Ekel
thumb|Erbrechen,_tacuinum_sanitatis_casanatensis_(XIV_Zeith)
Ekel ist die Bezeichnung für die Empfindung einer starken Abneigung und von Widerwillen gegen Substanzen und Objekte wie Nahrung, Exkremente und verwesendes organisches Material oder gegen Gerüche. Ekel kann jedoch auch gegenüber Personen oder Verhaltensweisen empfunden werden. Im Gegensatz zu anderen weniger starken Formen der Ablehnung äußert sich Ekel mitunter auch durch starke körperliche Reaktionen wie Übelkeit und Brechreiz, Schweißausbrüche, absinkenden Blutdruck bis hin zur Ohnmacht. Wissenschaftlich gilt Ekel als elementare Emotion, nicht als Instinkt.
Lothar Penning definiert Ekel in seiner Dissertation zum Thema als ?einen sozialen Mechanismus, der kulturell bedingt und pädagogisch vermittelt, sich den primitiven Brech- und Würgereflex zunutze macht, um die vorrational erworbene, soziale Basisidentität zu schützen.?Lothar Penning, Kulturgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Aspekte des Ekels (Diss.), S. 2
Ekel spielt auch bei einigen Phobien eine Rolle, das wesentliche Merkmal einer Phobie ist jedoch Angst, nicht Ekel. Extreme Ekelempfindlichkeit wird in der Psychologie als Idiosynkrasie bezeichnet. Bei der Krankheit Chorea Huntington empfinden Betroffene dagegen überhaupt keinen Ekel und können auch den entsprechenden Gesichtsausdruck bei anderen nicht mehr deuten.
Einführung
Ekel (engl. disgust, frz. degoût) entsteht im Gehirn im so genannten Mandelkern, der zum limbischen_System gehört, wo auch andere Emotionen verarbeitet werden. Die Aktivierung dieses Areals bei Ekelreaktionen konnte in Studien nachgewiesen werden. Die Fähigkeit, Ekel zu empfinden ist zwar angeboren, Ekelgefühle werden jedoch erst im Laufe der ersten Lebensjahre durch Sozialisation erworben. Kleinkinder empfinden nachgewiesenermaßen noch keinen Ekel gegenüber Substanzen, Objekten oder Gerüchen; sie stecken auch Kot, Käfer oder Regenwürmer in den Mund. Mitunter wird auf die Tatsache verwiesen, dass schon Neugeborene mit dem Verziehen des Gesichts auf bitteren Geschmack von Flüssigkeit reagieren, doch wird das von der Mehrheit der Wissenschaftler nicht als Ekelreaktion interpretiert, sondern als angeborene Geschmacksaversion, wie auch die Präferenz für süß angeboren ist. Auf Gerüche, die Erwachsene als ekelerregend bezeichnen wie den von Kot oder Schweiß, reagieren Kleinkinder bis etwa drei Jahre nicht.[http://www.emotionspsychologie.uni-hd.de/emotio2002/pdf_files/kapitel12.pdf Skript von Bernd Reuschenbach]Ein Forschungsansatz geht davon aus, dass die menschliche Ekelfähigkeit in den Genen angelegt ist, die Objekte des Ekels jedoch von der jeweiligen Kultur festgelegt werden und variabel sind. Da die Ekelreaktion kein angeborener Instinkt ist, wird sie im Laufe der Sozialisation nach dem Vorbild von anderen, vor allem den Eltern, erlernt und ist kulturell beeinflusst. Das Prinzip lautet ?Ekele dich vor den Dingen, die in der Gesellschaft, in der du lebst, als ekelhaft gelten!?[http://www.sge-ssn.ch/d/printmedien/zeitschrift_tabula/jahrgang_2005/2_2005/report_tabula_2-2005.pdf Rolf Degen: Nicht nur Verdorbenes macht Angst, in: Tabula 02/2005] Evolutionsbiologisch betrachtet erscheint das vor allem in Hinblick auf die Ernährung sinnvoll, da das Nahrungsangebot nicht in jedem Kulturkreis identisch ist und sich im Laufe der Evolution auch ständig verändert hat. Das größte Ekelpotenzial haben weltweit offenkundig tierische Produkte, im Gegensatz zu Pflanzen und unbelebten Objekten. [http://www.shef.ac.uk/philosophy/AHRB-Project/Papers/SimpsonSheffieldPaper.pdf Tom Simpson: The Development of Food Preferences and Disgust (pdf)]
Weltweit gibt es einen typischen Gesichtsausdruck für das Ausdrücken von Ekel: Die Nase wird gerümpft und die Oberlippe hochgezogen, während die Mundwinkel nach unten gehen, bei starkem Ekel wird zusätzlich leicht die Zunge herausgestreckt. Physiologisch kommt es häufig zu einem Würgereflex, Speichelfluss und Übelkeit mit Brechreiz, im Extremfall zu starkem Blutdruckabfall und zur Ohnmacht. Die Ekelempfindlichkeit ist individuell unterschiedlich stark ausgeprägt. Es ist möglich, Ekel zu verdrängen oder zu überwinden, was zum Beispiel in medizinischen Berufen oder bei Bestattern eine wichtige Rolle spielt, doch auch hier gibt es große individuelle Unterschiede.
Zu welchem Zweck sich die Fähigkeit zum Ekel im Laufe der Evolution herausgebildet hat, steht nicht eindeutig fest. Einige Wissenschaftler wie Paul Rozin halten eine starke Abwehrreaktion auf ungenießbare Substanzen für den Ursprung der Emotion. Auch die Psychologin Anne Schienle vermutet, dass der Ekel im Zusammenhang mit dem Würgereflex entstanden ist, der dazu dient, die Aufnahme ungenießbarer oder gesundheitsschädlicher Nahrung zu verhindern. Nach dieser Theorie sind Ekelreaktionen erst später als Schutzmechanismus auch auf Substanzen wie Körperprodukte und Gerüche ausgeweitet worden.
Weltweit am häufigsten als ekelerregend bezeichnet werden Leichen, offene Wunden, Körperprodukte wie Kot, Urin oder Eiter, der Geruch verdorbener Lebensmittel und bestimmte Tiere wie Würmer und Ratten oder Entwicklungsformen wie Maden. Die Ausprägung der Ekelgefühle gegenüber diesen Objekten differiert jedoch in verschiedenen Kulturen und war nach Ansicht von Kulturwissenschaftlern in Europa in früheren Zeiten deutlich geringer ausgeprägt als heute.
thumb|Ein_Kuhfladen_in_den_Alpen_auf_einer_Alm
Wissenschaftliche Experimente belegen, dass Assoziationen eine wesentliche Rolle beim Entstehen von Ekelgefühlen spielen. Viele Studienteilnehmer weigerten sich, eine Suppe zu essen, die zuvor mit einem fabrikneuen Kamm umgerührt wurde. Auch Orangensaft, der in einer neuen sterilen Urinflasche angeboten wurde, löste Ekel aus. Dasselbe gilt für Schokoladenpudding, der in der Form von Hundekot auf dem Teller angerichtet worden war - viele wollten ihn nicht essen, obwohl ihnen klar war, dass es sich um Pudding handelte. Die Ekelgefühle wurden nachweislich nicht durch tatsächliche Qualitäten der Speisen ausgelöst, sondern nur durch negative Assoziationen zu Gegenständen bzw. Objekten.
Echte Ekelreaktionen sind nach Auffassung der meisten Forscher bei Tieren nicht zu beobachten, obwohl sie auf unangenehme Geschmacksreize deutlich erkennbar reagieren und die meisten Tierarten Unbekömmliches durch einen Würgereflex ebenso wie Menschen erbrechen können. Und so wie bei vielen Menschen führt Übelkeit nach dem Genuss eines Lebensmittels zur Entwicklung eines dauerhaften Abscheus gegenüber dieser Speise. ?Wölfe, an die man präpariertes Schaffleisch verfüttert hatte, das heftige Übelkeit erregte, veränderten ihr Verhalten auf erstaunliche Art: Beim Anblick ihrer Lieblingsbeute flohen sie fortan oder unterwarfen sich mit jämmerlichen Gesten.?[http://www.sge-ssn.ch/d/printmedien/zeitschrift_tabula/jahrgang_2005/2_2005/spezial_tabula_2-2005.pdf Rolf Degen: Wenn das Essen hochkommt, in: Tabula 02/2005] Dieses ausgeprägte Meidungsverhalten interpretieren einige Forscher als Ekel, während andere es als Konditionierung auf Grund der negativen Geschmackserfahrung auffassen.
