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studiInfo Wintersemester 2009/10

Krankenschwester, Mutter und Ärztin: Auf Umwegen zum Traumberuf

Erst Abi, dann Uni – so stellen sich viele angehende Mediziner den Beginn ihrer Laufbahn vor. Wer keine exzellente Abiturnote vorweisen kann, muss allerdings einige Wartesemester überbrücken. Diese vermeintliche Notlösung kann aber durchaus von Vorteil sein.

Als sie den Brief las, konnte sie es kaum glauben. „Ich habe zu Hause gesessen und geheult“, erinnert sich Claudia Sydow an den Moment, als die ZVS ihr die Absage mitteilte. Für sie brach eine Welt zusammen – so fest hatte sie damit gerechnet, direkt nach dem Abitur mit dem Medizinstudium beginnen zu können. „Dabei hätte ich mir eigentlich denken können, dass es mit einer Abiturnote von 2,4 und einem nicht so guten Medizinertest schwierig werden könnte“, meint die heute 31-Jährige im Rückblick.

Glücklicherweise hatte sie sich zeitgleich mit der Bewerbung um einen Studienplatz auch um einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester bemüht – und von drei Münsteraner Krankenhäusern Zusagen bekommen. Nachdem fest stand, dass sie auch im folgenden Semester keinen Studienplatz in Medizin bekommen würde, nahm sie im Frühjahr 1998 den Ausbildungsplatz im St. Franziskus Hospital an. „Ich war in der Realität angekommen und beschloss, mich erstmal voll und ganz auf die Ausbildung zu konzentrieren.“

Erfahrungen im privaten Umfeld
Durch ihre zwei Jahre jüngere Schwester, die durch eine geistige Behinderung vollständig auf Hilfe angewiesen ist, und durch die Pflege ihres an Alzheimer erkrankten Großvaters hatte die gebürtige Nordwalderin schon früh Kontakt zu medizinischen Themen. Die Faszination für die Heilkunst und das Bedürfnis, Menschen helfen zu wollen - eigentlich ihre Beweggründe für ein Medizinstudium - brachte sie nun in die Pflegeausbildung ein. Der Lehrplan ermöglichte Einblicke in viele verschiedene Bereiche, von Orthopädie über Chirurgie bis hin zur Palliativmedizin. Wie jeder der Auszubildenden hatte Claudia Sydow eine erfahrene Pflegekraft als Mentor, bei der sie sich wertvolle Ratschläge für die Arbeit am Patienten holen konnte. Besonders gut gefiel ihr, dass die unterschiedlichen Gebiete in Themenblöcken aufgebaut waren, so dass auf das Theoriemodul stets die dazu passende praktische Pflege folgte.

Nach drei Jahren, in denen sie viele verschiedene Stationen durchlaufen und Tag-, Spät- und Nachtschichten absolviert hatte, bestand sie im Frühjahr 2001 ihr Examen. Die Arbeit im Krankenhaus hat sie desillusioniert: Die strengen Hierarchien und das Gegeneinander der Berufsgruppen empfand sie als belastend. Andererseits zeigten ihr Einsätze in der Psychiatrie und im Johannes-Hospiz, dass auch im stressigen Klinik-Alltag ein respektvolles Miteinander und gute Team-Arbeit möglich ist. „Die Erfahrungen in diesen beiden Abteilungen prägen mich bis heute“, so Claudia Sydow, „das Arbeiten dort hat Spaß gemacht und war richtig befriedigend.“
Auch nach der Ausbildung hielt sie fest an ihrem Traum, Medizin zu studieren. Die erforderlichen Wartesemester hatte sie nun beisammen und so konnte sie sich schließlich zum Wintersemester 2001 an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster einschreiben. Nebenbei arbeitete sie weiter im Krankenhaus, Nachtdienst auf der gynäkologischen Station. Sie kämpfte sich durch die ersten harten, naturwissenschaftlich geprägten Jahre des Studiums und schaffte das Physikum in der regulären Zeit.

