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:?Was ist nun der Zweck einer erklärenden Hypothese? Ihr Zweck ist, dadurch dass sie dem Test des Experiments unterworfen wird, zur Vermeidung jeder Überraschung zu führen und zur Einrichtung einer Verhaltensgewohnheit positiver Erwartung, die nicht enttäuscht werden wird. Jede Hypothese kann daher, wenn keinerlei besondere Gründe für ihre Ablehnung vorhanden sind, zulässig sein, vorausgesetzt, dass sie in der Lage ist, experimentell verifiziert zu werden, und nur insofern sie solcher Verifikation zugänglich ist. Das ist annähernd die Lehre des Pragmatismus? (CP 5.197).

Aus heutiger Sicht ist unstrittig, dass Peirce etwa bis 1898 unter dem Begriff Hypothesis zwei recht unterschiedliche Formen des Schlussfolgerns fasste , ohne dies jedoch zu bemerken. Als ihm dieser unklare Gebrauch auffiel, arbeitete er in seiner Spätphilosophie den Unterschied zwischen den beiden Verfahren deutlich heraus und nannte die eine Operation «qualitative Induktion» , die andere «Abduktion». Das meiste, was Peirce vor 1898 zum Thema Hypothesis geschrieben hatte, charakterisierte jedoch nicht die Abduktion, sondern die qualitative Induktion. Erst später räumt Peirce ein:
:?By hypothetic inference, I mean (...) an induction of qualities? (Peirce CP 6.145).
Grund für den Irrtum: ?Doch ich war zu sehr damit beschäftigt, die syllogistische Form und die Lehre von der logischen Extension und Komprehension zu untersuchen, die ich als weit grundlegender ansah als sie wirklich sind. Solange ich dieser Überzeugung war, vermengten sich in meiner Vorstellung von der Abduktion notwendig zwei verschiedene Arten des Schließens? (Peirce MS 425 ? 1902). In einem Briefentwurf an Wissenschafts- und Erkenntnistheorie die medizinische Diagnostik, kriminalistische Untersuchungen, juristische Verfahren, technische Fehlersuche, die Psychologie, Literatur- und Sozialwissenschaften, aber auch pädagogische und didaktische Wissenschaften und schließlich computergestützte Expertensysteme. Beispiele für abduktives Schließen im Rahmen der Wahrscheinlichkeitstheorie sind die Anwendung des Bayestheorems oder der Likelihood-Methode. Grund für dieses breite Spektrum ist, dass die Abduktion die ?einzige logische Operation [ist], die irgendeine neue Idee einführt? (CP 5.171).

Unterschiedliche Deutungen der Abduktion


In der neueren wissenschaftlichen Rezeption des Abduktionsbegriffes wurde immer wieder versucht, die vielen Annäherungen von Peirce an den Begriff der Abduktion zu einem Begriff zu verdichten. Da dies wegen der teils widersprüchlichen Bestimmung des Abduktionsbegriffes durch Peirce nicht gelingen konnte, haben viele zu dem Mittel gegriffen, einerseits mehrere Varianten der Abduktion zu entwerfen (z. B. Eco; Bonfantini & Proni), zum anderen den Begriff widersprüchlich zu belassen oder ihn einseitig zu fassen.

Eine dieser Deutungen besteht darin, dass die Nutzer des Abduktionsbegriffes großen Wert darauf legen, dass es sich bei der Abduktion um eine streng logische Operation handelt, die durchaus auch methodisch herstellbar ist. Viele KI-Forscher gehen im Anschluss an Paul Thagard diesen Weg und auch eine Reihe von Sozialwissenschaftlern bevorzugen (in Weiterführung von Hanson) diese Lesart. Insbesondere wenn es um die Modellierung von kognitiven Prozessen geht, haben die KI-Forscher seit längerer Zeit bemerkt, dass die Abduktion grundlegend ist für menschliches Denken und dass deshalb keine Simulation menschlicher «Intelligenz» vollständig ist, wenn sie nicht über die Fähigkeit der Abduktion verfügt. Deshalb sind vor allem sie daran interessiert, die Abduktion als Algorithmus zu schreiben.

