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AbsolventenInfo Ausgabe 2/ 2008

Weil der Himmel sie braucht

Sie sind die Hüter des Himmels: Täglich dirigieren die Fluglotsen der Deutschen Flugsicherung mehr als 8500 Flugzeuge durch den deutschen Flugraum. Eine von ihnen ist die 20-jährige Miriam Müllhaus.

„Es ist mein absoluter Traumjob“. Wer Miriam Müllhaus in ihrem Arbeitsumfeld beobachtet, der spürt sofort, dass die 20-Jährige nicht übertreibt. Mit strahlenden Augen schildert die junge Frau ihre Aufgaben und Tätigkeiten während der Ausbildung zur Fluglotsin bei der Deutschen Flugsicherung. Erst vor wenigen Wochen hat Müllhaus den rund eineinhalbjährigen theoretischen Teil ihrer Ausbildung beendet, jetzt ist der Tower am internationalen Flughafen Düsseldorf ihr Einsatzgebiet, um erstmals das Erlernte in der Praxis anzuwenden.

Der Weg in den Tower eines der 17 Flughäfen, die der Deutschen Flugsicherung unterstehen, ist jedoch nicht leicht, die Anforderungen sind hoch. „Multi-Tasking-Fähigkeit, ein hohes Konzentrationsvermögen, Stressresistenz, Entscheidungsfreudigkeit sowie ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen gehören zu den Grundvoraussetzungen“, legt NRW-Pressesprecher Michael Fuhrmann dar. Während eines mehrtägigen Assessment Centers beim Deutschen Institut für Flugsicherung und Raumfahrt in Hamburg werden die Bewerber auf Herz und Nieren überprüft. Neben ihrem Können in Sprach- und Mathetests müssen die Kandidaten unter anderem beweisen, dass sie auch den psychologischen Herausforderungen des Berufs gewachsen sind. „Ein Fluglotse sieht sich schließlich einer Menge Verantwortung gegenüber“, legt Michael Fuhrmann dar. Alle Bewerber, die diese Auswahl erfolgreich bestehen, bekommen nun einen ersten Vorgeschmack auf den Lotsenberuf. Die Bewerber haben in einem eigens entwickelten Test die Aufgabe, an einem Simulator eine bestimmte Anzahl Luftfahrzeuge durch einen Korridor zu lotsen. Gleichzeitig müssen sie Rechenaufgaben lösen und akustische Signale interpretieren, um zu zeigen, dass sie Mehrfachbelastungen gewachsen sind. Weitere Übungen dienen dazu, Teamfähigkeit unter Beweis zu stellen. Hierfür müssen Aufgaben in Gruppen oder zu zweit gelöst werden, der Einzelkämpfer wird ohne die Informationen der anderen Bewerber scheitern.

Begehrte Ausbildungsplätze
So lichten sich mit jeder Runde des mehrstufigen Einstellungstest die Reihen. Nur rund fünf Prozent der Bewerber erhalten am Ende einen der begehrten Ausbildungsplätze mit anschließender Übernahmegarantie. Dennoch rät Michael Fuhrmann allen Interessierten, sich nicht abschrecken zu lassen: „Viele der Bewerber wissen selbst nicht, ob sie das Profil erfüllen werden, es ist eine Art Glückstreffer. Wer sich von Beginn an klar macht, dass diese wahre Fülle von Anforderungen besteht, hat doch nichts zu verlieren, wenn er es versucht.“
So auch Miriam Müllhausen: Für die Fliegerei hat sich die junge Frau schon lange interessiert, aber erst eine Führung bei der Deutschen Flugsicherung hat die passionierte Segelfliegerin auf den Geschmack gebracht, das Hobby zu einem Teil ihres Berufes zu machen. „Nachdem ich mich eingehender informiert hatte, wusste ich, dass es eine Herausforderung mit relativ geringen Aussichten ist. Aber ich habe mich dennoch beworben und bin ganz locker und ohne Druck an die Sache herangegangen“, erinnert sich die heute 20-Jährige. Darum habe ihr der Einstellungstest auch großen Spaß gemacht – und sie letztlich an ihr Traumziel geführt.

Theorie am Anfang der Ausbildung
Im August vergangenen Jahres nahm die Abiturientin ihre Ausbildung in der Flugsicherungsakademie in Langen bei Frankfurt auf, in der jedes Jahr junge Menschen auf ihren Einsatz als Fluglotsen vorbereitet werden. Die Ausbildung beginnt mit einer mehrmonatigen theoretischen Unterrichtsphase, in die bereits erste wirklichkeitsnahe Verkehrssituationen integriert sind. Neben klassischen Unterrichtsfächern wie Mathematik oder Fachenglisch standen regelmäßige Unterrichtseinheiten am Simulator auf dem Stundenplan. Nach rund einem Jahr stand schließlich die Abschlussprüfung des theoretischen Ausbildungsteils an, die Simulation einer Tower-Situation unter realen Bedingungen. Jetzt absolviert Miriam Müllhausen seit wenigen Wochen die Phase des Lizenzerwerbs zum Lotsen bei der Deutschen Flugsicherung.

