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AbsolventenInfo Ausgabe 1/ 2006

Selbst zum Kettenglied im Supply Chain-Management werden

Christina Casper: Mein Kapital ist eine hoch spezialisierte Ausbildung

„Das Wissen, das ich im Studium und im Praktikum erworben habe, möchte ich jetzt so schnell wie möglich beruflich anwenden.“ Christina Casper hat seit wenigen Wochen ihr BWL-Diplom in der Tasche und steckt mitten in der „heißen“ Bewerbungsphase. „Meine Bewerbungsunterlagen sind deutschlandweit an die verschiedensten, international tätigen Unternehmen unterwegs, Einladungen zu Vorstellungsgesprächen habe ich schon erhalten“, zieht sie eine erste Bilanz, will aber ebenso wenig verschweigen, dass ihr auch die ersten Absagen in den Briefkasten flatterten.

„Mir ist schon klar, dass ich nicht in jede Firma hineinpasse“, sieht die 24-Jährige ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt durchaus realistisch. „Andererseits weiß ich, dass mein Kapital eine hoch spezialisierte Ausbildung ist und es bislang nur wenige Absolventen in meiner Studienrichtung gibt“, bleibt die Münsteranerin optimistisch. Christina Caspers besondere Studienrichtung ist der Studiengang Deutsch-Lateinamerkanische Betriebswirtschaft (CALA) am Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Münster, den sie in neun Semestern überaus erfolgreich abschloss. Lediglich 15 bis 20 Studenten, die eine gesonderte Aufnahmeprüfung ablegen müssen, werden pro Semester zum CALA-Studium zugelassen. Christina Casper hat es geschafft: Direkt nach dem Abitur konnte sie sich zum Wintersemester 2001/2002 an der FH Münster einschreiben. „Hilfreich waren für die Bewerbung zum CALA-Studiengang meine umfangreichen Portugiesisch-Kenntnisse“, beschreibt die Diplomandin im Rückblick. Portugiesich erlernte Christina Casper nämlich schon in ihrer Schulzeit.

„Die elfte Klasse habe ich als Gastschülerin in einer Familie in Brasilien, in Curitiba, verbracht“, erzählt die junge BWLlerin. „Damals schon hat mich das Land fasziniert. Und als ich dann von dem neu eingerichteten Studiengang an der FH erfuhr und wusste, dass die Hochschule im brasilianischen Curitiba auch noch Partnerhochschule der FH Münster für den CALA-Studiengang ist, gab es keine große Überlegung mehr, da habe ich mich direkt beworben“, berichtet sie. Beste Voraussetzungen also für einen guten Start ins Studium. Das Grundstudium absolvieren die Studenten in Münster, zum Hauptstudium geht es dann direkt an die Partnerhochschulen nach Lateinamerika. Das vorgesehene Studienjahr verbrachte Christina Casper an der Hochschule Curitiba und lernte dort nicht nur die Sprache noch intensiver, sondern auch die brasilianische Lebensart.

Die Schwerpunkte ihrer Studien in Brasilien legte die junge Deutsche auf die Bereiche „Internationaler Handel“ und „Management in der Landwirtschaft“. „Soja und Mais werden aus Brasilien in großen Mengen exportiert. Die Herausforderung liegt darin, vor dem Hintergrund der Anforderungen der internationalen Handelsbeziehungen die Produkte zeitnah in die großen Häfen zu schaffen. Eine absolute logistische Herausforderung bei der eigentlich in Brasilien schlecht ausgebauten Infrastruktur“, erläutert Christina Casper den Inhalt ihrer Schwerpunktstudien in Brasilien.

Für das anschließende Praxissemester in dem lateinamerikanischen Land war wieder ihre eigene Initiative gefordert. „Eine Praktikumskultur wie in Deutschland gibt es in Brasilien nicht. Wer den Bezug zur Praxis haben möchte, der arbeitet studienbegleitend in einem Unternehmen“, erzählt sie. Wie also in Brasilien einen entsprechenden Praktikumsplatz finden? „Da war mir die deutsch-brasilianische Handelskammer behilflich, die mit deutschen Firmenniederlassungen in Brasilien in direktem Kontakt steht“, berichtet Christina Casper. Und dann ging alles ganz schnell: Die Studentin wandte sich an den Präsidenten der brasilianischen Dependance des internationalen Speditions- und Logistikunternehmens Kühne und Nagel und erhielt in der Niederlassung Sao Paulo die Chance, ein Semester lang zu arbeiten. „Das war meine intensivste Zeit in Brasilien“, sagt Christina Casper im Rückblick. „Begonnen habe ich meine Tätigkeit in der Buchhaltung des Unternehmens und konnte dann alle Abteilungen durchlaufen, die sich mit Importen aus der ganzen Welt und mit brasilianischen Exporten, mit Seeund Luftfracht befassten. Als Logistiker global und natürlich mit deutschen Handelspartnern direkt zu kommunizieren, war hoch interessant. Alle Warensendungen können jetzt mittels neuester Datenübertragungstechniken immer genau verortet werden. Die Produktion beispielsweise im Automobilbereich läuft inzwischen rund um den Globus. Überall auf der Welt werden Teile gefertigt, die dann zu einem Fahrzeug zusammengefügt werden. Logistiker arbeiten da beispielsweise im Auftrag der Produzenten in der Beschaffung und liefern die benötigten Teile zeitgenau bis an die Produktionsbänder.“