Theorien
Charles Darwin
Die ersten wissenschaftlichen Aussagen zum Ekel stammen von Charles Darwin als Teil seines Werks The Expression of the Emotions in Man and Animals (1872). Seine Definition lautete: ?(...) something revolting, primarily in relation to the sense of taste, as actually perceived or vividly imagined; and secondarily to anything which causes a similar feeling, through the sense of smell, touch and even of eyesight? (dt: etwas Widerstrebendes, vor allem in Zusammenhang mit dem Geschmackssinn, tatsächlich wahrgenommen oder in der Vorstellung; außerdem gegenüber allem, das ein ähnliches Gefühl hervorruft über Geruch, Berührung oder den Anblick). Als Erster beschrieb Darwin die universell übliche Mimik, die für Ekel charakteristisch ist. Er ging davon aus, dass die Ekelreaktion ein angeborener Instinkt ist und schon bei Säuglingen vorhanden, da diese auf unangenehme Geschmacksreize bereits mit dieser Mimik reagieren. Darwin sah den Ekel als evolutionäre Weiterentwickung des Brechreizes an; der typische Gesichtsausdruck sei ein Überbleibsel davon und diene der Kommunikation mit anderen, um sie vor Ungenießbarem zu warnen.[http://human-nature.com/darwin/emotion/chap11.htm Charles Darwin: The Expression of the Emotions in Man and Animals, Chapter 11, online]
Sigmund Freud
Sigmund_Freud deutet den Ekel als Abwehrmechanismus, als tendenziell neurotisches Symptom der Verdrängung archaischer Triebregungen und als Folge der Erziehung, vor allem der frühkindlichen ?Sauberkeitserziehung?. Dabei sieht er zugleich eine Ambivalenz von Ekel und Lust, da das Ekel erregende Objekt unverdrängt ein Lustgefühl verschaffen würde. Diese Emotion steht laut Freud demnach im Dienst von Ich und Über-Ich. Diese ursprüngliche Lust, zum Beispiel das positive Verhältnis zum eigenen Kot, werde bei Erwachsenen nur im Falle von Perversionen ausgelebt, wo Lustgefühle erneut den Ekel verdrängen.vgl. Annette Kluitmann: Es lockt bis zum Erbrechen. Zur psychischen Bedeutung des Ekels, in: Forum der Psychoanalyse, 1999, 15/3, S. 267-281 Als wesentlichen Auslöser für Ekelgefühle betrachtet Freud den Geruchssinn; seine Aussagen hierüber beschränken sich auf den Themenkreis der Sexualität und auf Körperausscheidungen.vgl. Winfried Menninghaus: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, 1999, S. 283 ff.
Aurel Kolnai
1929 schrieb Aurel Kolnai einen ausführlichen Aufsatz mit dem Titel Der Ekel, der im Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung erschien. Für ihn handelt es sich dabei um eine Abwehrreaktion, die sich vor allem gegen Organisches richtet, aber auch eine moralische Dimension hat. Kolnai bezeichnet Ekel als ambivalente Gefühlsregung, da die auslösenden Objekte nicht nur abstoßend wirkten, sondern zugleich die Aufmerksamkeit fesselten. ?Ekel, so Kolnai, ist mehr als gesteigertes Mißfallen, aber weniger und anders als Haß; Ekel (...) ist körpernäher als alle anderen Formen der Abwehr und Abkehr; Ekel ist deshalb auch etwas anderes als moralische Verachtung und geradezu ein Gegenbegriff zu Angst. (...) Im Ekel ist keine Bedrohung spürbar, nur eine unerträgliche Belästigung (...)?Konrad Paul Liessmann, ?Ekel! Ekel! Ekel! - Wehe mir!? Eine kleine Philosophie des Abscheus, in: Hans Magnus Enzensberger (Hg): Ekel und Allergie, 1997, S. 107.
Der Speiseekel spielt bei Kolnai eine untergeordnete Rolle, er spricht Geruchs-, Gesichts- und Tastsinn wesentlich größere Bedeutung zu als dem Geschmack. Kolnai verwendet den Begriff ?Überdrußekel? für die Reaktion auf übermäßiges Essen und Trinken, aber auch für Müßiggang. Als Urobjekt des Ekels sieht Kolnai alle Formen von Fäulnis und Verwesung an, und daher seien auch Exkremente ekelhaft. Ekelreaktionen auf Insekten erklärt er mit dem optischen Eindruck des Gewimmels und negativen Assoziationen wie Heimtücke und Boshaftigkeit. Außerdem sei auch wild wuchernde Vegetation ekelauslösend. Kolnai führt auch eine Reihe von als unmoralisch empfundenen Verhaltensweisen auf, die er mit Ekel in Verbindung bringt. Lothar Penning, S. 46 ff. Kolnais Ausführungen sind nicht wertneutral und wissenschaftlich objektiv. Penning weist darauf hin, dass er aus der Perspektive eines konservativen Katholiken um 1930 schreibt.
Paul Rozin
Seit den 1980er Jahren beschäftigt sich der amerikanische Psychologe Paul Rozin mit dem Phänomen des Ekels; seine Erklärungen basieren auf Theorien der Evolutionsbiologie und der Emotionspsychologie. Rozin geht davon aus, dass der nahrungsbezogene Ekel der evolutionäre Ursprung dieser Emotion ist und bezeichnet diesen daher als ?core disgust? (Basisekel). Er habe sich dann weiter entwickelt über Ekelgefühle gegenüber Tieren bis zum ?interpersonellen Ekel? und ?moralischen Ekel?. Die Tatsache, dass Übelkeit und Brechreiz wesentliche Begleiterscheinungen des Ekels sind, spricht laut Rozin dafür, dass es sich ursprünglich um eine rein orale Abwehrreaktion handelte, um den Körper vor ungeeigneter Nahrung zu schützen.Paul Rozin u.a.: Disgust, in: Handbook of Emotions, S. 637-653
Nach Studien von Rozin gibt es zwischen der Ekelempfindlichkeit zwischen Eltern und Kindern einer Familie eine relativ hohe Korrelation. Wie Freud geht er davon aus, dass die frühkindliche Sauberkeitserziehung (?toilet training?) eine der ersten Lernerfahrungen für die Ausbildung von Ekel ist.
Laut Rozin dient Ekel in der modernen Gesellschaft vor allem dazu, unsere genetische Verwandtschaft mit Tieren zu verdrängen; ?animalisches Verhalten? bei Menschen werde generell als ekelhaft bewertet, wobei die Definition dafür im Laufe der Zivilisation entwickelt worden sei. Diese Bewertung sei auf Verhalten ausgeweitet worden, das als unmoralisch eingestuft werde. Ekel erfülle daher auch eine soziale Funktion und diene der Abgrenzung zu anderen sozialen Gruppen und Kulturen. ?(...) disgust is in many respects the emotion of civilization?Rozin u.a.: Disgust, S. 649 (dt: Ekel ist in vielerlei Hinsicht die Emotion der Zivilisation). Die zentrale These Rozins lautet: ?A mechanism for avoiding harm to the body became a mechanism for avoiding harm to the soul. The elicitors of disgust may have expanded to the point that they have in common only the fact that decent people want nothing to do with them. At this level, disgust becomes a moral emotion and a powerful form of negative socialization.?Rozin u.a.: Disgust, S. 650 (dt.: Ein Mechanismus zur Vermeidung von Schäden für den Körper wurde zu einem Mechanismus zur Vermeidung von Schäden für die Seele. Die Ekelauslöser könnten sich so vervielfältigt haben bis zu dem Punkt, dass ihre einzige Gemeinsamkeit darin besteht, dass anständige Leute damit nichts zu tun haben wollen. Auf dieser Ebene wird Ekel zu einer moralischen Emotion und einer machtvollen Form von negativer Sozialisation.)
