Aachener Unruhen vom 30. August 1830
Der Aachener Aufruhr vom 30. August 1830 war ein vorindustrieller Brotaufstandim Umfeld der Julirevolution, der regional für Aufsehen sorgte, weil die Aufständischen erst von der Bürgerwehr zurückgedrängt werden konnten. Ausgelöst wurde der soziale Protest durch die Zuspitzung einer vormodernen Konjunkturkrise.
Verlauf
An einem Versammlungsort der Fabrikarbeiter kam es am 30. August 1830
zu einem Auflauf, da es in der Tuchfabrik Nellessen Strafabzüge bei der
Auszahlung des Lohnes gegeben hatte. Die versammelten Arbeiter beschlossen
bei Nellessen Abzüge einzuklagen. Sie zogen vor die Tore der Tuchfabrik,
wobei sie durch den Zulauf von Neugierigen auf mehrere hundert Menschen
anwuchsen. Dort forderten sie die Beseitigung der Strafabzüge und versuchten
in die Fabrik einzudringen. Das Vorhaben scheiterte an den Fabrikarbeitern
des Unternehmers Nellessen. Die inzwischen eingetroffenen Gendarmen wurden
von der Menge bis zum Privathaus des Industriellen Cockerill verfolgt,
das geplündert wurde. Anschließend zog die Menge zum Gefängnis, um die Gefangenen
zu befreien. Dafür wurden Werkzeuge benötigt, die die Menge bei einem Mechanikus
zu beschaffen versuchte. Doch auch dort stießen sie auf den Widerstand der Arbeiter.
Ein Teil der Anführer begab sich zum Friedrich-Wilhelm-Platz, während der Rest zur
Wohnung eines Bierbrauers ging, um Gewehre zu besorgen. Aus Mangel an Soldaten
wurde eine Bürgerwache gebildet, der es gelang den Aufruhr zu beenden.
Die industrielle Entwicklung in Aachen bis 1830
Aachen stand in der Frühindustrialisierung und der Herausbildung des
geschlossenen Fabriksystems an der Spitze in ?Deutschland?. Ein großer Anteil
der Stadtbevölkerung war 1830 abhängig von der Tuchindustrie, entweder
in Fabriken oder als Hausindustrielle tätig.
James Cockerill lieferte 1807 die ersten modernen Spinnmaschinen nach Aachen.
In den folgenden Jahren setzten sich in Fabriken mit zentralisiertem System
halbmechanische, mit Wasserkraft betriebene Handspinnmaschinen durch.
1828-1829 wurde die erste Hochdruckdampfmaschine eingesetzt und weitere
folgten 1830. Zu der schnellen Industrialisierung Aachens trug die günstige
geographische Lage an der Grenze, die Nähe zu den Rohstoffen, die frühe Gründung
der Handelskammer und der Einsatz von Großkaufleuten wie David Hansemann sowie die
preußische Gewerbepolitik nach 1814/15 bei.
Doch stockte in den 1820er Jahren die Wirtschaftsentwicklung, was die Industrie
im westlichen Preußen besonders traf. Der Konkurrenzdruck verschärfte sich durch
die liberalen_Zollgesetze_von_1818. Die Kontinentalsperre wurde aufgehoben und
der Markt für die westliche Konkurrenz geöffnet, ohne neue Märkte im Osten zu schaffen.
Der Zunftzwang wurde während der französischen Herrschaft aufgehoben und Zollgrenzen
zu Frankreich und den Niederlanden aufgebaut, wodurch es zu Absatzeinbrüchen
in der rheinischen Textilindustrie kam.
Das zwang die Fabrikherren, die Produktionskosten zu senken und die
Arbeiter zu entlassen.
Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter
Die ökonomische Situation traf die Aachener Arbeiter am härtesten, ihre Not
war die Hauptursache für den Aufstand. Besonders das Auszahlen des Verdienstes in
Waren (Trucksystem) war im Aachener_Regierungsbezirk nichts Ungewöhnliches, wobei die Arbeiter um ihren Lohn betrogen wurden.
Kennzeichnend für die Situation war, dass es wenige Arbeitgeber gab und
zahlreiche zerstreute Lohnarbeiter, ohne gesetzlichen Schutz bei der
Festlegung der Arbeitsbedingungen.
Die Löhne reichten im besten Fall, um das Existenzminimum zu sichern.
