Aelita (Film)
Aelita (russ. ??????) ist ein Stummfilm aus dem Jahr 1924, der auf der gleichnamigen Novelle Aelita von Alexei_Tolstoi basiert.
Der Film ist historisch bedeutend wegen seiner aufwändigen Science Fiction-Elemente in einem Nebenhandlungsstrang, die in dieser Zeit ungewöhnlich waren. Mit seinem futuristischen Dekor im Stile des deutschen Filmexpressionismus nahm er einen großen Einfluss auf spätere Produktionen. Der Haupthandlungsstrang läuft im zeitgenössischen Alltag und weist viele ideologische Elemente auf, die zunächst zu einer weiten Verbreitung in der Sowjetunion führten, später aber zu seiner Zensur, weil sich die Ideologie verändert hatte. Mit Beginn des Kalten_Kriegs war er nicht mehr in den Kinos zu sehen. Das Thema ist bislang nie wieder aufgegriffen worden.
Handlung
Der Zweistünder spielt gegen Ende der russischen Revolutionskriegszeit ab 1921, in der die Verhältnisse chaotisch waren und es viel Armut gab. Im Nebenhandlungsstrang erreichen die Radiostationen in Europa zu Beginn des Films (1921) Signale aus dem Weltraum mit den unverständlichen Worten ?Anta Odeli Uta?, denen die Militärs verschiedener Nationen keine Beachtung schenken, die aber von den sowjetischen Radioangestellten genauer begutachtet werden. Auf Anordnung von Ingenieur Loss versucht man vergeblich, die Sätze zu dechiffrieren. Loss vermutet, dass sie vom Mars kämen (?Das klingt verrückt, aber jemand auf dem Mars wundert sich über uns.?), wird aber von seinen Kollegen ausgelacht. Loss verfällt dieser Idee und beginnt ausgeprägte Tagträume sowie Konstruktionsunterlagen für ein Raumschiff anzufertigen.
Der Haupthandlungsstrang, der den größten Teil des Films ausmacht und das Leben der damaligen Zeit beschreibt, entwickelt sich ausgehend vom Bahnhof (damals zugleich Hospital) von Kursk, auf dem sich tausende Menschen versammelt haben, die sich auf der Flucht oder der Deportation befinden und bitter arm sind. Loss' Frau Natascha arbeitet dort. In diesem Handlungsstrang werden die Zustände anschaulich beschrieben, die Aufnahmen sind 1924 an den originalen Orten mit vielen authentischen Statisten gemacht worden. Der Romanvorlage von Tolstoy folgend werden Ausschnitte der Lebensgeschichten seiner Zeitgenossen geschildert. Rückblicke der Personen, filmtechnisch durch überlagerte Szenenübergänge eingeschnitten, erzählen von besseren Zeiten vor dem Krieg. Gekürzte Rationen, gemeinsames Wohnen verschiedener Personen in einer Wohnung oder einem Haus, zwischenmenschliche Probleme, Zusammenhalt in großer Not aber auch Diebstahl von Nahrungsmitteln und Unterschlagung. Ein Herr Erlich (aus dem Deutschen ohne h entlehnt) stiehlt Nahrungsmittel. Loss wird zudem in ein Eifersuchtsmotiv mit Natascha und Ehrlich verwickelt, vertraut seine Konstruktionsunterlagen seinem Kollegen Spiridonow an, verlässt Natascha und arbeitet als Ingenieur, um das Land auf zu bauen.
