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studiInfo Sommersemester 2005

Zwei Fliegen mit einer Klappe

VWA-Abschluss
Sonja aus Coesfeld hat es geschafft. Sie absolviert eine der begehrten VWA-Ausbildungen bei der BASF Coatings AG in Münster. Wir hatten Einblick in ihren Ausbildungsalltag ...

Es ist kurz vor 8 Uhr, an einem Samstagmorgen. Eigentlich eine Zeit in der man noch gemütlich im Bett liegen möchte. Doch Sonja ist schon eine ganze Zeit lang auf den Beinen. Statt zu schlafen, wie wahrscheinlich die meisten ihrer Altersgenossen, sitzt die 22-Jährige im Auto und ist auf dem Weg nach Münster. Zur Vorlesung. In einer guten halben Stunde geht’s los – erst Betriebswirtschaftslehre, danach Recht. Na klar, auch für Sonja gibt es das eine oder andere, was sie an diesem Samstagvormittag lieber machen möchte, als sich mit Fertigungswirtschaft und Steuerrecht zu beschäftigen. „Aber ich habe es mir ja selbst so ausgesucht. Also will ich mich nicht beklagen“, sagt sie und fährt weiter durch das noch nicht richtig erwachte Münsterland.

Sechs mal in der Woche fährt sie den Weg von Coesfeld nach Münster, abends wieder zurück. Von Montag bis Donnerstag arbeitet sie bei BASF Coatings, einem großen, weltweit tätigen Hersteller von Lackprodukten. An den anderen beiden Tagen steht dann Büffeln auf dem Programm. BWL, VWL und Recht an der Westfälischen Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) – Alles im Rahmen ihrer Berufsausbildung, einer Kombination aus betrieblicher Ausbildung und betriebswirtschaftlichem Studium. Sonja ist schon zwei Jahre dabei. Die Ausbildung zur Industriekauffrau hat sie in der Tasche, der Betriebswirt (VWA) folgt in einem Jahr.

Als Sonja sich vor rund drei Jahren bei BASF bewarb, wusste sie nicht, was auf sie zukommen würde. Und ursprünglich wollte sie gar nicht unbedingt Industriekauffrau werden. „Ich habe immer schon gerne organisiert. Und Mathematik und Fremdsprachen liegen mir. Ich wollte von Anfang an etwas Kaufmännisches machen“, erinnert sie sich. „Darum habe ich auch schon als Schülerin ein Praktikum bei einer Bank gemacht. Mir war klar, ich wollte eine Ausbildung zur Bankkauffrau machen. Und mich danach vielleicht an der Bankakademie weiterbilden.“ Das letztendlich alles anders gekommen ist, als geplant, war purer Zufall. Sonja wusste damals nichts von einer Kombination aus Ausbildung und Studium. Während einer Berufsberatung beim Arbeitsamt ist sie erstmals auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden und war gleich begeistert.

Nachdem sie sich informiert hatte, welche Firmen eine solche „Doppel-Ausbildung“ anbieten, ging es daran, Bewerbungen zu schreiben. „Für einen guten Ausbildungsplatz hätte ich auch einen Umzug in Kauf genommen, darum habe ich mich sogar bei Firmen im Ruhrgebiet beworben. Dass es jetzt Münster geworden ist, freut mich natürlich.“ Doch der Weg bis zu einem solchen Ausbildungsplatz ist lang und auch nicht ganz einfach. Auch nicht für Sonja.

Rund ein Jahr vor Ausbildungsbeginn hat sie sich bei BASF Coatings beworben. Natürlich in dem Bewusstsein, dass der Traum auch sehr schnell hätte zerplatzen können. Denn die Zahl der Mitbewerber ist nicht gerade klein. Mehrere hundert Interessenten für vier Ausbildungsplätze zum Betriebswirt (VWA) – nicht gerade eine Quote, die einen vor Glück in die Luft springen lässt. Als die Einladung zum Vorstellungsgespräch im Briefkasten lag, war die Freude groß. Die erste Hürde hatte Sonja genommen. Im zweiten Schritt stand nun ein eintägiges Auswahlverfahren auf dem Programm. 25 Bewerber werden dazu gemeinsam eingeladen. An zwei weiteren Tagen folgen noch mal jeweils 25.

Zunächst erwartet die Bewerber ein rund zweistündiger Eignungstest, in dem sie ihr sprachliches und mathematisches Vermögen und die Fähigkeit, sich unter Druck konzentrieren zu können, unter Beweis stellen müssen. Wer hier nicht ausreichend Punkte erreicht, kann seine Hoffnungen mehr oder weniger begraben, da gewisse Fähigkeiten vorausgesetzt werden. Auf den Eignungstest folgt eine Vorstellungsrunde, bei der die Bewerber genauestens beobachtet werden – unter anderem auch von Psychologen. Anschließend geht es zum gemeinsamen Mittagessen, das nicht zum offiziellen Teil gehört. Nach der Pause folgt dann der dritte und letzte Teil des Auswahlverfahrens. Dabei müssen die Kandidaten zeigen, dass sie teamfähig sind und in einer Gruppe erfolgreich zusammenarbeiten können. Gerade die Teamfähigkeit ist eine Schlüsselqualifikation, die in letzter Zeit immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Einzelkämpfer haben es heutzutage schwer.

Sonja erinnert sich noch gut an ihren eigenen Einstellungstest: „Na klar war ein gewisser Druck dabei, schließlich geht es nicht um eine Kleinigkeit, sondern um die eigene berufliche Zukunft. Trotzdem war die Atmosphäre ganz locker und entspannt. Am besten man geht mit der Einstellung daran, entweder es klappt, oder nicht“.

Rund zwei Jahre später stand Sonja dann auf der anderen Seite. Nach ihrem ersten Jahr, indem sie alle kaufmännisch relevanten Bereiche des Betriebes durchlaufen hatte, arbeitete sie in der Ausbildungsabteilung von BASF Coatings – ihrer ersten Schwerpunktabteilung. Dort war sie unter anderem auch für die Organisation und Durchführung der Einstellungstests mitverantwortlich. „Mitentscheiden, wer am Ende eingestellt wird, durfte ich natürlich nicht. Dennoch war es eine interessante Erfahrung, ein solches Auswahlverfahren einmal nicht mit den Augen eines Bewerbers zu sehen“. Gegen Ende des zweiten Jahres stand dann der Wechsel in die zweite Schwerpunktabteilung an. Heute arbeitet Sonja im Vertrieb für Automobillacke. Hier hat sie bereits ihre ersten eigenen Verantwortlichkeiten und betreut ihre eigenen Kunden, für die sie die komplette Auftragsabwicklung koordiniert – von der Fertigung bis zur Auslieferung. „Mir macht meine Arbeit richtig Spaß, auch weil alle Kollegen hier im Betrieb mich ernst nehmen und nicht wie eine Auszubildende behandeln."

In rund sechs Monaten wird Sonja dann von der Arbeit freigestellt, um ihre Examensarbeit zu schreiben und sich auf die Abschlussprüfung vorzubereiten. Wenn alles gut geht, ist sie in einem Jahr Betriebswirtin (VWA). Doch daran denkt Sonja momentan noch nicht. Jetzt steht erstmal die Vorlesung Betriebswirtschaft auf dem Programm. Kurz vor 13 Uhr ist dann endlich Wochenende.

Veröffentlicht in STUDIInfo / Ausgabe 01/05
Verfasst von STUDIInfo


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