Aktuelle Forschung
Die wissenschaftliche Erforschung des Ekelphänomens ist nicht abgeschlossen. Im Gehirn ist Ekel im limbischen_System lokalisiert. Hier werden bei Ekelgefühlen und bei Angst der so genannte Mandelkern (Amygdala) und der orbitofrontale_Cortex aktiviert. Das sind Ergebnisse von Untersuchungen mit Hilfe der Magnetresonanztomographie. Die Amygdala entscheidet auf Grund früherer Erfahrungen, ob ein Reiz für den Organismus als schädlich einzustufen ist oder nicht. Die Reizbewertung kann durch neue Erfahrungen und neue Bewertung verändert werden.[http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2006/3693/pdf/Vaitl_GU_39_06.pdf Dieter Vaitl, Blick ins Gehirn: Wie Emotionen entstehen (pdf)] Werden die entsprechenden Gehirnregionen bei einer Operation gezielt gereizt, treten Brechreiz und Würgereflexe auf wie bei realem Ekel. Die Aktivierung der entsprechenden Regionen allein durch das Beobachten angeekelter Personen wurde ebenfalls in wissenschaftlichen Experimenten nachgewiesen.[http://www.dradio.de/dlf/sendungen/forschak/578736/ Volkart Wildermuth: Einfühlen durch Mitfühlen. Wie das Gehirn die Emotionen anderer verarbeitet]
Im Jahr 2004 veröffentlichten Wissenschaftler der London School of Hygiene and Tropical Medicine unter der Leitung von Val Curtis Ergebnisse einer Untersuchung über die universell häufigsten Ekelauslöser und zogen daraus den Schluss, dass Ekel keine Lernerfahrung sei, sondern genetisch bedingt. Die Gemeinsamkeit der meisten als ekelhaft empfundenen Substanzen oder Objekte sei, dass sie mit Krankheit und Infektionen in Zusammenhang ständen wie Kot, Eiter oder Leichen. Die biologische Funktion des Ekels bestehe also darin, vor Krankheiten und Tod zu schützen.
Curtis stellt die These auf, dass es nicht möglich sei, gegenüber beliebigen Objekten Ekel zu entwickeln, beispielsweise Bonbons oder Orangen. Und im Widerspruch zu den Aussagen von Kulturwissenschaftlern geht sie davon aus, dass Ausdrücke des Ekels wie ?igitt? zu den frühesten Wörtern der Menschen gehört haben.[http://www.bbc.co.uk/science/humanbody/mind/articles/emotions/disgust.shtml BBC: Ergebnisse von Val Curtis] Die Befragung wurde ausschließlich anhand von Fotos durchgeführt, die auf einer Website zu sehen waren und nach Ekelhaftigkeit beurteilt werden sollten.[http://dr-mueck.de/HM_Emotionskompetenz/HM_Ekel.htm Infos zur Curtis-Studie] Die Übereinstimmung der Antworten mit Mimik und körperlichen Reaktionen war daher nicht feststellbar.
Ebenfalls 2004 publizierte die Universität von Arkansas Studienergebnisse, aus denen hervorgehen soll, dass es zwei wesentliche Ursachen für Ekel gibt: zum einen die Angst vor Schmutz und Krankheiten, zum anderen die Angst vor Tod und Verletzung. Die Ekelgefühle schützen demnach einmal körperlich vor verdorbenem Essen und Infektionsgefahren, zum anderen psychisch vor der Erinnerung an die menschliche Sterblichkeit.[http://www.wissenschaft.de/sixcms/detail.php?id=243860 Zur Studie von Arkansas]
Durch Studien belegt ist ein Zusammenhang zwischen dem Ausbruch von Herpes und vorhergehendem Ekel. Forscher der Universität Trier konnten 2004 nachweisen, dass der Anblick potenziell ekelerregender Bilder bei ekelempfindlichen Menschen das Immunsystem schwächen und dadurch zum Ausbruch von Herpes führen. Außerdem wird bei starkem Ekel im Hypothalamus das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet, das ebenfalls die Immunabwehr schwächt.[http://www.wissenschaft.de/wissen/hintergrund/246512.html Artikel: Wie Ekel krank macht]
Die deutsche Psychologin Anne Schienle hat 2003 anhand eines Fragebogens die Ekelempfindlichkeit von 85 Studentinnen ermittelt und parallel dazu ihre Neigung zu Essstörungen. Nach ihren Erkenntnissen zeigen Frauen mit Anzeichen für eine Essstörung eine deutlich höhere Ekelempfindlichkeit als andere, vor allem bei der Bewertung von Körperausscheidungen und verdorbener Nahrung. Diese erhöhte Ekelneigung sei auch schon vor Ausbruch einer Essstörung vorhanden.[http://www.vorarlberg.biz/cms/files/userdocs/Lit_News_Maerz_04.doc Anne Schienle u.a.: Ekelempfindlichkeit als Vulnerabilitätsfaktor für essgestörtes Verhalten]
Ekel und Nahrungsauswahl
Während Geschmackspräferenzen und -aversionen bereits bei Neugeborenen vorhanden sind, so dass sie Süßes bevorzugen und Bitteres ablehnen, werden Ekelreaktionen im Laufe der Kindheit erlernt, sind also ein Produkt der Sozialisation und Erziehung. Als Beleg dafür, dass Ekel erlernt wird, gilt eine Metastudie zu 50 Fällen von Wolfskindern, die außerhalb einer menschlichen Gemeinschaft aufgewachsen waren. Zwar hatten alle Kinder Nahrungspräferenzen und -aversionen, aber keines zeigte Ekelreaktionen.
thumb|Hundefleisch-Gericht,_China mit zur Garnierung an den Tellerrand gesteckten Schwanz.
Vom Ekel vor potenzieller Nahrung abzugrenzen ist eine Aversion, die immer auf einer konkreten Erfahrung mit der betreffenden Speise beruht und sich meistens auf Geschmack oder Geruch bezieht. Die Grenzen sind jedoch fließend, denn heftige Aversionen können Ekelreaktionen wie Übelkeit und Brechreiz auslösen. Tritt nach dem Genuss einer Mahlzeit wenige Zeit später Übelkeit auf, entwickelt der Betroffene in der Regel Ekel gegenüber dieser Speise, selbst wenn die Übelkeit andere Ursachen hat. Dieser Effekt kommt durch klassische Konditionierung zustande. Die Speise wird mit der negativen Erfahrung von Übelkeit assoziiert, womit die Speise zum konditionierten Hinweisreiz für Übelkeit wird. Diesen Mechanismus hat der Psychologe Martin Seligman als ?Sauce Béarnaise-Syndrom? beschrieben. Er selbst musste sich kurze Zeit nach einem Abendessen, bei dem er ein Filet mit Sauce Béarnaise gegessen hatte, übergeben. Obwohl er wusste, dass die Ursache eine Magen-Darm-Grippe war, entwickelte er einen dauerhaften Ekel vor der Sauce, nicht aber vor dem Fleisch.[http://www.garfield.library.upenn.edu/classics1980/A1980JE94900001.pdf Martin Seligman: On the generality of the laws of learning] ?Der Geschmack einer Speise, die bereits ein halbes Leben lang ohne unangenehmes Nachspiel verzehrt wurde, ist offenbar ziemlich immun gegen die gelernte Aversion.? Evolutionsbiologisch ist dies sinnvoll, wenn man davon ausgeht, dass der Ekel dazu dient, Menschen von dem Verzehr toxischer Substanzen abzuhalten. Etwas, das sich in der Vergangenheit als ungefährlich erwiesen hat, muss nicht vermieden werden.
