Affäre Clearstream II
Die Affäre Clearstream II erhielt ihren Namen wegen einer seit 2001 laufenden richterlichen Untersuchung um die luxemburgische Clearingstelle Clearstream. Aufgrund der französischen Bezeichnung für einen anonymen Denunzianten, corbeau (dt. Rabe) wird sie inzwischen auch als Rabenaffäre bezeichnet.Anfang 2004 wurden dem Untersuchungsrichter Renaud van Ruymbeke anonym eine CD-ROM mit über 16.000 Konten zugespielt, die den Eindruck erweckte, bei Clearstream gäbe es geheime Konten, über die Beteiligte des damaligen Verkaufs französischer Fregatten durch das Unternehmen Thomson-CSF, damals geleitet von Alain Gomez, an Taiwan verfügten. Der anonyme Denunziant vergleicht Clearstream mit der Situation der russischen Oligarchen in den 1990er Jahren und erhebt den Vorwurf, dass Clearstream, die Tochter der Deutschen_Börse_AG, eine riesige Waschanlage für Schwarzgeld aus Drogen- und Rüstungsgeschäften sei, bei dem u.a. die Oligarchen, wie Michail_Chodorkowski, große Unternehmen dirigierten, um sie zur Geldwäsche zu nutzen. Sie seien für den Tod des früheren französischen Matra-Eigentümers Jean-Luc Lagardère verantwortlich. Viele dieser Anschuldigungen tauchten bereits in den Büchern Révélation$ (2001) und La boîte noire (2002) des Enthüllungsjournalisten Denis Robert auf.
Nach ein paar Monaten spielte der anonyme Informant dem Untersuchungsrichter eine Datei zu, in der Clearstream-Datensätze mit Namen und Kontonummern verknüpft waren. Dabei tauchten neben der Nummer 2 bei Airbus Philippe Delmas auch so illustre Namen wie der des damaligen Finanzministers Nicolas Sarkozy und der sozialistischen Ex-Minister Dominique Strauss-Kahn und Jean-Pierre Chevènement sowie des UMP-Abgeordneten Alain Madelin auf. Schnell konnte der Untersuchungsrichter Delmas vom falschen Verdacht befreien, weil die Urdatensätze offenkundig beim dem Verteidigungsministerium unterstellten französischen Auslandsgeheimdienst DGSE auf Verbindungen zu al-Qaida durchleuchtet und dabei manipuliert worden waren. Damit schloss Richter van Ruymbeke eigentlich die Akte im Dezember 2005.
Damaliger Innenminister war der Intimfeind von Sarkozy, Dominique de Villepin, der von Sarkozy verdächtigt wird, unter dem Vorwand von Staatsgeheimnissen dem ihm unterstellten konkurrierenden Geheimdienst DST verboten zu haben, einen ihn entlastenden Untersuchungsbericht an den Untersuchungsrichter weiterzugeben. In seinem Buch ?La Tragédie du Président? stellt der Starjournalist Franz-Olivier Giesbert die Behauptung auf, de Villepin habe angesichts der Umstände gejubelt und Sarkozy am Ende gesehen. ?Wenn die Zeitungen ihre Arbeit tun, wenn sie Mumm haben, dann wird er diese Affäre nicht überleben?, sei de Villepins Reaktion gewesen. Sarkozy seinerseits erstattete im Januar 2006 Anzeige. Ein weiterer Untersuchungsrichter, Jean-Marie d'Huy bemühte sich daraufhin, den ?Raben? (gemeint ist der anonyme Denunziant) ausfindig zu machen.
Hausdurchsuchungen, auch bei Airbus-Chef Gustav Humbert und bei Noël Forgeard, der vom Präsidentenberater Chiracs bis in die EADS-Spitze aufgestiegen war, verliefen anfangs ergebnislos. Hintergrund ist ein Machtkampf bei EADS und Airbus um die den Franzosen zustehenden Posten zwischen den aus dem ehemaligen Matra-Dassault-Zweig von Airbus und solchen aus dem ehemaligen Thomson-Thales-Alcatel-Zweig des Unternehmens stammenden Managern um die Vorherrschaft im französischen Arm von EADS und Airbus. Auch beim Chef der DGSE, Alain Juillet, fand eine ergebnislose Durchsuchung der Büroräume statt.