Mit Blick auf ihre Kommilitonen, die direkt von der Schulbank in den Hörsaal gewechselt sind, empfand sie ihren Werdegang nicht mehr als Nachteil: „Ich bin sehr desillusioniert ins Studium gegangen. Bei den jüngeren Studenten hatte ich oft den Eindruck, dass sie gar nicht wissen, was sie im Krankenhaus-Alltag erwartet.“ Betten machen und Essen verteilen – auf diese Tätigkeiten hätte sie während der Ausbildung gut verzichten können, aber wie wichtig und prägend der direkte Umgang mit den Patienten war, wurde ihr erst während des Studiums wirklich bewusst. „Mit unseren Mentoren haben wir in Ruhe vor Ort am Patienten alle Handgriffe gelernt und unser Tun auch unter dem Aspekt reflektiert, wie sich der kranke Mensch dabei fühlt.“ Ein Gesichtspunkt, der im Medizinstudium keine große Rolle spiele und dazu führe, dass Ärzte, die frisch von der Uni kommen, den Patienten oft wenig Empathie entgegen bringen.

Als negativ empfand Claudia Sydow im Studium die Haltung einiger Professoren: „Allen, die durch ihr Einser-Abitur direkt mit dem Studium in Münster beginnen konnten, wurde vermittelt, dass sie damit zur absoluten Elite gehören. Die medizinischen Schlüsselqualifikationen, die viele andere Studenten mitbringen, wurden gar nicht gesehen“, erinnert sie sich.

Sie fand schnell Anschluss an eine Gruppe Studierender, die wie sie Erfahrungen in Ausbildungen und anderen Studiengängen gemacht hatten. Dieser Zusammenhalt wurde für sie umso wichtiger, als sie nach dem Physikum schwanger wurde. Im Jahr 2004 wurde Hannah geboren, drei Semester später Greta. „Mein Mann hat zu dieser Zeit schon Geld verdient, so dass es für uns der richtige Zeitpunkt war, eine Familie zu gründen“, so Claudia Sydow. Dank ihrer Eltern und Schwiegereltern, die gerne die kleinen Enkelinnen betreuen, und ihrer hilfsbereiten Kommilitonen musste sie nicht mit ihrem Studium aussetzen und konnte alle Pflichtkurse und wichtigen Vorlesungen belegen. Anfang 2008 war es dann geschafft: Sie hatte alle Scheine beisammen.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Doch nun, in der Endphase des Studiums, bekam sie zu spüren, dass Familienfreundlichkeit noch nicht zu den Stärken der medizinischen Fakultät gehört. „Obwohl für Studenten mit Kindern Aspekte wie Prüfungstermine und wohnortsnahe Einsatzorte während des Praktischen Jahres (PJ) sehr wichtig für die tägliche Organisation sind, gibt es keinerlei Entgegenkommen und keine Härtefallregelungen“, hat sie erfahren, „Kinder passen wohl nicht in das Bild vom idealen Medizin-Studenten.“

Claudia Sydow fand sich mit der Situation ab und startete im Februar 2009 ihr PJ in einer Umgebung, die ihr gut bekannt ist: in der Gynäkologie des St. Franziskus Hospitals. Weitere Stationen werden Chirurgie und Innere Medizin in anderen Krankenhäusern im Münsterland sein. Im Frühjahr 2010 steht dann das zweite Examen an, drei Tage schriftlich, zwei Tage mündlich. Welche Fachrichtung sie danach einschlagen möchte, weiß sie noch nicht genau. Ihr Traumfach wäre Gynäkologie und Geburtshilfe, aber auch praktische Überlegungen spielen bei dieser Entscheidung eine Rolle: „Die Familie kommt für mich an erster Stelle, deshalb möchte ich ein Fach wählen, dessen Arbeitszeiten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.“ Sie ist zuversichtlich, dass das gelingen wird: „Wegen des Ärztemangels machen sich immer mehr Krankenhäuser Gedanken, wie sie gut ausgebildete Frauen durch gute Arbeitsbedingungen halten können.“

Veröffentlicht in STUDIInfo / Ausgabe 02/09
Verfasst von Victoria Liesche


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