Laut Paul Rozin beruhen Ekelgefühle gegenüber Nahrung auch bei Erwachsenen oft auf einer Form von ?magischem Denken?, das auch in dem bekannten Zitat ?Du bist, was du isst? zum Ausdruck kommt. Damit wird der Glaube ausgedrückt, dass die Eigenschaften einer Speise beim Essen auf den Esser übergehen. Eine solche Wirkung kann erwünscht sein, worauf beispielsweise der Genuss von Lebensmitteln als Aphrodisiaka beruht, sie kann jedoch auch unerwünscht sein, wenn ein Nahrungsmittel als verunreinigt oder einfach ?schlecht? gilt.vgl. Paul Rozin u.a., Disgust, in: Handbook of Emotions, 2. ed., New York 2000, S. 640 f. Im Zusammenhang mit Nahrungsauswahl gelten laut Rozin das ?Gesetz der Ansteckung? und das ?Gesetz der Ähnlichkeit?. ?Ein ekelerregendes Objekt verunreinigt alles, was es berührt, egal wie kurz der Kontakt ist (...) Hinter der Weigerung, ein Getränk zu sich zu nehmen, das mit einer Fliegenklatsche gerührt oder in das eine keimfreie Schabe getunkt wurde, liegt die Intuition, daß unsichtbare verunreinigende Teilchen (...) hineingelangt sind. (...) andere, wie ein Hundehaufen aus Schokolade, gelten aus bloßer Ähnlichkeit als unrein.?Steven Pinker, Wie das Denken im Kopf entsteht, München 1999, S. 470
Kleinkinder lernen mit Hilfe von Vorbildern, was essbar ist und was nicht. Bis zum Alter von etwa zwei Jahren halten sie generell alles für essbar und ekeln sich vor nichts.Paul Rozin/April Fallon: The Acquisition of Likes and Dislikes for Foods, in: What is America Eating? 1986, S. 58 In der Folgezeit bevorzugen sie Speisen, die sie bereits kennen oder die bekannten Speisen ähnlich sind. Ekelreaktionen zeigen sie erst im Alter zwischen vier und acht Jahren. Vorher lehnen sie Essen nur auf Grund seines Geschmacks, negativer Erfahrungen (Übelkeit) oder bekannten Warnungen vor seiner Gefährlichkeit für die Gesundheit ab. Im Allgemeinen bevorzugen Menschen lebenslang bereits bekannte Speisen des eigenen Kulturkreises, also der eigenen Esskultur, und solche, die diesem Geschmacksmuster ähnlich sind.?Die Esskultur definiert für jedes Individuum ein Grobraster, innerhalb dessen Geschmacksvorlieben entwickelt werden können. Überschreitungen des Grobrasters werden im Erziehungsprozess sozial diskriminiert (?Das isst man nicht!?). Nach der Sozialisation innerhalb einer Esskultur ist das Grobraster über Lernerfahrungen so internalisiert, dass selbst auf unbeabsichtigte Überschreitungen (...) mit Ekel und Unwohlsein reagiert wird (jemand erfährt zum Beispiel, dass er gerade Hundefleisch gegessen hat).?Dietrich von Engelhard, Geschmackskulturen. Vom Dialog der Sinne beim Essen und Trinken, 2006, S. 62 Die Esskultur einer Gesellschaft oder einer sozialen Gruppe ist Bestandteil der Gesamtkultur und hat auch eine identitätsstiftende Funktion. Gerade beim Essen spielt Ethnozentrismus eine wichtige Rolle: Die eigene Esskultur gilt als ?richtig?, davon abweichende Esskulturen als ?falsch?.vgl. Paul Fieldhouse, Food and Nutrition: Customs and Culture, 1998, S. 31 f. Ekelgefühle dienen auch dazu, uns davon abzuhalten, kulturelle Grenzen zu überschreiten und zu verletzen, wodurch auch der Status der Gruppenzugehörigkeit in Frage gestellt würde. Nahrungstabus sind die stärkste Form kollektiv wirksamer Essregeln. Die meisten basieren jedoch nicht auf Ekelgefühlen, sondern der Ekel ist eine Folge der Tabuisierung.
In vielen nationalen oder regionalen Küchen werden Speisen als Spezialitäten geschätzt, die von Kulturfremden als ekelhaft eingestuft werden. Einige Beispiele sind schwedischer Surströmming, Hákarl (verrotteter Hai), Tausendjährige Eier, der Verzehr von Insekten (Entomophagie), schottisches Haggis, englischer Black Pudding (Gericht aus Fleischresten, Blut und Fett), der überreife sizialinische Käse Casu Marzu mit Maden, aber auch Pfälzer Saumagen oder Hamburger Labskaus.[http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~E2B63859E82E944A1B33712ACB92F120C~ATpl~Ecommon~Scontent.html Sabine Löhr: Guten Appetit! (FAZ-Bericht)] ?Süddeutsche ?Delikatessen? wie Kutteln, Bries, Hirn, Ochsenmaulsalat sind für Norddeutsche ungenießbar.?
thumb|Labskaus_mit_Spiegelei,_Gurke_und_Rollmops
Nicht alle ?Ekelgerichte? werden von der gesamten Bevölkerung des jeweiligen Landes oder der Region geschätzt, einige werden vor allem von Männern als ?Delikatesse? gegessen. Da der Geruch nach Fäulnis oder Verwesung universell als ekelerregend gilt, ist davon auszugehen, dass der Verzehr ?verrotteter? Lebensmittel immer eine Überwindung erfordert. Wissenschaftler haben die Theorie aufgestellt, dass der Verzehr ganz spezieller Gerichte ebenso wie die Beachtung von Essverboten eine identitätsverstärkende Funktion hat, die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe bekräftigt und zugleich der Abgrenzung zu anderen Gruppen dient. Isländer betonen mit einigen Speisen zum Beispiel ihre Abstammung von den Wikingern.[http://news.nationalgeographic.com/news/2004/04/0419_040419_TVfoodtaboo.html Food Taboos: It's all a Matter of Taste]
Weltweit bezieht sich kollektiver Ekel einer sozialen Gruppe überwiegend auf tierische Produkte, vor allem auf Fleisch, nur selten auf pflanzliche. Diese Aussage gilt auch für Nahrungstabus. Eine Erklärung dafür gibt die Autorin Deborah Lupton: ?(...) meat inspires strong feelings of revulsion and disgust because of its origin in living animals (...) Because it is the product of the death of animals, meat is also more strongly linked than any other food to rottenness and pollution.?Deborah Lupton, Food, the Body and the Self, 1996, S. 117 (dt.: Fleisch löst starke Gefühle von Widerwille und Ekel aus, weil es seinen Ursprung in lebenden Tieren hat (...) Weil es das Produkt des Todes von Tieren ist, wird Fleisch auch stärker als andere Nahrung mit Verrottung und Verunreinigung in Verbindung gebracht.)
Vegetarier geben unterschiedliche Motive für ihren Verzicht auf Fleisch an. Einer deutschen Studie zufolge empfinden sowohl ?moralische Vegetarier? als auch ?emotionale Vegetarier? Fleisch als ekelhaft, während Personen mit rein gesundheitlichen Motiven keine entsprechenden Aussagen machten.[http://www.psychologie-heute.de/news/dietexte/gesundht/060627s1.php Psychologie heute: Vegetarier haben unterschiedliche Motive (2006)]
Paul Rozin hält ?magisches Denken?, wie es in dem Satz ?du bist was du isst? zum Ausdruck komme, für eine wesentliche Ursache von Nahrungsablehnungen. Er führte 1987 eine Studie mit Collegestudenten durch, in der sie Personen Eigenschaften zuordnen sollten anhand der Angabe, wie sich diese ernährten. Das Ergebnis zeigte, dass die Mehrheit der Teilnehmer den Personen Eigenschaften der angeblich gegessenen Tiere zuordnete. In diesem Sinne argumentieren auch einige Vegetarier, die Fleischesser pauschal für aggressiver halten als Pflanzenesser.Paul Rozin/Allan Brandt, Morality and Health: Interdisciplinary Perspectives, 1997, S. 388 Laut Rozin fördert die Moralisierung von Essgewohnheiten ebenfalls Ekelgefühle, wie die unterschiedliche Einstellung von moralischen und gesundheitsbewussten Vegetariern belege. Ähnliches lasse sich im Zusammenhang mit der moralischen Ablehnung des Rauchens und Ekelreaktionen auf Raucher, Zigarettenasche etc. feststellen.Rozin/Brandt, S. 385
Interpersoneller Ekel
Ekelgefühle können sich auch gegen andere Personen richten, wobei es sich häufig um Reaktionen auf Körpergerüche handelt, aber auch auf unerwünschte körperliche Nähe, speziell von Unbekannten. Darüber hinaus gibt es jedoch auch Ekel und Abwehrreaktionen in Bezug auf Gegenstände, die von anderen benutzt wurden. So lehnen es viele ab, von einem Teller zu essen, den zuvor jemand anders benutzt hat, Kleidung aus Secondhandläden zu tragen oder sich auf einen noch warmen Stuhl zu setzen, auf dem vorher ein anderer gesessen hat.
Rozin hat in einer Studie nachgewiesen, dass die Ablehnung fremder Kleidungsstücke etwas mit ?magischem Denken? zu tun hat, nämlich mit der unbewussten Vorstellung, dass sie Eigenschaften des früheren Trägers besitzen. Amerikanische Studenten waren eher bereit, den gereinigten Pullover eines gesunden Fremden zu tragen als den eines kranken oder beimamputierten Mannes oder den eines Mörders. Heftig abgelehnt wurde auch die Vorstellung, ein Kleidungsstück Adolf Hitlers zu tragen. Die Folgerung ist, dass Ekel in modernen Gesellschaften nicht nur die Funktion hat, den Körper vor ?Kontamination? zu schützen, sondern auch die Psyche. [http://faculty.virginia.edu/haidtlab/articles/misra.html Jonathan Haidt: Body, Psyche, and Culture: The Relationship between Disgust and Morality]
In einigen Kulturen spielt der interpersonelle Ekel eine wichtigere Rolle als der ?Basisekel?, zum Beispiel im Hinduismus, der von den Gläubigen die strikte Meidung jedes körperlichen Kontakts mit Angehörigen niedrigerer Kasten fordert. Die Berührung einer Speise durch eine ?unreine? Person lässt die gesamte Speise unrein werden.