Der Chef des dem Innenministerium unterstehenden DST Pierre de Bousquet sagte gegenüber Richter d?Huy aus, dass er über den anonymen Informanten zwar nichts wisse, aber dass de Villepin ihn angewiesen habe, ?herauszufinden, was hinter dieser Geschichte steckt?. Der Untersuchungsrichter stellte fest, dass die Nachrichtendienstler vom DST den Verdacht hegten, der Vizepräsident von EADS, Jean-Louis Gergorin und einer seiner Mitarbeiter, ein hochqualifizierter Informatiker, seien der Rabe. Daraufhin kam es auch zu Durchsuchungen bei EADS.
Am Rande der richterlichen Untersuchung dieser Affäre tauchte der Name des französischen Superagenten Philippe Rondot auf. Rondot war Führungsoffizier von Imad Lahoud, der 2003 bei der DGSE als ?freier Mitarbeiter? eingeführt worden war. Lahoud, Neffe des syrienfreundlichen, libanesischen Präsidenten Émile Lahoud, arbeitete bis zum Sommer 2003 an der Aufklärung der dunklen Finanzquellen von Osama Bin Laden. Dann stellte Rondot Lahoud dem Vizepräsidenten von EADS, Gergorin, vor. Im März 2003 traf Lahoud den Enthüllungsjournalisten Denis Robert, der ihn zu der Kontroverse um Clearstream interviewen wollte. Lahoud soll Robert dabei Computerlisten von Clearstream überlassen haben. Gergorin und Lahoud bestreiten nachdrücklich, mit der Denunziation etwas zu tun zu haben.
Inzwischen haben auch Dominique Strauss-Kahn, Jean-Pierre Chevènement und Alain Madelin sowie EADS ihrerseits Strafanzeige erstattet.
In einer Vernehmung durch die beiden Ermittlungsrichter sagte General Rondot unter Eid aus, dass de Villepin am 9. Januar 2004 in seiner Amtszeit als Außenminister ihm den Auftrag zur Überprüfung der Listen vermeintlicher Auslandskonten von Clearstream erteilte, was von de Villepin nicht bestritten wird. Laut Rondot habe sich das Gespräch immer wieder auch um Sarkozy gedreht. Dabei habe de Villepin den Eindruck erweckt, im Auftrag und mit Wissen des Präsidenten Chirac zu handeln, was de Villepin als Verleumdung bestreitet. Le Monde druckte Rondots Aussage auf mehr als drei Zeitungsseiten ab und stellte nahezu die komplette 28 DIN-A4-Seiten umfassende Aussage Rondots ins Internet. Die satirische Wochenzeitung "Le canard enchaîné" zitierte Rondot, wonach Chirac selbst bei einer japanischen Bank ein Guthaben von ca. ? 45 Mio. unterhalten habe.
Im Mai 2006 gibt der EADS-Vizepräsident Jean-Louis Gergorin zu, Autor anonymer Briefe an Untersuchungsrichter zu sein, in denen Sarkozy und andere Politiker fälschlich verdächtigt wurden, über Geheimkonten bei Clearstream Schmiergelder kassiert zu haben. Gergorin wird von seinem Posten bei EADS suspendiert.
Quellen
* Kölner Stadt-Anzeiger v. 4. Mai 2006: ?Der Premier gerät in große Erklärungsnot?
* Kölner Stadt-Anzeiger v. 11. Mai 2006: ?Regierung in Paris verstärkt unter Druck?
Literatur
* Denis Robert, Ernest Backes: Das Schweigen des Geldes. Der Clearstream-Skandal. (2002, ISBN 3-85842-546-X)
Weblinks
• Clearstream: Pistes et Perquisitions, Jean Guisnel, Le Point vom 21. April 2006
• Übersetzungen einschlägiger Figaro-Artikel in der Affäre Clearstream aus 2006
• Affäre um Villepin-Widersacher Sarkozy, Kölner Stadt-Anzeiger vom 6. April 2006
• Eine französische Affäre, Kölner Stadt-Anzeiger vom 22. April 2006

