Adele Gerhard
Adele Gerhard (8. Juni 1868 in Köln; ? 10. Mai 1956 ebenda) war eine deutsche Schriftstellerin.Adele Gerhard war Tochter des Fabrikanten Adolph de Jonge. Ihre Heirat mit dem Rechtsanwalt Stephan Gerhard führte sie 1889 nach Berlin. Dort engagierte sie sich in den ersten Jahren sozialpolitisch und wissenschaftlich. 1895 erschien ihre Studie Konsumgenossenschaft und Sozialdemokratie, mit der sie erste Aufmerksamkeit auf sich zog.
Weitaus größere Resonanz aber erzielte die 1901 veröffentlichte und zusammen mit der Nationalökonomin Helene Simon unternommene Studie Mutterschaft und geistige Arbeit. Darin problematisieren die Wissenschaftlerinnen den scheinbar zeitlosen Konflikt der Doppelbelastung von berufstätigen Müttern.
Neben ihren wissenschaftlichen Arbeiten schrieb Adele Gerhard ihre ersten Novellen. Du Ring an meinem Finger - Gerhards erste literarische Arbeit - wurde 1894 in der Deutschen Revue veröffentlicht. 1899 erschien eine Sammlung der ersten Novellen in dem Band "Beichte". Mit Abschluss der Arbeit Mutterschaft und geistige Arbeit wandte sie sich ausschließlich der Literatur zu. Während ihre ersten Texte deutliche Einflüsse des Naturalismus und eine damit zusammenhängende Auseinandersetzung mit der Ersten Frauenbewegung aufweisen, wandte sie sich im Verlauf ihres Schaffens zunehmend von sogenannten "Frauenfragen" ab, was sich in den Romanen Die Geschichte der Antonie van Heese (1906) sowie Am alten Graben (1917) zeigt.
In den 1920er Jahren weist ihre Literatur eine deutliche Allianz mit der Jugendbewegung auf. Insbesondere beeindruckt von Männerbünden der Zeit gestaltete sie in ìhren Romanen Pflüger (1925) und Via Sacra (1928)eine Verschmelzung von Männerbundideologie und christlicher Erlösermotivik. Die Wende zu "männlichen" Helden hatte sich bereits 1920 in ihrem Roman Lorelyn abgezeichnet, der stark von expressionistischen Einflüssen geprägt ist.
Zu ihrem 50. (1918) und 60. Geburtstag (1928) wurde Adele Gerhard je eine Festschrift zuteil, die beweist, dass sie durchaus eine breite Anerkennung - mehr von Intellektuellen als vom gemeinen Lesepublikum - für ihr dichterisches Schaffen erfuhr. Beiträge dafür reichten u.a. Gertrud Bäumer, Alfred Döblin, Helene Lange, Thomas Mann, Franz Werfel und Stefan Zweig ein.
Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft war Adele Gerhard ab 1933, obwohl sie 1911 mit ihren Kindern zum Protestantismus konvertiert war, den Repressionen der nationalsozialistischen Rassengesetze ausgesetzt. Da ihre Kinder Dietrich und Melitta erfolgreiche akademische Laufbahnen eingeschlagen und in Amerika Anstellungen gefunden hatten, emigrierte Adele Gerhard 1938 in die USA, wo sie zusammen mit ihrer Tochter lebte. Nicht verbittert sondern wie allemal zuversichtlich erlebte sie dieses Land und ließ sich von der Natur inspirieren. Im Exil entstanden weitere literarische Werke die als druckreife Manuskripte im Deutschen_Literaturarchiv_in_Marbach hinterlegt sind. Darin konstruierte sie weiterhin christliche Erlöserfiguren und offenbarte sehr abstrakt ihre Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.
Ihre Bekanntheit in Deutschland erlosch durch das Exil, das sie 1955 verließ, um in ihre Geburtsstadt Köln zurückzukehren, fast völlig. Dort lebte sie bis zu ihrem Tod.