Ekelgefühle werden in Gesellschaften auch instrumentalisiert, um sich von anderen sozialen Gruppen oder Kulturen abzugrenzen, negative Stereotype zu untermauern oder Aversionen hervorzurufen. Ein Mittel ist, bestimmten Personengruppen oder Angehörigen anderer Nationen schlechte Eigengerüche zuzuschreiben. ?Es kann davon ausgegangen werden, daß ein faktisch existenter oder lediglich zugeschriebener übler Geruch (...) zur Rechtfertigung von Abwertungs-, Ausstoßungs- und Stigmatisierungsprozessen dient (...)?Jürgen Raab, Die soziale Konstruktion olfaktorischer Wahrnehmung. Die Soziologie des Geruchs, S. 116. Im Deutsch-Französischen_Krieg gehörte die Behauptung, dass die Deutschen stinken, zur Propaganda der französischen Seite. ?Die Chronisten berichten (...), daß sich 1870 nach der Kapitulation von Metz alle Bewohner die Nase zugehalten hätten, als die deutschen Regimenter einmarschierten: Weder der 'saure Geruch' der Engländer, noch der 'ranzige' der Neger oder die 'penetrante und süßliche' Ausdünstung der Asiaten käme nämlich an Widerwärtigkeit dem Gestank eines preußischen Grenadiers gleich.?[http://www.joachimriedl.at/2004/02/uber_dreck.php Joachim Riedl: Über Dreck]
Kulturgeschichte
Ekel ist keine kulturhistorische Konstante, auch nicht innerhalb eines Kulturraums. Der Soziologe Norbert Elias hat in seinem Werk Über den Prozeß der Zivilisation nachgewiesen, dass sich die heutigen europäischen Vorstellungen von ?anständigem Verhalten? seit dem Mittelalter im Laufe von Jahrhunderten entwickelt haben und dass ihre Ausprägung zu einem gesellschaftlichen Prozess gehört, in dessen Verlauf die Kontrolle körperlicher Bedürfnisse immer wichtiger wurde. Dieser Prozess ging vom Adel aus und wurde allmählich zum gesamtgesellschaftlichen Standard. Elias belegt anhand von Quellen, vor allem Tischzuchten, dass Scham- und Peinlichkeitsgefühle im Laufe der Jahrhunderte deutlich zunehmen, was einer Zunahme der Ekelempfindlichkeit entspricht.
Taschentücher benutzte auch der Adel erst in der Neuzeit, vorher war es allgemein üblich, sich mit den Händen zu schneuzen und diese danach an der Kleidung abzuwischen. Oft wurde auch das Tischtuch benutzt, das nur beim Adel vorhanden war, aber das galt im 15. Jahrhundert bereits als unfein. Beim Essen sollte man sich mit der linken Hand schneuzen, weil man mit der rechten Hand aß (die Gabel wurde erst im 16. Jahrhundert allmählich eingeführt).Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 1, 3. Aufl. 1977, S. 194 ff.
In einer mittelalterlichen Tischzucht heißt es ?Spucke nicht über oder auf den Tisch? und ?Spucke nicht in das Becken, wenn du dir die Hände wäschst?. Das Spucken an sich wird nicht beanstandet, auch nicht in Gegenwart von anderen oder beim Essen. Es galt als anständig, unter den Tisch oder hinter sich zu spucken. Man hielt das regelmäßige Ausspucken des Speichels für geradezu notwendig. Im 17. Jahrhundert war es dann ungehörig, vor höherstehenden Personen auf die Erde zu spucken, im 18. Jahrhundert wurde die Benutzung eines Taschentuchs und eine gewisse Diskretion gefordert. Im Haus wurden bei den Oberschichten Spucknäpfe üblich. Im 19. Jahrhundert heißt es dann in einer englischen Benimmschrift: ?Spitting is at all times a disgusting habit? (Spucken ist zu jeder Zeit eine ekelhafte Gewohnheit).Norbert Elias, S. 208 ff.
Laut Elias haben Hygienevorstellungen mit der zunehmenden Tabuisierung des Ausspuckens nichts zu tun, da dies kaum als Begründung angeführt wird. ?So verstärken sich auch die Peinlichkeits- und Ekelgefühle um die Absonderung des Sputums (...) lange bevor man irgendeine klare Vorstellung von der Übertragung bestimmter Krankheitskeime durch das Sputum hat. (...) Die Motivierung aus gesellschaftlicher Rücksicht ist lange vor der Motivierung durch naturwissenschaftliche Einsichten da.?Norbert Elias, S. 216 Die Empfindlichkeit gegenüber Körperausscheidungen anderer hatte im Laufe der Jahrhunderte offenkundig zugenommen. In vielen asiatischen Ländern ist Spucken in der Öffentlichkeit dagegen bis heute üblich und erregt keinen Ekel.
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Auch andere Körperausscheidungen galten lange Zeit nicht als ekelhaft. Es war bei allen Ständen durchaus üblich, die Notdurft in der Öffentlichkeit zu verrichten, wie durch Quellen belegt ist. In einer Schrift des Erasmus von Rotterdam heißt es ?Incivile est eum salutare, qui reddit urinam aut alvum exonerat (...)? (es ist unhöflich jemanden zu grüßen, der gerade uriniert oder sich erleichtert). Zu dieser Zeit im 16. Jahrhundert aufkommende Regeln, Flatulenzen zu unterdrücken, bezeichnet er als unangemessen, da das nicht gesund sei.Norbert Elias, S. 175 Anfang des 17. Jahrhunderts wird erwartet, dass die Defäkation ohne Zeugen im Verborgenen stattfindet. Das trifft jedoch noch nicht auf Kaiser und Könige zu, die regelmäßig auf dem so genannten Leibstuhl sitzend als besondere Gunstbezeigung Audienzen gewährten.
1729 erklärt dann ein französischer Autor: ?Il est très incivil de laisser sortir des vents de son Corps, soit par haut, soit par bas, quand mesme ce seroit sans faire aucun bruit, lorsqu'on est en compagnie (...)?Norbert Elias, S. 179. (Es ist sehr unzivilisiert, in Gegenwart von anderen Luft aus seinem Körper entweichen zu lassen, sei es nach oben oder nach unten, auch wenn es lautlos geschieht). Elias konstatiert eine zunehmende Empfindlichkeit im Umgang mit allen Triebäußerungen, wobei die neu eingeführten Benimmregeln zunächst vor allem die Funktion sozialer Differenzierung gehabt hätten, die Unterscheidung der gesellschaftlich Höherstehenden vom ?Volk?.Norbert Elias, S. 188 ff.
Generell war die Geruchstoleranz in früheren Zeiten in Europa deutlich größer als heute, Gerüchen wurde lange Zeit keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Alain Corbin beschreibt die Situation in Paris zur Zeit Rousseaus: ? (...) der Kot sammelt sich überall, in den Alleen, am Fuß der Schlagbäume, in den Droschken. Die Kloakenentleerer verpesten die Straßen; um sich den Weg zum Schindanger zu sparen, kippen sie die Tonnen einfach in den Rinnstein. (...) Auch die Walkmühlen und Weißgerbereien tragen ihren Teil dazu bei, den Harngestank zu mehren. Die Fassaden der Pariser Häuser sind vom Urin zersetzt.?Alain Corbin, Pesthauch und Blütenduft, Eine Geschichte des Geruchs, Berlin 1984, S. 41
Geruch und Gestank wurden erst im 18. Jahrhundert öffentlich thematisiert. ?Von der Mitte des 18. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts verstärkte sich ein Prozeß, (...) den der französische Historiker Alain Corbin als ?olfaktorische Revolution?, als grundlegenden Wandel in der Wahrnehmung, Bewertung und Interpretation der Gerüche bezeichnet. Kennzeichnend (...) ist die wachsende kollektive Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen aller Art. Obwohl sich die Intensität und Penetranz der Gerüche gegenüber früheren Epochen nicht geändert hatte, sank die Toleranzschwelle fast schlagartig, und alles, was (...) bislang als normal galt - die Gerüche der Körper, der Wohnräume und der Stadt, (...) der Geruch von Fäkalien und Jauche, stinkende Abfallberge usw. - wurde nunmehr als unerträglich empfunden.?[http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=956885314&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=956885314.pdf Jürgen Raab: Die soziale Konstruktion olfaktorischer Wahrnehmung. Eine Soziologie des Geruchs (Diss.), S. 84]
, 16. Jh.]]