Im Zeitraum von gut eineinhalb Jahren werden die Auszubildenden jetzt mit den Besonderheiten des Luftraums vertraut gemacht, den sie künftig betreuen werden. Außerdem haben sie Gelegenheit, die entsprechenden technischen Systeme genau kennen zu lernen. Sie übernehmen nach einer Einarbeitungsphase die komplette Arbeit eines Fluglotsen – natürlich unter professioneller Aufsicht eines Ausbilders. Sie koordinieren Flüge mit Hilfe von Radarsystemen oder per Sichtkontakt, kommunizieren mit ihren Kollegen im Tower oder Center und geben per Sprechfunk Anweisungen an die Piloten. Dabei ist immer ein erfahrener Ausbilder vor Ort, der dem Auszubildenden über die Schulter schaut, Hilfestellungen und Rückmeldungen gibt. Nach und nach übernehmen die Auszubildenden so die volle Verantwortung für das, was sie in der Ausbildung gelernt haben.
Der letzte Schritt ist eine Prüfung, deren Bestehen in der Lizenz festgehalten wird. Die Bezahlung kann sich im Übrigen schon vor dem Start ins Lotsenleben, wo das Einstiegsgehalt zwischen 5000 und 7000 Euro brutto liegt, durchaus sehen lassen: Nach dem theoretischen Teil der Ausbildung steigt die monatliche Vergütung von rund 750 auf 2900 Euro. Maximal zwei Stunden sitzt jeder Lotse während eines achtstündigen Arbeitstages am PC, danach hat er mindestens eine halbe Stunde Pause. Schließlich haben Lotsen nicht nur einen anspruchsvollen, sondern auch anstrengenden Job: Ständig mehrere Flugzeuge im Blick haben, immer aufmerksam sein, in einem Augenblick wenig und im nächsten viel zu tun haben, dazu Schichtdienst und eine hohes Maß an Verantwortung. Zum Ausgleich stehen den Lotsen neben der großzügigen Vergütung regelmäßige Kuren zu, mit 55 Jahren gehen sie dann in den Ruhestand.

Verantwortungsvolle Aufgabe
Daran braucht Miriam Müllhausen natürlich noch lange nicht zu denken, sie freut sich auf die Herausforderungen, die ihre Ausbildung in den kommenden Monaten noch für sie bereit halten wird. Angst vor der täglichen Verantwortung für das Leben zahlreicher Flugpassagiere hat die 20-Jährige nicht: „In den ersten Tagen hatte ich bei jedem Funkkontakt Herzklopfen, aber das ist längst vorbei. Jetzt genieße ich nur noch die abwechslungsreiche Arbeit und die tolle Stimmung im Team.“



Was genau macht ein Fluglotse?

Die Aufgabe eines Fluglotsen ist es, den Luftraum zu überwachen und den Flugverkehr so zu leiten, dass alle Flugzeuge einen Mindestabstand zueinander wahren. Es wird unterschieden zwischen dem Centerlotsen und dem Towerlotsen: Der Towerlotse arbeitet im Tower eines Flughafens. Von dort aus hat er bei normalen Witterungsbedingungen direkten Sichtkontakt zu den landenden und startenden Maschinen. Deren sichere Landung und sicheren Abflug muss er gewährleisten – am Boden und in der unmittelbaren Umgebung des Flughafens. Die Arbeit der Towerlotsen beschränkt sich auf den unmittelbaren Bereich um den Flughafen. Towerlotsen koordinieren per Sprechfunk den Flugverkehr auf den Roll-, Start- und Landebahnen sowie in Flughafennähe. Sie haben neben Radarinformationen in der Regel direkten Blickkontakt zu den startenden und landenden Maschinen. Sobald das Flugzeug abgehoben hat, meldet sich der Pilot über Funk bei den Centerlotsen. Sie übernehmen die Kontrolle auf allen Strecken, die sich nicht in unmittelbarer Flughafennähe befinden. In dieser so genannten Approach oder Area Control entgeht ihnen am Radarschirm keine Flugzeugbewegung. Verlässt eine Maschine die für sie vorgeschriebene Route, führt der Lotse sie über Funk in die richtige und sichere Position. Am Radarschirm kann jede noch so kleine Bewegung eines Flugzeugs bis ins Detail beobachtet und, wenn nötig, korrigiert werden. Die Flugstrecke einer jeden Maschine führt durch mehrere Sektoren, für die jeweils ein Lotsenteam verantwortlich ist. Die Teams bestehen aus einem Lotsen am Radarschirm und einem Koordinationslotsen. Der Lotse - mit Blick auf den Radarschirm - gibt dem Piloten per Funk die konkreten Anweisungen. Sein Kollege koordiniert die Verkehrsabläufe per Telefon und Computer mit den benachbarten Sektoren. Am Ausgangspunkt und Ziel jedes Fluges wechselt die Zuständigkeit zwischen Center und Tower. Sie sorgen dafür, dass die Flugzeuge sicher und flüssig durch die jeweils von ihnen überwachten Sektoren geleitet werden. Die Kontrolle sowohl von Flugverkehrsstrecken als auch von An- und Abflügen garantiert eine abwechslungsreiche Tätigkeit. Im Gegensatz zum Towerlotsen, der die Flugzeuge in erster Linie mittels Sichtkontakt lotst, arbeitet der Centerlotse ausschließlich an einem Radarschirm.

Veröffentlicht in absolventenInfo / Ausgabe 02/08
Verfasst von Jutta Melchers


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