Adonis von Zschernitz
Als Adonis von Zschernitz wird die am 19. August 2003 am westlichen Ortsrand von Zschernitz (bei Delitzsch in Sachsen) von Archäologen bei Ausgrabungsarbeiten in einer Siedlungsgrube gefundene Tonfigur aus der Epoche der jüngeren Linienbandkeramik bezeichnet.Einordnung
Eindeutig männlich ist der Torso der über 7000 Jahre alten Tonfigur. Das etwa 8 cm hohe, dunkelbraune Fragment ist etwa vom Nabel abwärts bis unterhalb des Gesäßes erhalten.
Bisher bekannte, oft recht kleine Figuren aus der Epoche zeigen einen weiblichen Körper mit punktförmigen Brüsten und eingeritztem Schamdreieck. Oft ist das Geschlecht der Figuren nicht eindeutig zu erkennen. Eine weitere männliche Figur ist zum Beispiel aus Brunn am Gebirge bekannt. Andere stellen vielleicht Mischwesen dar (Bina, Tschechien). Auch zahlreiche Tierfiguren sind bekannt. Sie werden als Idole interpretiert, die vielleicht im Rahmen eines Ahnenkultes verehrt wurden.
In Anlehnung an die vielen "Venus"-Funde aus dem Altertum geht diese Entdeckung nun als Adonis in die Geschichte der Archäologie ein. Die männlichen Geschlechtsmerkmale sind deutlich ausgebildet, der Penis und der Hodensack sind vollständig erhalten. Am Gesäß sind geringe Abbruchstellen. Die fehlenden Teile konnten jedoch im Umkreis der Fundstelle nicht entdeckt werden. Allerdings wurden noch mehrere Fragmente einer weiblichen Figur entdeckt.
Archäologische Bedeutung
Das Bruchstück ist Teil einer vermutlich 25 bis 30 cm großen Figur, die vor 7000 Jahren zerbrochen sein muss.
Die Präzision der anatomischen Darstellung und Detailtreue der Figur aus Zschernitz stellten alles bisher Bekannte in den Schatten und gelten in der Fachwelt als sehr bedeutsam.
Auswertung
Der Fund wurde inzwischen wissenschaftlich untersucht und bewertet. Er wirft ein neues Licht auf die Geschichte dieser Region. Mangels Schriftfunden ist über die Menschen, ihre Sprache oder Religion kaum etwas bekannt. Funde dieser Art können Aufschluss über die Kultur und Lebensgewohnheiten dieser ältesten Phase der Jungsteinzeit geben.
Vermutlich handelt es sich auch um ein Fruchtbarkeitssymbol. Für diese Annahme spricht, dass die Geschlechtsteile im Verhältnis zum Becken außerordentlich groß dargestellt sind. Ungewöhnlich ist die dynamische Körperhaltung. Während Figuren dieser Art aufrecht dargestellt wurden, ist der Adonis in der Hüfte leich abgewinkelt. Das Gesäß zeigt Einritzungen, die als Tätowierungen oder Körperbemalung interpretiert werden. Einige halten es auch für angedeutete Bekleidungsstücke. Es wird oft angenommen, dass in der Bandkeramik Töpfern Aufgabe der Frauen war, ohne dass es hierfür irgendwelche direkten Belege gibt. Erst mit dem Aufkommen der Töpferscheibe in der Eisenzeit (ca. 750 v. Chr.) soll es es zum Handwerk der Männer geworden sein.
Weitere Forschungen in der Region belegen, dass die damaligen Siedler gut organisierte Landwirte und sehr begabte, technisch versierte Handwerker waren. Davon zeugten auch Funde von hölzernen Brunnen, die dendrochronologisch datiert werden können, und Siedlungsreste im Bereich der Grabungsstelle und in der weiteren Umgebung. Die Bandkeramiker wohnten in 25 bis 30 Meter langen Häusern. Oft finden sich zahlreiche Häuser an einer Stelle. Ob es sich dabei um echte Dörfer mit kommunalen Einrichtungen, oder lediglich um eine Ansammlung von Einzelhöfen handelt, ist in der Forschung umstritten, die Existenz von Brunnen spricht aber deutlich dafür.