Hintergrund der neuen Geruchsempfindlichkeit und den damit verbundenen Ekelreaktionen war die zu dieser Zeit aufkommende wissenschaftliche Miasma-Theorie und die Annahme, dass starke Gerüche Träger von Krankheitserregern seien, also der Geruch allein Krankheiten verusachen könne. Das führte dazu, die Vorstellungen von Sauberkeit und Hygiene grundlegend zu verändern und die ?Reinigung? der Luft anzustreben. Parallel entstand eine Abneigung gegen die Wahrnehmung von Körpergerüchen, sowohl der eigenen als auch der von anderen.Jürgen Raab, S. 87 ff. Da es den Oberschichten in der Folgezeit im Unterschied zum ?gemeinen Volk? gelang, den Eigengeruch weitgehend zu beseitigen, wurde Körpergeruch zu einem sozialen Unterscheidungsmerkmal.Jürgen Raab, S. 96
Die Schlachtung von Nutztieren und deren Weiterverarbeitung zu Fleisch- und Wurstwaren fand jahrhundertelang im Grunde öffentlich statt, sowohl auf dem Land als auch in den Städten. An dem Anblick nahm kaum jemand Anstoß. Erst im 19. Jahrhundert wurden Schlachthöfe in die Randbereiche der Städte verlegt, was nach Ansicht von Soziologen mit einer gestiegenen Ekelempfindlichkeit zusammenhing. Etwa zur gleichen Zeit wird es auch unüblich, zubereitete Tiere im Ganzen zu servieren und erst auf der Tafel zu tranchieren.Stephen Mennell, Die Kultivierung des Appetits, Frankfurt/Main 1988, S. 390 In einem französischen Kochbuch aus dem Jahr 1894 heißt es: ?Dadurch, daß eine geschickte Dekoration oder raffinierte Kochmethode das grausame Aussehen von Fleischstücken verbergen, trägt die Kochkunst sicher zu einer Verfeinerung der Sitten bei. Man vergleiche, was ich die ?Nationen der blutigen Gerichte? (...) genannt habe, mit den ?Nationen der Saucen? (...) und sehe dann, ob nicht die letztere auch die zivilisiertere ist.?zit. nach Stephen Mennell a.a.O., S. 391
Ekel in der Literatur
Motive des Ekelhaften finden sich schon in der vormodernen Literatur, allerdings in Form des Grotesken. Ein Beispiel ist Gargantua und Pantagruel von François Rabelais, wo Urin, Fäkalien und Körpersekrete eine Rolle spielen. Der Schriftsteller will damit jedoch keinen Ekel provozieren, sondern strebt den ?Effekt eines befreienden Lachens?[http://parapluie.de/archiv/epoche/ekel/ Burkhard Meyer-Sickendiek: Ekelkunst in Österreich] an. Die literarische Behandlung dieser Motive verändert sich ausgehend von Voltaire, der in Candide das Hässliche und Abstoßende bewusst als Gegenbild zur Idee der Theodizee darstellt, in der auch das Böse stets einen Sinn hat.Alice Bolterauer: Im Blumengarten des Bösen. Die Geschichte des Widerlichen in der Literatur, in: Schreibkraft. Das Feuilletonmagazin, Ausgabe 04 Ein Zitat: ?Als er am folgenden Tag spazierenging, begegnete er einem über und über mit Eiterbeulen bedeckten Bettler mit erloschenen Augen, zerfressener Nase, schiefstehendem Munde und schwarzen Zahnstümpfen, der jedes Wort heiser hervorgurgeln musste; fürchterliche Hustenanfälle quälten ihn, wobei er jedesmal einen Zahn ausspie.?
thumb|Frontispiz_der_Sammlung_Les_Épaves_von_Charles_Baudelaire
Der Bruch mit der Tradition der ?schönen Künste? findet sich auch bei Heinrich von Kleist. ?Penthesilea (1808) ist das erste große Sprachkunstwerk des literarischen Extremismus. Das Drama will nicht mehr Furcht und Mitleid erregen, sondern provoziert Katharsis durch Ekel. (...) Spätere Autoren des 19. Jahrhunderts, man denke vor allem an die Romantiker, hüteten sich vor dem Extrem (...)?[http://www.volltext.at/publish/artikel_12586.shtml Uwe Schütte: Ästhetik des zerspritzten Gehirns]. In Frankreich gehörten Georges Bataille, Charles Baudelaire, der Comte de Lautréamont, Paul Verlaine und Arthur Rimbaud zu den modernen Schriftstellern, die in ihren Werken Tabuisiertes teilweise drastisch darstellten. Abstoßendes wird von ihnen um seiner selbst willen behandelt, um das Leben auch in seiner ?Brutalität und Animalität? zu beschreiben. Baudelaires Les Fleurs du Mal lösten einen Skandal aus und führten zu einem Strafprozess.
Gezielt auf Ekeleffekte setzen auch Vertreter des Expressionismus wie Gottfried Benn und Hans Henny Jahnn. ?In ästhetischer Hinsicht ist der Extremist spezialisiert auf die Zerstörung literarischer Normen und sprachlicher Regeln. Seiner exzentrischen Sprache gepaart ist die Präferenz für Tabuisiertes oder Populäres (...)?. Jahnns Drama Pastor Ephraim Magnus (1919) ?ist ein absonderliches Repositorium an Gräuel und Schauerlichkeiten, die ihresgleichen suchen angesichts der extremen Häufung von Themen wie Nekrophilie, Kannibalismus, Kastration, Blasphemie, Inzest und Verwesung. (...) So explizit wie nirgends sonst nach Penthesilea basiert Jahnns Dramatik auf dem anti-ästhetischen Effekt des Ekels.?
Der Schriftsteller Franz Kafka hat sich in privaten Briefen und Aufzeichnungen über persönliche Ekelgefühle geäußert. Als Motiv spielt diese Emotion in seiner Erzählung Die Verwandlung eine Rolle, in der sich der Protagonist über Nacht in ein Insekt (?Ungeziefer?) verwandelt, worauf die Familie mit Entsetzen und zunehmendem Ekel reagiert.
In der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts wird Ekel häufig thematisiert, vor allem auch bei österreichischen Autoren. ?Die Inszenierung des Häßlichen und Abstoßenden, welche seit der Lyrik Charles Baudelaires zu einem zentralen Thema der literarischen Moderne (...) geworden ist, ist in der österreichischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts auf geradezu beispiellose Art und Weise vertreten.? Typische Vertreter sind Thomas Bernhard, Josef_Winkler, Werner Schwab und Elfriede Jelinek. In ihren Werken kommt es zu zahlreichen Tabubrüchen, dargestellt mit den Mitteln einer ?gewaltsamen Rhetorik? (excitable speech), die auch den Körper der Leser angreifen will.
Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre hat einen Roman mit dem Titel Der Ekel (La nausée) geschrieben, der als literarisches Hauptwerk des Existentialismus gilt. Der Ekel des Protagonisten richtet sich im Kern gegen die angenommene Sinnlosigkeit und Ungewissheit jeglicher Existenz. Bezeichnungen für diesen gewissermaßen rein geistigen Ekel sind Daseinsekel oder Weltekel.
Inszenierter Ekel
Moderne Kunst
Die bewusste Provokation von Ekelgefühlen ist ein Mittel verschiedener Richtungen der modernen Kunst und wird vor allem bei Performances eingesetzt. Ausgelöst wird der Ekel häufig durch die Verwendung von Körperflüssigkeiten und -produkten, die zu ?Kunstmaterial? erklärt werden. Dabei werden gesellschaftliche Tabus verletzt. Bekannt hierfür war der so genannte Wiener Aktionismus. Auch Body Art als Form der Aktionskunst und Eat Art setzen teilweise Ekeleffekte gezielt ein. Nach eigenem Bekunden wollen die Künstler damit eine Protesthaltung gegenüber gesellschaftlichen Zwängen und Werten ausdrücken.