Während der Haupthandlungsstrang entwickelt wird, beschäftigt sich Loss parallel im Nebenhandlungsstrang damit, wie er zum Mars gelangen könnte und sehnt sich dort hin. In Tagträumen stellt er sich den Mars mit der Königin Aelita und dem Königsherrscher Tuskub in einer futuristischen Umgebung vor. Sprache und Gestik sei anders, Küssen sei unbekannt. Der Energiewächter Gor habe ein Teleskop entwickelt, mit dem er das Leben auf anderen Planeten beobachten könne, würde es aber auf Befehl Tuskubs unter Verschluss halten. Als die exotische Aelita Gor umgarnt, sie durch das Teleskop blicken zu lassen, habe er ihr ein heimliches nächtliches Treffen auf dem von Robotern bewachten Turm der Radioenergie vorgeschlagen. Nachdem die Kammerzofe die Roboter ablenkte, habe Aelita das Leben auf dem anderen Planeten, der Erde gesehen. Sie entdeckte neben Landschaften auch Militär (Krieg) und Liebe (Frieden), wobei sie sich mit Gor zu küssen beginnt, wie es die Menschen tun. Dabei seien sie von Tuskub beobachtet worden. Aelita kann die Worte Anta Odeli Uta im Teleskop erkennen, die Loss gedankenversunken auf der Erde an eine schmutzige Fensterscheibe malt und denkt sehnsuchtsvoll an ihn, wie Loss sich wünscht. Als Aelita an einem ihrer Ausflüge in den Turm der Radioenergie von Tuskub behindert wird, tritt sie als Königin vor den Ältestenrat und verlangt Zutritt. Der Ältestenrat verwehrt ihr den Zugang und herrscht auch sonst sehr rigide, lässt Arbeitskräfte in Kühlhäuser einfrieren oder wie Sklaven in den Untergrund verbannen. Aelita verschafft sich selbst Zugang zum Turm und gerät in ein Eifersuchtsmotiv mit Tuskub. Diese Szenen wurden in einem Theater mit vielen aufwändigen Bühnenbildern gestaltet. In diesem Handlungsstrang treten neben vier Hauptcharakteren uniforme Gruppen von Schauspielern auf. Die herrschende Kaste ist silber, die Arbeitskräfte einheitlich dunkel und gesichtslos gekleidet, die Roboter und Soldaten sind mit futuristischen Applikationen gestaltet. Auch die Sklaventreiber sind erkennbar als Arbeiter kostümiert.
Unterdessen schreibt Spiridonow im Haupthandlungsstrang Loss einen Brief und erklärt seine Auswanderung aus Russland, hat aber zuvor die Konstruktionsunterlagen des Raumschiffs in einen Kamin eingemauert. Loss kehrt zurück und holt die Unterlagen. Es kommt zu einer Eifersuchtsszene, bei der auf Natascha geschossen wird. Loss phantasiert, Natascha getötet zu haben und er lebe sein Leben unter der Identität des verschwundenen Spiridonow weiter, baue das Raumschiff, das schließlich auch gestartet wird. Neben ihm und dem vereinbarten Kosmonauten Gussew, einem unternehmungslustigen Revolutionssoldaten, werde versehentlich auch ein örtlicher Dummkopf und Möchtegern-Detektiv mit auf die Reise zum Mars genommen.
Loss' Fantasien stellen sich als wahr heraus. Auf dem Mars beobachtet der Ältestenrat und Aelita die Ankunft der Fremden durch das Teleskop. Tuskub befielt, die Aliens zu beseitigen, weil es sich um unwillkommene Revolutionäre von der Erde handelt, die die marsianische Sklavenhaltergesellschaft stören könnten. Aelita verhindert das, indem der Chefastronomen, der den Landeplatz kennt, durch ihre Zofe getötet wird. Sie lässt die Besucher zu sich bringen und küsst sich mit Loss. Der mitgereiste Dummkopf wird beim Versuch, Loss zu verraten, aufgrund von Sprachschwierigkeiten selbst festgenommen und gemeinsam mit der Zofe zum Einfrieren in die Kühlhäuser gebracht. Aus einer Befreiungsaktion entsteht eine flammende Revolution, der Kosmonaut Gussew stachelt die Sklaven auf, sich zu wehren. Der Film stellt den Sturm auf das Winterpalais in futuristischer Umgebung nach, die Sklaven stürmen den Palast und töten Ältestenrat und Tuskub in einer wüsten Keilerei. Königin Aelita schließt sich zunächst an und führt die Sklaven zum Erfolg, ordnet aber nach der Entmachtung die Niederlegung der Waffen an. Als auch die Mars-Armee auf Aelitas Seite steht, ruft sie sich als Alleinherrscherin aus und lässt die Sklaven in die Gefängnisse zurück zu treiben. Wegen diesem Verrat wendet sich Loss gegen seine Geliebte und stürzt sie die Palasttreppe hinunter, wobei sie stirbt. Beim Versuch die Bedeutung der Worte Anta Odeli Uta zu ergründen, erwacht Loss plötzlich im Haupthandlungsstrang und bemerkt, dass die Reise zum Mars nur ein Tagtraum war. Die Worte sind der Eigenname einer Handelsmarke, deren Reklame er vor dem Traum gesehen hat. Natascha ist noch am Leben, Erlich wird fest genommen und Loss verbrennt die Konstruktionsunterlagen, da er nie wieder Tagträumen möchte.
