Adnan Menderes
Adnan Menderes (1899 in Ayd?n; ? 17. September 1961) war der erste aus freien Wahlen hervorgegangene Ministerpräsident der Türkei. Er regierte von 1950?1960 und wurde am 27. Mai 1960 durch das Militär gestürzt. Nach dem Prozess von Yass?ada wurde er auf der Insel ?mral? hingerichtet.Politisches Leben
Menderes war ein Gutsbesitzersohn aus Güzelhisar in der Provinz_Ayd?n. Sein Rechtsstudium absolvierte in seiner Abgeordnetenzeit. Seit 1936 war er Mitglied der türkischen Nationalversammlung. 1946 war er neben Celal Bayar Refik Koraltan und Mehmet Fuat Köprülü Mitbegründer der Demokratischen_Partei, deren Vorsitzender er 1950 wurde. Die Demokratische Partei spielte eine entscheidende Rolle beim Übergang vom vorherigen Einparteiensystem mit der Republikanischen_Volkspartei als einziger Partei zum Mehrparteiensystem. Bei den Wahlen im Juli 1946 errang die Demokratische Partei lediglich 64 der 465 Sitze ? nicht zuletzt da die regierende Republikanischen Volkspartei unter Ismet Inönü die Wahlen um ein Jahr vorzog, um der Demokratischen Partei wenig Zeit zum Aufbau zu geben.
Bei den ersten freien und unverfälschten Wahlen im Jahre 1950 gelang der Partei ein Erdrutschsieg, sie erhielt 408 der 487 Sitze im Parlament. Celal Bayar wurde Präsident, Menderes Ministerpräsident und Fuat Köprülü Außenminister, der bisherige Präsident Ismet Inönü wurde Oppositionsführer. Ismet Inönü lehnte das Angebot einiger Generale zur Auflösung der Demokratischen Partei ab, die Inönü die Rückkehr an die Macht ermöglichen sollte.[http://www.bpb.de/publikationen/WHX5CA,1,0,Stationen_der_Innenpolitik_seit_1945.html Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung]
Menderes regierte die Türkei fast zehn Jahre. In dieser Zeit erlebte das Land einen raschen ökonomischen Aufschwung, der auf dem neuen Wirtschaftsliberalismus und starker ausländischer Unterstützung beruhte, speziell der USA. Seine Regierung modernisierte insbesondere die Landwirtschafts-, Verkehrs-, Gesundheits-, Banken-, Energie-, Bildungs- und Versicherungssysteme. Die Türkei trat unter Menderes 1952 der NATO bei.
Abkehr vom Laizismus
Im Vergleich zu den früheren Politikern der jungen Republik, welche im Sinne Atatürks auf eine strikte Trennung von Religion und Staat geachtet hatten, forderte Menderes trotz seiner westlichen Orientierung die Rückkehr zum islamischen Staat. Dies alarmierte natürlich die Hüter des kemalistisch-laizistischen Staates, welche er als ?besessene Reformisten? bezeichnete.
Die Verordnung des Staatsgründers Atatürks aus dem Jahre 1932, den islamischen_Gebetsruf statt auf Arabisch nur noch in türkischer Sprache durchzuführen, hob er auf Druck religiöser Gruppen wieder auf. Menderes setzte den ebenfalls von Atatürk aufgehobenen Islam-Unterrichts in den Grund und Mittelschulen als Wahlfach durch, ließ Korankurse wieder zu und bewilligte daneben die Ausstrahlung muslimischer Sendungen im staatlichen Rundfunk. Erstmals in der Geschichte der modernen Türkei konnten auch religiöse Parteien offen in Erscheinung treten.
Premierminister Adnan Menderes erläuterte diese Reformen folgendermaßen:
?Wir haben unsere bis jetzt unterdrückte Religion von der Unterdrückung befreit. Ohne das Geschrei der besessenen Reformisten zu beachten, haben wir den Gebetsaufruf wieder auf das Arabische umgestellt, den Religionsunterricht an den Schulen eingeführt und im Radio die Rezitation des Koran zugelassen. Der türkische Staat ist muslimisch und wird muslimisch bleiben. Alles, was der Islam fordert, wird von der Regierung eingehalten werden.? [Ahmet N. Yücekök, Türkiye?de Örgütlenmi? Dinin Sosyo-Ekonomik Taban?, Ankara 1971, S. 93]
Verweisend auf ihre bisherigen wirtschaftlichen Erfolge konnte die Regierung Menderes mit besonderem Wohlwollen der Religiösen die Wahlen von 1954 noch eindeutiger gewinnen als zuvor.[http://www.bpb.de/publikationen/WHX5CA,1,0,Stationen_der_Innenpolitik_seit_1945.html Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung] Doch schon zu dieser Zeit zeigten sich massive politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen, welche zu einer schwelenden Missstimmung im Lande führte.
