Abba (Bibel)
Abba ist nach einigen Stellen des Neuen_Testaments die persönliche Anrede JHWHs im Munde des Jesus von Nazaret, die von den Urchristen in Aramäisch überliefert wurde.Übersetzungen
Der Ausdruck findet sich zweimal in den Paulusbriefen sowie einmal im Markusevangelium. Deren Einheitsübersetzung lautet:
:: Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.
:: Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!
: (par. ): Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen).
Die Martin Luther die Anrede MEIN VATER in der Getsemani-Szene zudem in Großbuchstaben hervor und verstand diese besondere Vaterbeziehung Jesu als Begründung dafür, dass die Christen Gott als ?lieben? und als ?unseren? Vater anreden könnten.
Ältere Auffassung
Joachim Jeremias unterstützte Luthers Übersetzung philologisch mit seinem Buch Abba (1. Auflage Göttingen 1966). Danach sei der Ausdruck eine kindliche Lallform des aramäischen Wortes für ?Vater? - Ab - gewesen, ähnlich dem vielsprachigen Papa. Diese Form begegne nur im Munde Jesu, sonst nirgends in palästinischen Quellen jener Zeit, so dass sie Ausdruck der besonderen Vertrautheit Jesu mit Gott und sein ureigenes Wort sei.
Diese Auffassung hat großen Einfluss auf die moderne NT-Forschung ausgeübt und wird etwa vom Jesus-Seminar heute noch vertreten. Christliche Exegeten ziehen sie oft zur Begründung eines besonderen Gottesbildes Jesu heran, das sich vom überlieferten Gottesbild des Alten_Testaments und des damaligen Judentums, vertreten etwa durch Johannes_den_Täufer, deutlich unterschieden habe. So zeigt Abba z.B. für Paul Hoffmann einen neuartigen Wesenszug Gottes an: Jesu Gott sei zuerst ein Gott der unbedingten Güte und Gnade. Seine Nähe sei nicht, wie beim Täufer Johannes, vor allem bedrohlich. Er suche die Verlorenen () und sei bereit zur Septuaginta sowie in Jesus Sirach (51,10), 3. Makkabäer (6,3f.8) nachweisbar.
Die Anrede ?mein Vater? war im alltäglichen Aramäisch und Hebräisch damals als Abi geläufig. Die Betonung der gnädigen Zuwendung Gottes als Vater seiner ?Kinder?, besonders zu den Schwachen, Armen und Ausgegrenzten, war um die Zeitenwende bereits Allgemeingut im Judentum (Angelika Strothmann, ?Mein Vater bist du!? (Sir 51,10) Zur Bedeutung der Vaterschaft Gottes, Frankfurt/Main 1991). Jüdische Forscher wie Geza Vermes wiesen zudem nach, dass Rabbiner aus Galiläa vor und nach Jesus auch Gott als Abba anredeten und Gottesbotschaften mit der Anrede als mein Sohn empfingen: so der Wundertäter Choni um 60 v. Chr., sein Enkel Chilkija, der Chassid Chanina ben Dosa um 60 n. Chr. sowie Chanan Hannechbader, der nach dem babylonischen Talmud (bTaan 23a) angefleht wurde:zitiert nach [http://www.sbg.ac.at/zjk/sites_at/pdf/Reader.pdf Gerhard Bodendorfer, Der Jude Jesus, Reader Grundkurs Judentum S. 12 (pdf)]
:Abba, Abba, gib uns Regen! Da sagte er vor dem Heiligen - gepriesen sei Er: Herr der Welt -: Tue es um jener willen, die nicht zwischen einem Abba unterscheiden können, der Regen gibt, und einem Abba, der keinen Regen gibt.
Die Bitte um Regen geht bis auf Elija zurück (), der seinerseits von Königen und Prophetenschülern mit dem Ehrentitel Mein Vater, mein Vater... angeredet wurde ().
Auf diesem überlieferungsgeschichtlichen Hintergrund erklärt der Neutestamentler Ekklesiologie.
Diese Auffassung entspricht dem Befund der paulinischen Belege von Abba, wonach diese Anrede gerade nicht exklusiv für Jesus eingeführt wird, sondern als Gabe des Heiligen_Geistes an alle Christen, der sie zur Gotteskindschaft befreit. Die Basis dafür bleibt der Gehorsam Jesu Christi, der seinen Willen dem Willen Gottes beugte und den stellvertretenden Gerichtstod auf sich nahm, während die Jünger versagten. Doch auch das einzigartige Gebet in Getsemani sollte die Jünger zum Mitbeten und zur Kreuzesnachfolge an der Seite Jesu einladen ():
:Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt.
Literatur
*Paul Hoffmann (Hrsg.): Studien zur Frühgeschichte der Jesus-Bewegung, daraus: ?Er weiß, was ihr braucht...? (Mt 6,7). Jesu einfache und konkrete Rede von Gott, in: Stuttgarter Biblische Aufsatzbände, Neues Testament, Bd.17, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1996 (Aufsatz von 1981), S. 15-40 , ISBN 3460061715
*Joachim Jeremias: Neutestamentliche Theologie, Erster Teil - Die Verkündigung Jesu, Guetersloher Verlagshaus, 1988, ISBN 3579044001
*Martin Karrer: Jesus Christus im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3525513801
*Otto Schwankl: Die Sadduzäerfrage (Mk 12, 18-27 parr). Eine exegetisch-theologische Studie zur Auferstehungserwartung, ISBN 3610091029 (S. 572)
*Geza Vermes: Jesus der Jude: Ein Historiker liest die Evangelien.'' Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 3-7887-1373-9
Weblinks
• Angelika Strotmann, Die Vaterschaft Gottes in der Bibel, Biblisches Forum 1/2002