Die zweite Deutung des Abduktionsbegriffs schließt an Formulierungen von Peirce an, die besagen, die Abduktion würde Überraschendes erklären und Unverständliches verstehen lassen. Vor allem die Wissenschaftler, die das Lesen, das Interpretieren, das Übersetzen, das Diagnostizieren, das Handeln, das (kriminalistische) Aufklären und vieles andere mehr als alltägliche Beispiele abduktiven Schlussfolgerns ansehen, fassen Abduktion im wesentlichen auf diese Weise auf. Beispielhaft für solche Ausweitungen sind folgende Äußerungen: ?Die Logik des abduktiven Schlusses kann also als Praxis verstanden werden, Rätsel zu lösen (?)? (Moser). Als besonders folgenreich (vor allem für die Literaturwissenschaft) haben sich folgende Deutungen von Umberto Eco erwiesen: ?Angesichts dessen, daß wir im Prinzip jedes Mal, wenn wir ein Wort hören, entscheiden müssen, auf welchen Code es bezogen werden muß, scheint eine Abduktion bei jedem Decodierungsakt beteiligt zu sein? (Eco). ?Die Logik der Interpretation ist die Peircesche Logik der ?Abduktion?? (Eco).
Die Aussage von Eco, alle Interpretation beruhe auf Abduktion, ist freilich überzogen, da sie gerade das einebnet, was das Spezifische der Abduktion ist und was durch die Einführung dieses Begriffes sichtbar gemacht werden sollte. Abduktion ist nicht die Anwendung eines Codes, nicht die Anwendung einer Regel, sondern Abduktion ist die Erfindung einer Regel, die Erfindung eines Codes.

Die dritte Deutung des Abduktionsbegriffes betont die Aussage von Peirce, dass abduktive Schlussfolgerungen die beste bzw. die wahrscheinlichste Erklärung liefern würden. Forscher, die im Anschluss an Rescher dieser Deutung folgen, sehen die Abduktion vor allem als ein Teil der «Economy of Research» an. Ähnlich argumentiert Wirth: ?Abduktives Schlussfolgern ist eine pragmatische Strategie, deren Ziel die Minimierung_des_Risikos des Scheiterns ist. (?). Der Forscher versucht, die Wahrscheinlichkeit und die Plausibilität seiner Hypothesen zu optimieren. Er ist primär ein spielender Wettpartner, der seine Urteile und Forschungsergebnisse an den Kriterien des erfolgreichen Wettens und der erfolgreichen Spurensuche ausrichtet, bevor sie den Normen des wissenschaftlich-paradigmatischen ?Strafrechtssystems? subsumiert? (Uwe Wirth).

Alle drei hier genannten Deutungen der Abduktion benennen ohne Zweifel auch Merkmale der Abduktion. Aber: alle diese Bestandteile abduktiven Schließens ? nämlich ihre logische Form, ihre erklärende Funktion und ihre Fähigkeit, wahrscheinliche Lesarten zu liefern ? sind notwendige, aber keine hinreichenden Bestandteile der Abduktion. Diese drei Charakteristika bezeichnen nicht die Besonderheit der Abduktion, sondern deren Randbedingungen. Zugespitzt: Abduktionen können, müssen jedoch nicht logisch, erklärend oder ökonomisch sein. Verstehen und Erklären lässt sich vieles auch mittels Deduktion und Induktion ? oft sogar besser, und natürlich liefert die Deduktion die beste Erklärung, und gewiss ist die Induktion oder gar die Deduktion ein zuverlässigerer logischer Schluss. Aber das Entscheidende bei der Abduktion ist nicht ihre logische Form, die erklärende Funktion oder die Wahrscheinlichkeit, sondern vor allem die Fähigkeit, eine neue Regel zu finden.

Literatur


* Peirce, Charles Sanders (1976). Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
* Michael H.G. Hoffmann:
Erkenntnisentwicklung. Klostermann, Frankfurt/M 2005
* Jo Reichertz:
Die Abduktion in der qualitativen Sozialforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, ISBN 3-8100-3595-5
* Ansgar Richter:
Der Begriff der Abduktion bei Charles S. Peirce, Lang, Frankfurt/Main 1995, ISBN 3-631-48338-4
* Riemer, Ines (1988). Konzeption und Begründung der Induktion. Würzburg.
*Susanne Rohr:
Über die Schönheit des Findens. Die Binnenstruktur menschlichen Verstehens nach Charles S. Peirce: Abduktionslogik und Kreativität'', Stuttgart 1993 zugl. Diss. FU Berlin 1991.
*Wartenberg, Gerd (1971). Logischer Sozialismus _ Die Transformation der Kantschen Transzendentalphilosophie durch Ch. S. Peirce. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
* Wirth, Uwe (2000) (Hrsg.). Die Welt als Zeichen und Hypothese. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Weblinks



Homepage des Arbeitskreises für Abduktionsforschung
Abduktion bei Charles Sanders Peirce und Umberto Eco (von Jörg Seidel)
Abduktion und Heuristik (von Volker Peckhaus)
Abduktion im Lichte der Rezeptionsgeschichte (von Jo Reichertz)

Siehe auch



Nullhypothese], [[Rhetorik, Dialektik, Fehler 1. und 2. Art, Wahrscheinlichkeitstheorie, Satz von Bayes, Bayessches Netz, Likelihood,


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