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studiInfo SS 08

Blutegel und Vitamine

Naturheilkunde und Schulmedizin treffen im Beruf des Heilpraktikers aufeinander – und müssen immer wieder gegeneinander abgewogen werden. Von Karsten Peters.

Im Badesee würde er bei den Schwimmern wahrscheinlich für Panikattacken sorgen, Sabine Prigge dagegen bricht fast in Begeisterung aus, wenn die Sprache auf den medizinischen Blutegel, den Hirudo medicinalis kommt. Zu Anfang, während der Ausbildung zur Heilpraktikerin, sei sie den wurmartigen Blutsaugern zurückhaltend begegnet. Inzwischen aber, nachdem sie einige Erfahrung und erstaunlich Behandlungserfolge mit den Tieren erzielt hat, kennt die Begeisterung kaum Grenzen. „Einiges von dem, was nach dem Einsatz von Blutegeln passiert, ist wissenschaftlich nachweisbar“, erklärt Prigge, die seit April dieses Jahres eine Gemeinschaftspraxis mit einer Kollegin betreibt. So enthalte der Speichel von Blutegeln Hirudin, eine dem Blutverdünner Heparin sehr ähnliche Substanz. Zusammen mit einem Schmerzhemmer im Speichel des Egels ergibt sich daraus ein Wirkstoffcocktail, der bei Arthrosen oder Entzündungen wie dem Tennisarm zu deutlichen Linderungen führen kann. Nach Einsatz eines Blutegels wird das Tier übrigens nicht mehr weiter verwendet. Früher, so erzählt die Heilpraktikerin, kamen die eingesetzten Egel „aufs Altenteil“, schließlich sind die Tiere nach einer Mahlzeit für zwei Jahre gesättigt. Die Egel-Rente ist jedoch einer Reform zu Opfer gefallen. Die Tiere aus der Familie der Ringelwürmer müssen nach dem Einsatz getötet werden. Sabine Prigge gibt sie an einen Kollegen weiter, der sie zum Angeln nutzt. „Die sind hervorragend als Köder für Welse geeignet.“
Trotz dieser unkonventionellen Behandlungsmethode ist die Medizinerin über den Generalverdacht gegen alle Naturheilkundler erhaben, ausschließlich auf Kräuter und Pendel zu vertrauen: Seit 1987 arbeitet sie als Krankenschwester, Mitte der 90-er Jahre absolvierte sie eine Fortbildung für die Intensivkrankenpflege und ist seither auf der Intensivstation der Uni-Klinik Münster beschäftigt.

Veränderungen im Beruf
Dass sie sich vor rund zweieinhalb Jahren entschied, noch eine Ausbildung zur Heilpraktikerin aufzunehmen, erklärt Prigge mit der starken Veränderung ihres Berufes: Sie habe vor 20 Jahren Krankenpflegerin werden wollen, weil sie kranken Menschen helfen, sie unterstützen wolle. Seit einigen Jahren müsse aber das Pflegepersonal immer mehr Untersuchungen und ärztlich angeordnete Behandlungen vornehmen, während gleichzeitig das Pflegepersonal abgebaut werde. „Es bleibt kaum noch Zeit, mit den Patienten zu sprechen, ihnen einfach nur die Hand zu halten, wenn sie Unterstützung brauchen.“
Dennoch will Prigge ihre Arbeit auf der Intensivstation nicht völlig aufgeben, ist sie doch überzeugt, dass Schulmedizin und Naturheilkunde sich hervorragend ergänzen. Oft müsse sie etwa Patienten, die zu ihr als Heilpraktikerin kommen, darüber aufklären, was ihnen Schulmediziner ohne Erfolg erklärt haben – dank Prigges erster Ausbildung kein Problem. „Andererseits rate ich einem Arzt, der sich mit Schnupfen durch die Schicht kämpft, auch schon mal zu bestimmten Naturheilverfahren. Die sind dann ganz begeistert, wenn sie sehen, dass es hilft.“

Grenzen der Naturheilkunde
Für die Ausbildung zur Heilpraktikerin hat Prigge etwas mehr als zwei Jahre benötigt, war sie doch weiterhin berufstätig. Vor große Schwierigkeiten hat sie aber zumindest ein Bereich nicht gestellt: die physiologischen Grundlagen des menschlichen Körpers, die wichtigsten schulmedizinschen Methoden, die auch Teil des Prüfungsstoffs sind, waren für Prigge nichts Neues.
Vor diesem Hintergrund kann die Heilpraktikerin auch ohne Umschweife anerkennen, dass die Naturheilkunde deutliche Grenzen hat. Im Gegensatz zur Schulmedizin unterstütze die Naturmedizin den Körper bei der Selbstheilung, die Schulmedizin könne selbst heilen. „Bei Akuterkrankungen, etwa anaphylaktischem Schock, Asthma- Anfällen oder Infarkt kann ich nur erste Hilfe leisten. Behandeln muss ein Arzt – so schnell wie möglich.“ Auch bei schweren Erkrankungen wie Krebs verweist Prigge ihre Patienten an Schulmediziner, bietet aber nach erfolgter Behandlung Unterstützung bei der Rekonvaleszenz an.




Schulmedizin als Basis

Eine breite, fundierte Ausbildung sei nötig, ist Marita Schirrmacher überzeugt, anderenfalls hätten junge Heilpraktiker kaum eine Chance, sich eine sichere Existenz aufzubauen. Aus diesem Grund hält die Ärztin und Heilpraktikerin auch am Konzept der Heilpraktiker-Schule Josef Angerer fest. An der Münchner Fachschule für Naturheilkunde dauert die Ausbildung in Vorbereitung auf die Prüfung vor dem Amtsarzt ganze drei Jahre.

Breites Unterrichtsspektrum
In rund 3000 Unterrichtsstunden werden nicht nur schulmedizinische Grundlagen gelegt, die angehenden Naturheilkundler werden in allen medizinischen Massagetechniken unterrichtet, in traditioneller chinesischer Medizin, Homöopathie und Osteopathie. Oft sei es so, dass Heilpraktiker-Schulen ausschließlich auf die Prüfung vor dem Amtsarzt vorbereiten – und der prüfe nur die schulmedizinischen Erfordernisse, nicht aber naturheilkundliche Verfahren und Techniken.

Veröffentlicht in STUDIInfo / Ausgabe 01/08
Verfasst von Karsten Peters


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