Student, in: Franz Josef Ewens (Hg.): Das Deutsche Sängerbuch. Wesen und Wirken des Deutschen Sängerbundes in Vergangenheit und Gegenwart, Marburg a. d. Lahn 1930, S. 336-341.
* Ders.: Sänger und Student, in: Franz Josef Ewens (Hg.): Deutsches Lied und Deutscher Sang. Deutsche Sangeskunst in Vergangenheit und Gegenwart, Karlsruhe, Dortmund 1930, S. 336-341.
* Ders.: Der Sondershäuser Verband Deutscher Sängerverbindungen (S.V.), in: Paul Grabein (Hg.): Vivat Academia. 600 Jahre deutsches Hochschulleben, Berlin o. J. (1931), S. 146-148.
* Blankenagel, Karl: Sondershäuser Verband Deutscher Sängerverbindungen (S.V.), in: Michael Doeberl u. a. (Hg.): Das akademische Deutschland, Bd. 2: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger, Berlin 1931, S. 403-408.
* Sondershäuser Verband Akademisch-Musikalischer Verbindungen (Hg.): 100 Jahre Sondershäuser Verband Akademisch-Musikalischer Verbindungen 1867-1967, o. O. o. J. (Aachen, wohl 1967).
* Ders. (Hg.): Das SV-Handbuch, o.O. 1988, 2. Auflage 1997, 3. Auflage 2002.
* Seher, Gerhard: 125 Jahre Sondershäuser Verband. 1867-1992. Eine Chronik, o. O. (Soltau) 1992.
* Sperr, Bernhard: 130 Jahre Zusammenschluß Akademisch-Musikalischer Verbindungen, in: SVZ 99/3 (1997), S. 88-91.
* Pabst, Martin: Zwischen Verein und Korporation: Die nicht farbentragenden Gesangs- und Turnverbindungen im SV bzw. ATB, in: Harm-Hinrich Brandt, Matthias Stickler (Hg.): ?Der Burschen Herrlichkeit?. Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens, Würzburg 1998 (= HA, Bd. 36 = Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Bd. 8), S. 321-336.
* Lönnecker, Harald: Lehrer und akademische Sängerschaft. Zur Entwicklung und Bildungsfunktion akademischer Gesangvereine im 19. und frühen 20. Jahrhundert, in: Brusniak, Friedhelm / Klenke, Dietmar (Hg.), Volksschullehrer und außerschulische Musikkultur. Tagungsbericht Feuchtwangen 1997 (Feuchtwanger Beiträge zur Musikforschung, Band 2), Augsburg 1998, S. 177 ? 240.
* Ders.: ?... den Kern dieses ganzen Wesens hochzuhalten und ... zu lieben?. Theodor Litt [Makaria Bonn/SV] und die studentischen Verbindungen, in: Dieter Schulz, Heinz-Werner Wollersheim (Hg.): Theodor-Litt-Jahrbuch 4 (2005), S. 189-263.
* Ders.: ?Sieg und Glanz dem deutschen Reich!? Die akademischen Sänger im Ersten Weltkrieg, in: Max Matter, Tobias Widmaier (Hg.): Lied und populäre Kultur. Song and Popular Culture, Münster, New York, München, Berlin 2006 (= Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs Freiburg i. Br., Bd. 50/51/2005-2006), S. 9-53.Siehe auch: Musische Studentenverbindung