Ideologische Bedeutung
Neben der filmtechnischen Leistung wurde vor allem die ideologische Bedeutung mehrerer Aspekte diskutiert.
Loss' Handlungen auf dem Mars sind als '"Exportierte Revolution"' zu bezeichnen, die damals von einer zur anderen Sowjetrepublik getragen wurde.
Der Verrat Aelitas und die Strafe durch ihren Geliebten symbolisieren die Forderungen der Russischen Revolution, dass sich die Unterdrückten selbst führen sollen, da von der Aristokratie nichts gutes zu erwarten ist. Die spätere Zensur des Films in der Sowjetunion geht auf Aelitas Mithilfe bei der marsianischen Revolution zurück, die sie nur leistet, um den Diktator Tuskub los zu werden, dessen Stelle sie einnehmen will. Sie demonstriert die Leninistische Vorstellung davon, was bei einer Revolution schief gehen könnte, wenn man sich den falschen Führern anvertraut. Das blinde Vertrauen in Führer war jedoch später wieder ein wichtiger innenpolitischer Faktor in der Sowjetunion.
Loss sieht zudem Aelita in seinem Tagtraum mehrmals als seine Frau Natascha erscheinen, die jedoch im Haupthandlungsstrang eine aufrichtige Revolutionärin ist. Aelita steht hingegen in der marsianischen Revolution für das Gegenteil dessen, was sie in der privaten romantischen Beziehung für Loss bedeutet. Auch diese mehrdeutige Symbolik war in späteren Zeiten nicht mehr erwünscht.
Im Haupthandlungsstrang werden zudem bürgerliche Beschäftigungen zugelassen, die Lenin in den Jahren nach dem ersten_Weltkrieg zum Aufbau des Landes angeordnet hatte. Seine Ansichten gingen dahin, dass Gesellschaftsordnungen einander gesetzmäßig abwechseln müssen und nicht übersprungen werden können. Dieser Ansicht nach folgen der Sklaverei zunächst zwangsläufig Feudalismus und bürgerliche_Gesellschaft, bevor sich letztere in den Kommunismus wandeln kann. Unmittelbar vor der Revolution 1917 waren im russischen Zarenreich aber Sklaverei und Feudalismus noch weit verbreitet, weshalb Lenin zunächst der Aufbau bürgerlicher Strukturen sinnvoll erschien, die er erst später in den Kommunismus überführen wollte. Die Idee, Lenin habe das Bürgertum gefördert, um wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung zu erreichen, wurde in der stalinistischen Zeit totgeschwiegen.
Bedeutung des Films
Der Film wird als einzigartiges Zeitdokument der sowjetischen Revolutionszeit bewertet und ist auch aus filmhistorischer Sicht sehr bedeutsam. Er nahm Einfluss auf spätere futuristische Spielfilme, darunter die US-amerikanischen Serien Flash Gordon und Buck Rogers aus den 30er Jahren sowie Metropolis von Fritz Lang von 1927. Zu sehen sind einige seltene Aufnahmen wie die einer frühen Parade auf dem Roten_Platz.
Der Film wurde in einer 80 minütigen Fassung am 25.7.1969 im WDR_III uraufgeführt.Filme von A bis Z [http://www.filmevonabisz.de/filmsuche.cfm?wert=57132&sucheNach=titel]
Kritiken
Lexikon des internationalen Films: Eifersuchtsdrama, das sich allmählich zur Komödie entwickelt und besonderen Reiz durch die expressionistischen Science-Fiction-Kulissen gewinnt.
Veröffentlichungen
• "Science Fiction of the Domestic" von Andrew J. Horton (englisch)
Quellen
Weblinks
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