1955: Das Pogrom von Istanbul
In der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 ereignete sich das Pogrom von Istanbul in dessen Folge das griechische Leben in der Metropole weitestgehend erlosch. Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) [http://www.oekumene.at/dokumente/20050905_pogrom-konstantinopel.htm] Dabei kam es zu staatlich organisierter Gewalt gegen die griechische, jedoch auch andere christliche Minderheiten in Istanbul. In welchem Ausmaß diese Ausschreitungen inszeniert wurden, um vom wirtschaftlichen Versagen der Regierung Menderes abzulenken beziehungsweise in wieweit es sich um eine zumindest teilweise spontane ?Antwort? des Istanbuler Mobs auf Übergriffe der griechischen Zyprer auf türkische Zyprer handelte, ist bis heute strittig. Jedoch nennen alle Quellen eine Mitbeteiligung, wenn nicht sogar Organisation des Pogroms durch die Regierung Menderes. Dieser Vorwurf war auch ein wichtiges Thema beim Prozess gegen Adnan Menderes nach seiner Absetzung durch die Armee.[http://www.hrw.org/reports/pdfs/g/greece/greec991.pdf Human Rights Watch-Dokument 1999, Seite 8]Speros Vryonis: The Mechanism of Catastrophe: The Turkish Pogrom of September 6-7, 1955, and the Destruction of the Greek Community of Istanbul, New York: [http://www.greekworks.com Greekworks.com] 2005, ISBN 0-9747660-3-8 [http://www.oekumene.at/dokumente/20050905_pogrom-konstantinopel.htm Schrift des Ökumenischen Rats der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ): Vor 50 Jahren zerstörte ein Pogrom das alte Konstantinopel] [http://www.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-408/_p-1/i.html?PHPSESSID=586932399788bbaf8/ Schrift der qantara: Pogrom an Istanbuler Griechen ? Die dunkelste Nacht der Istiklal] [http://www.tuday.de/deutsch/publikationen/TUDAY-INFO-Febr2001/februar-2001-05.htm Schrift zu der Ausstellung Eine beschämende Geschichte ? Fotodokumentation über die Pogrome vom 6./7. September 1955 der TÜDAY e.V. ]
Misstrauen, Misswirtschaft und EWG-Verhandlung
Am 30. November 1955 wurde der Regierung vom Parlament das Misstrauen ausgesprochen, weshalb Menderes als Ministerpräsident am 11. Dezember 1955 eine neue Regierung aus Mitgliedern der Demokratischen Partei bilden musste. [Universität Magdeburg, Jahreschronik http://www.uni-magdeburg.de/uniarchiv/chronik/jahre_welt/1955/12.htm
Die anfänglich starke wirtschaftliche Expansion unter Menderes hatte nicht nur Gewinner. An den Peripherien der Großstädte bildeten sich zunehmend illegale Armenviertel. Das rasche Bevölkerungswachstum trieb die Ausgaben für Bildung und Infrastruktur in die Höhe. Der staatliche Anteil an den Investitionen stieg zwischen 1950 und 1960 von 40 Prozent auf 60 Prozent. In der Folge wuchs auch die Verschuldung der öffentlichen Hand. Der Verfall der Weltmarktpreise für landwirtschaftliche Erzeugnisse brachte das Wachstum 1953 zum Erliegen und führte zu einem ernsthaften Handelsbilanzdefizit. Menderes reagierte mit Preisfestsetzungen und verstärkter staatlichen Kontrolle der Ein- und Ausfuhr und seine Regierung erhielt bei den Wahlen von 1957 weniger Stimmen. Mit 48 Prozent der Stimmen errang sie ? begünstigt durch das Mehrheitswahlrecht 70 Prozent der Sitze. (Klaus Kreiser, S. 423 ff.)