Vorgeschichte
Am Ortsrand von Zschernitz in Sichtweite der A_9 wurde von der MITGAS 2003 eine Trasse für eine Hochdruck-Erdgasleitung von Wiederitzsch bis Brehna angelegt. Bei den Aushubarbeiten im Dreieck zwischen den Straßenverbindungen Doberstau - Kyhna, Klitschmar - Zschernitz und Zschernitz - Doberstau stieß man auf eine Siedlung aus der Jungsteinzeit. Da man Erfahrung mit solchen Funden hatte, wurden die Arbeiten unterbrochen und Archäologen erforschten intensiv das Gebiet. Auf 71 km wurden zwischen Peißen (Landkreis Bernburg) und Leipzig-Wiederitzsch bereits zuvor mehr als 67.000 Altertümer aus dem Boden geholt. Umfangreiche Siedlungsreste wurden bei Zschernitz gefunden und erfasst. Bei den Grabungen wurde zufällig die Figur entdeckt. Spektakulär war es deswegen, weil gerade an diesem Tag ein Kamerateam des MDR an der Grabungsstelle anwesend war. Ohne es vorher zu ahnen, wurde die Figur vor laufender Kamera entdeckt. Kurzfristig war dieser Fund ein Thema in allen Medien. Die Aufzeichnung lief in der Sendung Kulturmagazin "artour" am 21. August 2003.
In dieser Region wurden in den letzten Jahren schon einige bedeutende Entdeckungen gemacht. Erst der Fund der Himmelsscheibe von Nebra im Landkreis Merseburg-Querfurt durch Raubgräber 1999, dann die riesige Tempelanlage von Kyhna 2000, zuletzt das sogenannte Sonnenobservatorium_von_Goseck nahe Weißenfels. Die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra und die Umstände des Fundes waren jedoch spektakulärer und das Objekt sicher auch optisch attraktiver.
Am 23. August 2003 wurde der Adonis von Zschernitz erstmals im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst der Öffentlichkeit vorgestellt. Anschließend wurde er zu intensiven Untersuchungen in das Landesamt für Archäologie in Dresden-Klotzsche gebracht. Danach war im Rahmen einer Sonderausstellung im Japanischen Palais Dresden (bis November 2003). Hier hat der "Adonis von Zschernitz" seinen Namen bekommen. Anschließend hatte die "MITGAS" als zahlungspflichtige Verursacherin der Notgrabungen die Ehre, den Adonis in ihrer Zentrale in Gröbers mit weiteren Funden von der Trasse zeigen zu dürfen. "Eine vergleichbar lebensnahe Darstellung des menschlichen Körpers ist erst Jahrtausende später in den Hochkulturen des Mittelmeerraums wieder nachweisbar." meinte der zur Ausstellung herausgegebene Katalog.
Hoffnungen des Ortes Zschernitz bzw. der Gemeinde Neukyhna auf ein Verbleib des "Adonis von Zschernitz" im Rahmen einer attraktiven Ausstellung waren vergeblich. Die ersehnten Touristen in dieser sonst an Attraktionen armen Umgebung bleiben aus. Man konnte aber auch feststellen, dass die Anwohner aus der unmittelbaren Nachbarschaft von den Ausgrabungen und der Entdeckung wenig Notiz nahmen.
Nachgeschichte
Obwohl nur ein schmaler Streifen von einigen hundert Metern Länge in größter Eile erforscht worden war, mussten die Grabungen eingestellt werden. Der sensationelle Fund rechtfertigte keinen weiteren Aufschub der Arbeiten an der Erdgasleitung. Nun laufen die Pipelines durch ein Siedlungsgebiet aus der Jungsteinzeit.
Literatur
* Adonis aus Zschernitz. Der erste Mann aus Ton. In: [http://www.archsax.sachsen.de/angebote/sonst.html archaeo.] Archäologie in Sachsen. Dresden 1.2004.
*L.D. Nebelsick, J. Schulze-Forster, H. Stäuble: Der Adonis von Zschernitz. Archaeonaut 4. Landesamt für Archäologie mit Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden 2004. ISBN 3-910008-62-3
Weblinks
• MDR Kulturmagazin "artour"
• Nachrichten aus der Archäologie
• "Adonis von Zschernitz" beeindruckt die Archäologen
• LVZ 10. Oktober 2004: Adonis aus Zschernitz hat eine Gefährtin
• Zusammenstellung von Presseartikeln
• MITGAS - Pressemeldungen