An ihren spannendsten Tag erinnert sich Christina Casper auch noch ganz genau: „Wir standen am Flughafen in Sao Paulo, um den Prototyp des VW Fox, der in Brasilien gebaut wurde, nach Deutschland abzufertigen. Das sind unbeschreibliche Momente, das sind Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Lateinamerika live.“ Hautnah erlebte die junge Studentin aus Münster aber auch die Schwierigkeiten, die die globale Kommunikation trotz aller elektronischen Medien und Informationsmöglichkeiten mit sich bringt. „Oft genug haben sich die Brasilianer beschwert, wenn Dokumente aus Deutschland an der falschen Stelle unterschrieben oder nicht korrekt datiert waren“, erinnert sie sich. „Für die deutschen Logistikpartner sind das Kleinigkeiten. Aber diese Kleinigkeiten können dazu führen, dass die Vorgänge bei den brasilianischen Behörden wochenlang nicht bearbeitet werden, und das hat für die Logistikkette fatale Folgen. Wenn die Handelspartner mehr voneinander wüssten, die Mentalitäten und die Gepflogenheiten besser kennen würden, dann könnten die Zusammenarbeit und der Austausch noch deutlich besser funktionieren“, ist sie sich sicher.

Mitte 2005 kehrte Christina Casper von Brasilien nach Deutschland zurück, um mit der Diplomarbeit ihr Studium abzuschließen. Thema: „Exporte aus dem Mercosur unter Berücksichtigung von Handelshemmnissen der EU.“ Gemeint sind beispielsweise Zölle, so zeigte Christina Caspar in ihrer Diplomarbeit auf, und beschrieb, wie Zollkontingente und Handelsbeschränkungen - etwa für landwirtschaftliche Produkte - den Export aus Lateinamerika erschweren. Daneben ist es die Unwissenheit auf Seiten der Lateinamerikaner über die Struktur der europäischen Märkte, die den Absatz beispielsweise von hochwertigen Lederwaren in Europa nahezu unmöglich macht, da die Waren nicht adäquat vermarktet werden. Handelshemmnis, das Christina Caspar aufdeckte und untersuchte, ist in diesem Fall das Fehlen der passenden Marktstrategien.
„Anfangs hatte ich die Idee, meine Abschlussarbeit in einem Logisitk-Unternehmen zu schreiben, um möglichst engen Praxisbezug zu haben, allerdings war der Versuch nicht von Erfolg gekrönt“, bedauert Christina Caspar ein wenig. „Vielleicht hätte ich nach der ersten Absage eines Unternehmens nicht gleich aufgeben sollen und weitere Firmen kontaktieren können, aber natürlich drängte am Ende auch die Zeit.“ So beschäftigte sie sich im Wintersemester 2005/2006 von ihrem Schreibtisch aus mit den Handelshemmnissen, mit denen die lateinamerikanische Wirtschaft im Export nach Europa zu kämpfen hat. Mit hervorragendem Ergebnis hat Christina Caspar den Studiengang Deutsch- Lateinamerikanische Betriebswirtschaft abgeschlossen, hat ihr Doppel-Diplom - das deutsche und das brasilianische - in der Tasche und bereitet nun ihren beruflichen Einstieg vor. „Von der Online-Bewerbung bis zum Besuch von Job- und Karrieremessen werde ich alle sich bietenden Möglichkeiten nutzen, direkt mit potenziellen Unternehmen Kontakt aufzunehmen“, hat sie sich vorgenommen. Denn ihr Ziel hat Christina Casper klar vor Augen: Ihr Spezialwissen um internationale Handelsbeziehungen schon bald in die Praxis umzusetzen.

Veröffentlicht in absolventenInfo / Ausgabe 01/06
Verfasst von Marlies Grüter


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