Hatte ein Arbeiter Familie, lebten sie in großer Not. Darüber hinaus
legten die Aachener Fabrikanten eine menschenverachtende Haltung
an den Tag.
Die Tuchbereiter und Handspinner waren von der Maschinisierung am härtesten
betroffen. Die technischen Innovationen führten zur Senkung der Arbeitskosten
und Arbeitskräfte, aber auch zu einer Qualitätssteigerung. Gut qualifizierte
und gut entlohnte Berufsgruppen wurden zu Fabrikproletariern herabgestuft
und die Arbeitslosigkeit wurde zum Problem.
Die zunehmende Verarmung veränderte die emotionale Lage der unteren Schichten,
die die sozialen und ökonomischen Missverhältnisse als Unrecht ansahen.
Während die frühere Mittelschicht, Selbstständige und Handwerker in die Armut
absanken, waren die Gewinner dieses Strukturwandels die Kaufleute und Verleger.
Die ärmeren Schichten hatten hingegen allenfalls das Nötigste zum Leben.
Die Gruppe der Armen und Reichen entwickelten sich ökonomisch immer weiter auseinander.
Bei den Aachener Unruhen standen soziale und wirtschaftliche Veränderungen im
Vordergrund.
Der Aufruhr ? Ein sozialer Protest oder eine politische Revolution?
Der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft verlief nicht ohne soziale Proteste.
Gerade im Rheinland kam es in der Frühindustrialisierung immer wieder zu Tumulten,
die ähnliche Ursachen hatten.
Einige waren mit der Zerstörung von Maschinen verbunden, die meisten gingen
mit Angriffen auf die Fabrik- und Privatgebäude der Unternehmer einher.
Vor allem wenn es zu Entlassungen kam und die Menschen ihr Einkommen und
damit ihre Existenzgrundlage verloren, gab es spontane Zusammenrottungen,
mit dem Ziel das Nötigste zum Überleben zu beschaffen. Diese sozialen Konflikte
waren die Vorläufer der großen politischen Revolutionen in Frankreich und Brüssel.
Doch während sich der Aachener Protest gegen die Modernisierungsprozesse wendete,
hatte die Revolution in Brüssel und Paris politischen Charakter. Dort unterstützten
die bürgerlichen Eliten den Aufruhr. Alle sozialen Schichten hatten das gleiche Ziel,
ein ungeliebtes Regime zu entfernen.
In Verviers war es auch zu Unruhen gekommen. Durch wallonische Wanderarbeiter
erreichte die Nachricht vom Erfolg in Verviers Aachen und ermutigte die Menschen
zum Protest. Die Unruhen pflanzten sich fort, denn noch andere Industriestädte
wie Köln, Düren, Barmen und Elberfeld wurden erfasst.
Zwischen dem Aachener Ereignis und den Aufständen im Ausland war kein politisch
motivierter Zusammenhang zu erkennen. Bei der Eskalation handelte es sich nicht
um eine politische Auseinandersetzung, die den Sturz der Regierenden
zum Ziel hatte.
Ein Misserfolg bei den Verhandlungen über die Lohnkürzungen versetzte
die Menge in Verzweiflung und Wut. Die undisziplinierten Aktionen unter
dem Einfluss von Alkohol schlossen eine geplante Organisation des Protestes
aus und die Rädelsführer waren nicht unmittelbar betroffen. Der ?Aachener Aufruhr?
war ein sozialer Protest über miserable Lebensverhältnisse.
Literatur
*Althammer, Beate: Herrschaft, Fürsorge, Protest. Eliten und Unterschichten in den Textilgewerbestädten Aachen und Barcelona 1830-1870. Hrsg. v. Dieter Dowe (=Veröffentlichtung des Instituts für Sozialgeschichte, Braunschweig, Bonn). Bonn 2002. (Zugl. Diss. Trier 2000). ISBN: 3801241254.
*Venedey, Jakob: Darstellung der Verhandlungen vor den Assisen zu Köln über die Theilnehmer des am 30. August 1830 in Aachen stattgefundenen Aufruhrs. Köln 1831.
*Volkmann, Heinrich: Wirtschaftlicher Strukturwandel und sozialer Konflikt in der Frühindustrialisierung. Eine Fallstudie zum Aachener Aufruhr von 1830. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 16. Opladen und Köln 1973, S. 550-565.
Weblinks
• Rezension der Dissertation von Beate Althammer

