Adam Heinrich Müller Ritter von Nittersdorf
Adam Heinrich Müller, seit 1826 Ritter von Nittersdorf (30. Juni 1779 in Berlin; ? 17. Januar 1829 in Wien) war ein deutscher Diplomat und politisch-philosophischer Schriftsteller.
Leben
Müller, Sohn eines Finanzbeamten, studierte in Göttingen 1798-1801 Rechtswissenschaften und Geschichte; zu seinen dortigen Lehrern zählten der Jurist Gustav von Hugo und die Historiker August Ludwig von Schlözer und Arnold Hermann Ludwig Heeren, die auf den jungen Müller großen Einfluss ausübten. Am tiefsten wurde er jedoch durch Friedrich Gentz geprägt, der insbesondere die eigene Anglophilie auf den jungen Müller übertrug. Nach kurzer Tätigkeit als Rechtsreferendar in Berlin wurde er Hauslehrer der Familie Haza-Radlitz in Posen; hier verfasste er 1805 sein erstes Buch, die philosophische Abhandlung Die Lehre vom Gegensatz. Während einer Reise zu Gentz nach Wien konvertierte Müller im Frühjahr 1805 zum Katholizismus.
Von Ende 1805 bis 1809 lebte Müller in Dresden, wo er durch seine 1806 gehaltenen Vorlesungen über deutsche Wissenschaft und Literatur berühmt wurde; den von ihm propagierten Gedanken eines Ausgleichs der Gegensätze (germanisches gegen griechisches Element der europäischen Literatur, Klassik gegen Romantik) wandte er hier auf Dichtung, Philosophie, aber auch politisches Denken an. Seine zentralen politischen Ideen entwickelte er in seinen 1808/09 gehaltenen Vorlesungen, die er 1811 unter dem Titel Die Elemente der Staatskunst publizierte. Gemäß seiner Divise, der ?Staatsgelehrte? habe dem Staatsmann zur Seite zu stehen, propagierte Müller die Grundgedanken der politischen Romantik, als deren Hauptwerk die Elemente anzusehen sind: Gegen die moderne Vertragstheorie setzte er die Idee des organisch gewachsenen, Tradition und Gegenwart verbindenden monarchischen Ständestaats; gegen die moderne Wirtschaftstheorie des (von Müller zeitlebens angefeindeten) Adam Smith propagierte er den Gedanken einer strengen sozialen Bindung des Eigentums. Auch später hat er immer wieder das moderne Wirtschaftsleben kritisiert. Seine ebenso bewunderte wie angefeindete Definition des Staats darin lautet: Der Staat sei keine ?Manufaktur ... oder merkantilische Sozietät, er ist die innigste Verbindung der gesamten physischen und geistigen Bedürfnisse, des gesamten physischen und geistigen Reichtums, des gesamten inneren und äußeren Lebens einer Nation, zu einem großen, energischen, unendlich bewegten und lebendigen Ganzen?.
1809 ging Müller, nachdem er sich mit Sophie von Haza-Radlitz verheiratet hatte, nach Berlin, wo er weitere historisch-politische Vorlesungen hielt und mit Heinrich von Kleist die ?Berliner Abendblätter? (1810/11) herausgab. Müller, nun wieder im preußischen Staatsdienst, lehnte die Reformbestrebungen des seit 1810 amtierenden Staatskanzlers Karl August von Hardenberg ab und versuchte, mit seinen regierungskritischen Artikeln eine öffentliche Diskussion über die Reformpolitik auszulösen. 1811 fungierte er zudem als enger politischer Berater des Führers der preußischen Adelsopposition, Friedrich August Ludwig von der Marwitz. Doch Hardenberg zerschlug die Opposition: Marwitz wurde inhaftiert, die ?Abendblätter? mussten ihr Erscheinen einstellen und Müller wurde als diplomatischer Berichterstatter nach Wien abgeschoben.
Nachdem der preußische Staat seine Gehaltszahlungen eingestellt hatte, musste sich Müller in österreichischen Diensten verdingen: Von 1813 bis 1815 war er für die österreichischen Armee - als Herausgeber des ?Boten in Tirol? - publizistisch tätig, 1815 wurde er in den Stab Metternichs aufgenommen, der ihm von 1815-26 den Posten eines österreichischen Generalkonsuls für Norddeutschland mit Sitz in Leipzig verschaffte. Hier entwickelte Müller zahlreiche publizistische und politische Aktivitäten, unter anderem gab er von 1816 bis 1818 die ?Deutschen Staatsanzeigen? heraus. Als Diplomat agierte Müller jedoch weitgehend glücklos; seine Kritik des Reformationsjubiläums von 1817 führte zu ersten öffentlichen Auseinandersetzungen um seine Person, und nach dem von ihm nicht unbeeinflussten Übertritt des Herzogspaares von Anhalt-Körthen zum Katholizismus im Jahr 1825 konnte ihn Metternich nicht mehr halten. Müller kehrte nach Wien zurück, wo er immerhin den persönlichen Adel erhielt und seine drei letzten Lebensjahre als Hofrat in kaiserlichen Diensten verbrachte.
Literatur
* Ferdinand Reinkemeyer: Adam Müllers ethische und philosophische Anschauungen im Lichte der Romantik; Dissitation, Köln 1926
* Alfred von Martin: Die politische Ideenwelt Adam Müllers; In: Festschrift für Walter Goetz, Leipzig/Berlin 1927, Seite 305-327
* Gisela von Busse: Die Lehre vom Staat als Organismus. Kritische Untersuchungen zur Staatsphilosophie Adam Müller; Berlin 1928
* Jakob Baxa: Adam Müller. Ein Lebensbild aus den Befreiungskriegen und aus der deutschen Restauration; Jena 1930
* Ernst Rudolf Huber: Adam Müller und Preußen; Stuttgart 1965
* Jakob Baxa: Adam Müllers Lebenszeugnisse; 2 Bände, München/Paderborn/Wien 1966
* Albrecht Langner: Zur konservativen Position in der politisch-ökonomischen Entwicklung Deutschlands vor 1848; Herrausgegeben von Albrecht Langner, München/Paderborn/Wien 1975, Seite 11-73
* Benedikt Koehler: Ästhetik der Politik. Adam Müller und die politische Romantik; Stuttgart 1980