Die Wiener Aktionisten erklärten unter anderem, sie strebten eine besondere Intensität des Ausdrucks und die Überwältigung der Zuschauer an, die nur durch direkten Körpereinsatz zu erzielen sei. Der bekannteste Auftritt der Gruppe in einem Hörsaal der Wiener Universität im Jahr 1968 bestand darin, öffentlich zu urinieren, zu defäzieren und zu erbrechen und zwischendurch die österreichische Nationalhymne zu singen. Es sei darum gegangen zu zeigen, ?dass sich das Volk bei einem Haufen Scheiße mehr aufregt, als bei allen Berichten über den damals ausgefochtenen Vietnamkrieg.?[http://yvonnemarcuse.de/HolzBlut.pdf Ole Wittmann: Blut als künstlerisches Material] Den größten Bekanntheitsgrad der Wiener Aktionisten erlangte in der Folgezeit Hermann Nitsch, der bei seinen Performances vor allem viel Tierblut fließen ließ. Er ließ Tiere öffentlich schlachten und beschmierte dann mit Blut und Innereien Leinwände und Personen. Außerdem schuf er ?Schüttelbilder?, indem er Blut über Leinwand laufen ließ. Anfang der 1970er Jahre wandte sich Nitsch vor allem dem Theater zu und führt seitdem regelmäßig so genannte ?Orgien-Mysterien-Spiele? auf. Er hat zu seiner Kunst eine umfangreiche theoretische Abhandlung verfasst und beruft sich auf Theorien Sigmund Freuds. Das Ziel seiner Aufführungen sei die Auflösung von Neurosen und eine Katharsis.[http://www.kunstwissen.de/fach/f-kuns/o_mod/nitsch0.htm Hermann Nitsch und Wiener Aktionismus]
Vom Wiener Aktionismus beeinflusst sind die Performances von Paul McCarthy, die gezielt auf Ekeleffekte setzen. 1975 entstand beispielsweise sein Video Sailor's Meat, in dem McCarthy mit blonder Frauenperücke und Damenslip agierte und sich 28 Minuten lang mit Hilfe von Ketchup, Mayonnäse und rohem Fleisch beschmierte, das er zuerst kaute und dann wieder ausspuckte. Außerdem hantierte er mit einem Dildo, den er in die Mayonnäse tauchte. Selbstbeschmutzung ist ein Stilmittel der Body Art. ?Wenn McCarthy eigene Ausscheidungen mit typisch amerikanischen Produkten wie Ketchup, Mayonnaise, Körpercreme oder Hot Dogs zu einer abscheulichen Soße vermischt, attackiert er damit die Reinlichkeitsvorstellungen der Gesellschaft.? [http://www.kunsttexte.de/download/kume/ruebel.PDF Dietmar Rübel: ?American Food - Nahrungsmittel, Schmutz und Ekel bei Paul McCarthy?]
Häufig werden in der ?Ekelkunst? Exkremente eingesetzt. Besonders bekannt ist die Merda d'artista (Künstlerscheiße) von Piero Manzoni. Im Mai 1961 füllte er 90 Blechdosen angeblich mit seinem eigenen Kot, nummerierte und signierte sie und bot sie für den Gegenwert von 30 Gramm Gold an. Die Dosen haben heute einen hohen Sammlerwert, wobei unklar ist, woraus der Inhalt tatsächlich besteht. Der Ekel basiert allein auf der Vorstellung. Wim Delvoye konstruierte ein mechanisches Objekt namens Cloaca, das täuschend echt mit Hilfe von Bio-Reaktoren den Verdauungsvorgang simuliert und nach Fütterung mit Lebensmitteln künstlichen Kot ausscheidet, der chemisch echten Fäkalien entspricht und auch so riecht. Auch diese Ausscheidungen werden mittlerweile von Sammlern gekauft.[http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2006/0421/feuilleton/0009/index.html Interview der Berliner Zeitung mit Wim Delvoye]
Auch tote Tiere werden in der modernen Kunst eingesetzt, um zu provozieren und Ekelgefühle auszulösen. Damien Hirst legt Tierkadaver in Formaldehyd ein und stellt sie aus. Das bekannteste Objekt ist ein eingelegter Tigerhai aus den 1990er Jahren, der mittlerweile anfängt zu verwesen, da er sich nicht dauerhaft konservieren lässt.[http://www.faz.net/s/RubEBED639C476B407798B1CE808F1F6632/Doc~ECDAD35A7EA8D419F8754E3D10A0EDEEA~ATpl~Ecommon~Scontent.html FAZ Artikel über Hirsts Hai] Der österreichische Aktionskünstler Wolfgang Flatz sorgte 2001 mit einer Aktion namens ?Fleisch? für einiges Aufsehen in den Medien, als er in Berlin ein totes Rind von einem Hubschrauber abwerfen ließ. Nach dem Aufprall explodierten mehrere Feuerwerkskörper. Flatz hing während der Aktion in Christuspose an einem Baukran. Nach seiner Aussage wollte er auf das gestörte Verhältnis der Gesellschaft zum Thema Fleisch hinweisen. Der Einfluss des Wiener Aktionismus ist deutlich erkennbar.[http://www.basis-wien.at/avdt/htm/004/00051716.htm Artikel im Standard (2001)]
Verfall, Fäulnis und Verwesung sind ebenfalls Themen der modernen Kunst. Dieter Roth ließ Objekte aus Lebensmitteln gezielt verschimmeln, ebenso die Britin Sam Taylor-Wood in einem Video im Zeitraffer. Fotokünstler, die bewusst Ekeleffekte einsetzen, sind zum Beispiel Joel-Peter Witkin und Cindy Sherman.
Theodor W. Adorno hat in seiner Abhandlung zur Theorie der Ästhetik eine allgemeine Vorliebe der modernen Kunst für Ekelhaftes und physisch Widerliches festgestellt. Er sieht darin ein Anzeichen für die Tendenz, die Gesellschaft zu ?verklagen? und ?die Welt zu denunzieren?, durch das demonstrative Darstellen von Verleugnetem und Verdrängtem.
Modernes Theater
Hermann Nitsch hat seine Aktionskunst mittlerweile überwiegend ins Theater verlagert. Er führt in seinem eigenen Schloss in Österreich regelmäßig die so genannten Orgien-Mysterien-Spiele auf, bei denen u.a. geschlachtete Tiere ausgeweidet werden, untermalt von Orchesterklängen. Nitsch integriert religiös anmutende Opferrituale und Elemente der christlichen Liturgie.[http://www.stern.de/unterhaltung/ausstellungen/:Hermann--Nitsch-Retrospektive-Schlachten,/577537.html stern-Artikel über Hermann Nitsch] 2005 durfte er dieses Schauspiel erstmals im renommierten Wiener Burgtheater aufführen.
Das moderne deutsche Regietheater setzt mittlerweile ebenfalls häufig Blut und andere Körperflüssigkeiten ein, was bei Theaterkritikern zur Bildung des Schlagworts Ekeltheater und in der jüngsten Vergangenheit zu einer kontroversen Diskussion über das deutsche Theater geführt hat, an der sich alle überregionalen Printmedien beteiligt haben. ?Momentan wird darüber diskutiert, ob auf Deutschlands Bühnen Schauspieler zu oft kotzen, pissen und onanieren müssen oder noch weitaus schrecklichere Dinge treiben. 'Ekeltheater' sei das.?Hamburger Abendblatt: Sex und Gewalt - geht das deutsche Theater zu weit? Der Regisseur Christoph Schlingensief gilt als einer der ?Vorreiter? dieser Richtung. 2006 beschmierten sich die Schauspieler der Macbeth-Inszenierung von Jürgen Gosch in Düsseldorf mit Exkrementen und Kunstblut, auf den großen Bühnen in Berlin und Hamburg gab es ebenfalls Aufführungen, in denen Blut und Urin eine wichtige Rolle spielten.[http://www.ard.de/kultur/kunst-ausstellung/ekeltheater/-/id=8394/nid=8394/did=406216/u0uvgn/index.html ARD-Beitrag: Blutige Bretter]
Auffallend ist, dass es Inszenierungen in diesem Stil bislang nur im deutschen Sprachraum gibt. Der Regisseur Nicolas Stemann erklärt das mit dem Selbstverständnis des deutschen Theaters, das sich als politisch verstehe: ?Bei uns geht es seit Brecht darum, die Gesellschaft für politische Diskurse zu gewinnen und dafür das Theater zu benutzen. Oder schon seit Schiller.? Stephan Kimmig verweist darauf, dass in jedem Tatort mehr Blut und Gewalt zu sehen seien als auf den Theaterbühnen.