In der Politik standen sich die CHP und die DP unversöhnlich gegenüber. Die Regierung nutzte ? wie zuvor die CHP ? das Staatsradio als Propagandainstrument und verabschiedete Gesetze, die die eigene Stellung stärkten. Sie beschränkte die Autonomie der Universitäten, verschärfte das Pressegesetz und ließ Zeitungen verbieten. (Christoph K. Neumann, S. 317 ff.)
Eines der wichtigsten Ereignisse für die jüngsten politischen Entwicklungen in der Türkei war am 21. Juli 1959 die Antragstellung der Regierung Menderes auf Assoziierung der Türkei mit der Europäische Wirtschafts-Gemeinschaft (EWG). Dieser Vertrag, welcher im September des gleichen Jahres unterzeichnet werden konnte, trat aber erst am 1. Dezember 1964 in Kraft.
Militärputsch und Gerichtsverfahren
Am 27. Mai 1960 übernahmen die Türkischen_Streitkräfte unblutig die Macht im Lande. Unter General Cemal Gürsel, der später Präsident der Türkei wurde, wurde ein "Komitee der Nationalen Einheit" gebildet. Die Demokratische Partei wurde verboten. Die Putschisten leiteten ein Gerichtsverfahren gegen Menderes und Funktionäre seiner Regierung und Partei ein, insgesamt 590 Menschen. Nach dem damaligen Türkischen Strafgesetzbuch war die Todesstrafe möglich gegen Menschen, "die die Verfassung zu ändern, ersetzen oder außer Kraft zu setzen anstreben".
Menderes wurde unter anderem angeklagt wegen der Organisation antigriechischer Ausschreitungen im Jahre 1955", Bedrohung des Lebens des früheren Präsidenten Ismet Inönü, Organisation von Krawallen zur Zerstörung einer Zeitung und Korruption[http://www.time.com/time/magazine/printout/0,8816,873393,00.html Time-Artikel The verdict, Ausgabe vom 22. September 1961].
Am 17. September 1961 wurden die Todesurteile gegen Menderes, Celal Bayar, zwei frühere Minister und 11 weitere frühere Regierungsbeamte verhängt. Menderes selbst erschien nicht vor Gericht, da er durch einen Selbstmordversuch mit Schlaftabletten geschwächt war. 31 seiner Mitangeklagten wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, 123 wurden freigesprochen und Klagen gegen 5 Mitangeklagte wurden abgewiesen. Die anderen erhielten unterschiedlich lange zeitlich begrenzte Haftstrafen.
Trotz starken internationalen Drucks beharrte die Junta auf der Vollstreckung des Todesurteils gegen Menderes. Auch die Urteile gegen den früheren Außenminister Fatin Rü?tü Zorlu und gegen Hasan Polatkan, den früheren Finanzminister, wurden vollstreckt. Die anderen Todesurteile wurden in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Celal Bayar wurde aus Altersgründen verschont.
Heutige Einschätzung
Heute genießt Menderes in der Türkei wieder Ansehen staatlicherseits. 1990 wurden seine Gebeine nach Istanbul überführt und im sogenannten An?tmezar beigesetzt und 1987 der internationale Flughafen von Izmir nach ihm benannt. 1992 wurde die "Adnan-Menderes-Universität" gegründet. Zuletzt wurde sein Leben für eine umfangreiche türkische Fernsehserie verfilmt (2006/2007).
Siehe auch
Geschichte der Türkei
Minderheitenpolitik der Türkei
Religion in der Türkei
Quellen
Literatur
* Speros Vryonis: The Mechanism of Catastrophe: The Turkish Pogrom of September 6?7, 1955, and the Destruction of the Greek Community of Istanbul. New York: [http://www.greekworks.com Greekworks.com] 2005, ISBN 0-9747660-3-8
* Christoph K. Neumann u. Michael Neumann-Adrian: Die Türkei. Ein Land und seine 9000 Jahre Geschichte. München 1993
Udo Steinbach: Die Türkei im 20. Jahrhundert. Bergisch Gladbach 1996
Klaus Kreiser: Kleine Geschichte der Türkei. Stuttgart 2003
Weblinks
• Time-Artikel The verdict vom 22. September 1961
• Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung: Stationen der Innenpolitik seit 1945
• Dossier der Zeitung Zaman: 1960 Military Coup ? Yassiada archives made public series''

