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studiInfo Wintersemester 2006/07

Kuh sucht Arzt

Aussichtsreiche Studiengänge
Veterinärmediziner haben Chancen in der Nutztierpraxis: Tagtäglich mit Tieren arbeiten, Bellos verstauchtes Bein und Minkas Schnupfen heilen: Tierarzt ist für viele ein Traumberuf – vor allem für viele Frauen. Rund 85 Prozent der Studenten der Veterinärmedizin sind weiblich. Das wird vor allem auf dem Land zu einem Problem, denn nur wenige der Absolventinnen reizt bislang der Beruf des Nutztierarztes. Die Chancen für Männer stehen daher doppelt gut.

Genau beziffern kann Dr. Margund Mrozek von der Bundestierärztekammer (BTK) zwar nicht, wie groß der Bedarf an Tierärzten im Bereich der Nutztiere – also typischerweise in der Landwirtschaft – ist. Aber sie weiß: „Es wird zunehmend über Nachwuchsmangel geklagt.“ Genug jedenfalls, um die BTK im Herbst vergangenen Jahres zu veranlassen, unter dem schmissigen Titel „Kuh sucht Arzt“ eine Werbekampagne für dieses veterinärmedizinische Tätigkeitsfeld zu starten.

Dabei ist es bei weitem nicht so, dass sich generell zu wenige Abiturienten für den Beruf des Tierarztes interessieren. „Es gibt einen ziemlichen Überhang an Absolventen“, stellt Margund Mrozek fest. Rund 600 bis 700 seien es jährlich. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind dennoch überdurchschnittlich gut: Waren 2003 nur 2,6 Prozent der 32.116 Tierärzte in Deutschland arbeitslos, stieg die Zahl zum Stichtag 31. Dezember 2004 leicht auf 2,8 Prozent. Sie könnte noch niedriger liegen, würden die Absolventen – im wahrsten Sinne des Wortes – nur auf das richtige Pferd setzen: vor allem auf die Kuh und ihre tierischen Großtier-Kollegen in der Landwirtschaft.

Das Problem ist der bislang hohe Frauenanteil von rund 85 Prozent unter den Studierenden. Die zieht es nämlich nicht gerade in die Ställe, sondern eher zu Mäusen, Hunden, Katzen und Co. „Es wollen nur wenige Frauen im Nutztierbereich arbeiten“, hat Prof. Dr. Andrea Tipold, Vizepräsidentin für Lehre an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo), beobachtet. Die Statistiken der Tierärztekammern unterstreichen das: So arbeiteten Ende 2004 zwar 56,4 Prozent der Veterinärmedizinerinnen in Kleintierpraxen, im Segment der Großtierpraxen waren es dagegen lediglich 15,3 Prozent.

Die möglichen Ursachen dafür sind vielfältig, auch wenn es laut Margund Mrozek keine „Bausch-und-Bogen-Erklärung“ gebe. Zum einen seien viele Absolventinnen in ihren Zielvorstellungen sehr festgelegt - und die liegen eben eher im Bereich der niedlichen Haustiere. Zudem kämen immer weniger Studierende von Hause aus aus der Landwirtschaft, und bei solchen aus den Städten habe dieser Bereich ein eher schlechtes Image: „Harte Arbeit, schmutzige Arbeit – und deshalb für Frauen nicht geeignet“, weiß Dr. Margund Mrozek um die Vorurteile. Das aber sei „eine überholte Vorstellung“, weiß die Pressesprecherin der BTK. Denn einerseits habe sich die Profession des Großtierarztes in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt: Die Prophylaxe trete – wie in der Humanmedizin – immer in den Vordergrund, auch Notdienste seien unter den Kollegen geregelt und der „Landtierarzt“ werde insgesamt mehr und mehr zum Gesundheitsmanager und Ratgeber. Andererseits gebe es heutzutage viele Hilfsmittel, die dem Tierarzt seine Tätigkeit erleichtern. Und außerdem, weiß Margund Mrozek, beträfen Männer die problematischen Bereiche, etwa „beim Einfangen einer Kuh zur Entnahme einer Blutprobe“, ebenso. Das unterstreicht auch Prof. Dr. Andrea Tipold, die einen weiteren Grund für den geringen Frauenanteil in Großtierpraxen im geringen Unternehmergeist der weiblichen Absolventen sieht. Denn wie Humanmediziner sind auch tierärztliche Praxeninhaber selbstständige Unternehmer. Frauen dagegen ziehe es eher in ein Anstellungsverhältnis – und das nicht selten am liebsten halbtags.

Die Tierärztliche Hochschule Hannover setzt angesichts der Vorurteile seit einem Jahr verstärkt auf Aufklärung: Das letzte Studienjahr ist an der TiHo nun der Praxis gewidmet. Die Studierenden schnuppern in dieser Zeit in die verschiedenen tierärztlichen Tätigkeitsfelder hinein – von der Praxis über den Bereich der Lebensmittelhygiene bis zum Verbraucherschutz, die wissenschaftliche Forschung in Pharmazie, Pathologie Grundlagen und den öffentlichen Dienst. In den letzten drei Monaten wird dann ein Schwerpunkt gesetzt. Dieses Konzept geht auf, denn seitdem interessierten sich mehr weibliche Studenten auch für die Großtierpraxen. „Sie müssen nur motiviert werden“, zieht Andrea Tipold ein positives Resümee.

Geht es nach der Vizepräsidentin für Lehre an der TiHo, werden dort künftig wohl auch insgesamt mehr Männer Veterinärmedizin studieren. Sie sieht – neben der bei Frauen größeren Tierliebe – nämlich im hohen Numerus Clausus (NC), der 2005 bei 1,5 lag, einen Grund für den geringen Männeranteil. „Mädchen lernen als Kinder besser“, erklärt Prof. Dr. Andrea Tipold.

Da die Regeln des Auswahlverfahrens reformiert wurden, werden ab 2007 an der TiHo nicht mehr alle Studienplätze über die ZVS und damit die Abi-Note vergeben, sondern nur noch 40 Prozent. Die restlichen 60 Prozent werden über ein Auswahlverfahren verteilt. Das ist seit dem letzten Wintersemester an der Uni Berlin – neben der TiHo eine von insgesamt fünf Hochschulen in Deutschland, die Veterinärmedizin anbieten – schon Realität. Dort setzten die Verantwortlichen auf einen Online-Test.

Veröffentlicht in STUDIInfo / Ausgabe 02/06
Verfasst von STUDIInfo


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