Kino
Im Jahr 1965 kam Roman Polanskis Film Repulsion (Zurückweisung/Abwehr) in Deutschland unter dem Titel Ekel in die Kinos, aber der englische Titel charakterisiert den Inhalt besser. Die Hauptfigur Carol kann Nähe und Berührungen durch Männer nicht ertragen, ihre Abwehr hat phobische und neurotische Züge und steigert sich bis zum Hass; ihre Ekelgefühle sind Teil ihrer psychischen Störung. Ekel beim Zuschauer erregen ein abgehackter Kaninchenkopf, den Carol in ihre Handtasche steckt, und ein dann in der Wohnung langsam verwesender Kaninchenbraten.[http://www.informatik.uni-freiburg.de/~aka/ss98/POLANSKI.html Über Roman Polanski und seine Filme]
Horrorfilme setzen häufig auf Ekeleffekte, außerhalb dieses Genres kommen sie seltener vor. In den 1960er Jahren entstand als besondere Kategorie der so genannte Splatter, der durch besonders exzessive Gewaltdarstellung charakterisiert und in vielen Ländern verboten ist. Auch in Kinofilmen tritt Ekel meistens dann auf, wenn Tabus verletzt werden, wobei dies nicht immer explizit gezeigt werden muss. Kannibalismus ist sehr stark tabuisiert, und Filme mit Szenen, in denen Menschenfleisch gegessen wird, galten lange Zeit per se als skandalös. Beispiele sind Der Schweinestall von Pier Paolo Pasolini (1968) und Weekend von Jean-Luc Godard (1967). In Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber von Peter Greenaway (1989) ist Kannibalismus nur einer von zahlreichen Tabubrüchen; hier wird ein Mann schließlich als Braten mit Gemüse und Kräutern zubereitet.[http://www.montage-av.de/pdf/102_2001/10_2_Christine_N_Brinckmann-Unsaegliche_Genuesse.pdf Christine Brinckmann: Unsägliche Genüsse (pdf)]
In der schwarzen Komödie Der Rosenkrieg rächt sich eine Ehefrau an ihrem Mann, der absichtlich ihre Katze überfahren hat, indem sie ihn eine Pastete essen lässt, über die sie ihm nach der Mahlzeit zu verstehen gibt, dass sie darin seinen Hund verarbeitet habe. Zu sehen ist die Zubereitung nicht. Mehrfach mit ?Ekelthemen? befasst hat sich der Regisseur Fruit Chan aus Hongkong, der 2002 einen Film mit dem Titel Public Toilet drehte und 2004 Dumplings. Dumplings sind chinesische Teigtaschen. In Chans Film verspricht eine Chinesin, mit Hilfe ihrer ganz besonderen Dumplings Frauen zu ewiger Schönheit und Jugend zu verhelfen. Im Laufe des Films wird klar, dass die Füllung im Wesentlichen aus abgetriebenen Embryonen besteht.[http://www.taz.de/pt/2005/08/04/a0175.1/text taz-Artikel über den Film Dumplings] In China durfte der Film nicht gezeigt werden. Chan deutete in einem Interview an, dass das Thema des Film einen realen Hintergrund hat.[http://www.taz.de/pt/2005/02/18/a0249.1/text taz-Interview mit Fruit Chan]
Fernsehen
Ekel wird auch in Fernsehsendungen mitunter bewusst eingesetzt, vor allem in so genannten Reality-Shows. In Deutschland sorgte im Jahr 2004 die RTL-Sendung Ich bin ein Star - Holt mich hier raus für heftige öffentliche Diskussionen. Die Medien sprachen von Ekelfernsehen; die Wortschöpfung kam damals bei der Wahl zum Wort des Jahres auf Platz 5. In dieser Reality-Show lebten mehr oder weniger prominente Teilnehmer für einige Zeit in einem Camp im australischen Dschungel, wo sie täglich rund um die Uhr gefilmt wurden. Für hohe Einschaltquoten und heftige Kritik sorgten die regelmäßigen ?Mutproben?. So musste beispielsweise Daniel Küblböck minutenlang ein ?Bad? in einigen tausend Kakerlaken nehmen. Die Sendung erreichte mehrere Millionen Zuschauer und einen Marktanteil von über 30 Prozent.[http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/858/24834/ Artikel der Süddeutschen Zeitung] Michael Konken, Vorsitzender des Deutschen_Journalisten-Verbandes, sprach von einem ?Tiefpunkt der Fernsehunterhaltung? und ?voyeuristischer Perversion?, bei der die Ekelgrenze überschritten werde.[http://www.stern.de/unterhaltung/film/518954.html?eid=518906 Stern-Artikel: Schamlose Kommerzialisierung des Werteverfalls]
Trotz der Kritik am Dschungel-Camp sendete RTL einige Zeit später ein Format, bei dem Ekel ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, die Show Fear Factor, die seit 2001 beim US-Sender NBC sehr erfolgreich ausgestrahlt wird. Die amerikanischen Kandidaten mussten unter anderem Würmer und Kuhaugen essen, wurden in einen Container mit Schlangen gesteckt oder mit 400 Ratten bedeckt.[http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36BB8AFE338/Doc~E529401B9AC2F4227B50DBA0F0DAB5FC1~ATpl~Ecommon~Sspezial.html Artikel in der FAZ] [http://www.blm.de/apps/documentbase/data/de/16-19_tabubruch.pdf Tilmann P. Gangloff: Gruselige Grenzerfahrungen (pdf)] Auch in anderen Ländern werden ähnliche Sendungen ausgestrahlt, meist mit hohen Einschaltquoten.
Eine Weiterführung des ?Ekelfernsehens? ist die als Dokumentation bezeichnete Serie Autopsie - Mysteriöse Todesfälle bei RTL II. ?Getarnt als Dokumentationsreihe über die Arbeit von Kriminologen und Gerichtsmedizinern, werden darin Leichen aller Art präsentiert, in jedem nur denkbaren Stadium der Verwesung und Auflösung. (...) Und alle echt.?[http://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/artikel/tv/autopsie.html Oliver Pfohlmann: Schmackhafte Bohnen aus dem Leichenmagen. Über den erstaunlichen Erfolg der Fernsehserie "Autopsie"] Auch Obduktionen sind zu sehen. Bei der Hauptzielgruppe der 14- bis 29-Jährigen erreicht die Sendung eine Einschaltquote von 13 Prozent. ?Eine derart aggressive und öffentlich-serielle Präsentation von Tod, Sterblichkeit und Verwesung dürfte es im Fernsehen noch nicht gegeben haben.? Das Interesse der Zuschauer besteht nach Ansicht des Publizisten Oliver Pfohlmann sowohl aus Lust an der Spannung als auch aus ?Voyeurismus mit sadistischen Anteilen?. Die Sendung sei so etwas wie eine ?virtuelle Mutprobe?.
Medienforscher erklären den allgemeinen Erfolg von Reality-Shows ähnlich. Studien zufolge werden diese Formate vor allem von ?Personen mit voyeuristischen Neigungen? bevorzugt, wobei das Bildungsniveau keine Rolle spiele.[http://www.ard-werbung.de/showfile.phtml/2001_10_04.pdf?foid=140 Uli Gleich: Populäre Unterhaltungsformate im Fernsehen und ihre Bedeutung für die Zuschauer (pdf)] ?Bei nicht ängstlichen Zuschauern mündet der Voyeurismus in ein intensives Unterhaltungserleben. Ängstliche Rezipienten dagegen versuchen durch das Anschauen der entsprechenden Inhalte, ihre eigenen Ängste zu bewältigen.?
Literatur
Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 1, Suhrkamp Verlag, 3. Aufl. 1977
Hans Magnus Enzensberger (Hg): Ekel und Allergie (Kursbuch 129), Rowohlt Verlag 1997, ISBN 3-87134-129-0
* Hermes A. Kick (Hg.): Ekel. Darstellung und Deutung in den Wissenschaften und Künsten, Verlag Guido Pressler, Hürtgenwald 2003, ISBN 3-876-46101-4
* Annette Kluitmann: Es lockt bis zum Erbrechen. Zur psychischen Bedeutung des Ekels, in: Forum der Psychoanalyse, 1999, 15, S. 267-281
* Winfried Menninghaus: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2002, ISBN 3-518-29234-X
* William Ian Miller: Anatomy of Disgust, London 1997, ISBN 0-674-03155-5
* Lothar Penning: Kulturgeschichtliche und sozialwissenschaftliche Aspekte des Ekels, Bitburg 1984 (Diss.)
* Christine Pernlocher-Kügler: Körperscham und Ekel - wesentlich menschliche Gefühle, Lit Verlag 2004, ISBN 3-825-87492-3
* Robert Rawdon Wilson: The Hydra's Tale: Imagining Disgust, Edmonton 2002, ISBN 0-888-64368-3
Weblinks
• Rolf Degen: Nicht nur Verdorbenes macht Angst, in: Tabula 02/2005 (pdf)
• Sabine Löhr: Guten Appetit! (FAZ-Bericht)
• www.wissenschaft.de: Warum Haferschleim so einen schlechten Ruf hat - Die Beschaffenheit von Nahrungsmitteln entscheidet über Ekelgefühle
• netdoktor.de: Ekel und Aversion
• Psychology Today: Mystery of Disgust
• Wissenschaftlicher Test der Ekelempfindlichkeit

