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AbsolventenInfo Ausgabe 1/ 2007

Klein aber fein: Karriere im Mittelstand

Wer als ambitionierter Absolvent seine Karriere plant, denkt zuerst an die Global Player der Wirtschaft. Jedoch bietet auch der deutsche Mittelstand beste Karrierechancen.
Kaum jemand beachtet sie, aber dennoch spielen die kleinen und mittelständischen Unternehmen eine zentrale Rolle bei der Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Viele unter ihnen haben sich in ihrer Nische eine führende Position erarbeitet, von der aus sie oft den weltweiten Markt dominieren.

Die gängigen Schmähworte über diese Unternehmen, im Fachjargon „KMU“ genannt, entbehren also jeder Grundlage. Dennoch haben viele Hochschulabsolventen die Auflösung dieser Abkürzung mit „Karriere machen unmöglich“ wohl immer noch im Hinterkopf.

Bei ambitionierten Absolventen, die ihre ersten Bewerbungen schreiben, stehen die klingenden Namen der Global Player ganz oben auf dem Wunschzettel. Gehobene Einstiegsgehälter, gute Fortbildungsmöglichkeiten, eine möglicherweise bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Prestige, ein internationales Betätigungsfeld oder auch große Budgets locken. Jedoch ziehen sie offenbar so sehr an, dass selbst High Potentials oft Schlange stehen und der Traumjob zur Fiktion wird.

Und dabei wird das Betätigungsfeld in großen Konzernen von den Bewerbern maßlos überschätzt – oder zumindest ihre Möglichkeiten, auch nur im Ansatz entscheidend mitwirken zu können. Klar: Die Töpfe sind größer. Allerdings sind auch die Hierarchien ausgeprägter. Und es dauert deutlich länger, bis ein Berufseinsteiger Entscheidungskompetenzen erhält. So kommt bei denen, die ihren vermeintlichen Traumjob erhalten haben, oft in der Praxis die Erkenntnis über eine nüchterne Realität hinzu.
Und der Mittelstand holt auf: Immer mehr Unternehmen machen sich mittlerweile intensiv Gedanken über ihre Personalentwicklung. Und setzen dabei auf einen wichtigen Faktor: Identifi kation. Die Bindung zum Arbeitgeber und Kollegen kann nicht nur förderlich für das Arbeitsklima sein. Auch die Produktivität kann sich verbessern, was besonders im verschärften Wettbewerb überlebenswichtig ist. Und dann den Arbeitsplatz sicherer gestaltet. Ohnehin wird vielen Berufseinsteigern erst während der Bewerbungsphase deutlich, dass in Konzernen nicht nur in großen Mengen Arbeitsplätze abgebaut werden. Neue Stellen kommen in der Regel nur sehr vereinzelt auf den Arbeitsmarkt. Job-Motor in guten Konjunkturzeiten ist der Mittelstand – und dort in ganz besonderem Umfang jene kleinen Unternehmen, die sich in ihrem speziellen Segment eine besondere Position, vielleicht sogar die Marktführerschaft erarbeitet haben. Diese „Hidden Champions“ bieten Bewerbern oft sehr viel bessere Karrierechancen als die bekannten Global Player.

Und in den kleineren Unternehmen mahlt die Bewerbungsmühle deutlich schonender. Statt großer Assessment-Center stehen hier häufig persönliche Gespräche mit der Geschäftsführung oder den Eigentümern im Mittelpunkt. Schließlich ist in kleineren Einheiten die Persönlichkeit und wie sie sich in das Firmengebilde einbinden lässt von großer Bedeutung.

Hohe Anforderungen
Arbeiten in diesen kleineren Unternehmen bedeutet im Regelfall eine große Nähe zum Kunden wie auch zum Marktgeschehen. Verbunden mit den flachen Hierarchien ist auch eine gewisse Nähe zu Vorstand oder Eigentümer. Geht es um Erfolg oder Misserfolg, so ist dieser auch direkter ablesbar. Aber er hat auch größere Konsequenzen, da sich bei einer niedrigeren Kapitaldecke Fehlentscheidungen stärker auswirken können. Geht es allerdings um die Sicherung der Marktposition, so werden Entscheidungen schneller getroffen, das motivierende „Go“ aus der Geschäftsleitung erfolgt schneller.

Was die Arbeit im mittelständischen Unternehmen von den Konzernen am deutlichsten unterscheidet, sind die Anforderung an die Nachwuchsführungskräfte. Erhalten sie im Konzern ihre „Macht“ durch die hierarchische Stellung im Organigramm, so muss Führungsqualität in kleineren Unternehmen in der Regel durch Kompetenz untermauert werden – denn die anderen Mitarbeiter sind schon länger im Job und bekommen direkt mit, wie sich der „Frischling“ einfügt – und mit welchen Qualitäten, die dann über den „Flurfunk“ wie ein Lauffeuer verbreitet werden. Anfängerfehler können dabei oft irreparable Schäden hervorrufen. Nicht der dunkle Anzug oder das Kostüm entscheidet, sondern die Person, die darin steckt.

Schritt in die Selbstständigkeit
Die Arbeit im Mittelstand bietet oft auch unerwartete Perspektiven. In der Regel ist nicht nur die Verweildauer im Unternehmen höher als in den Konzernen, wo der Karrieresprung oft mit einem Unternehmenswechsel verbunden ist. Je kleiner das Unternehmen, desto deutlicher wird auch die Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters – und nicht selten wächst daraus auch das Potenzial, das den Schritt in die Selbstständigkeit vereinfacht. Und dann dafür sorgt, dass ein neues Unternehmen entsteht, in dem Absolventen ihren Weg ins Berufsleben gehen können.



Info: Der deutsche Mittelstand

Nach den Daten des statistischen Bundesamtes gehören über 99 Prozent der Firmen in der Bundesrepublik Deutschland der Gruppe der kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) an. Nach einer Defi nition der Europäischen Union aus dem Jahr 2005 bestehen mittlere Unternehmen aus weniger als 250 Mitarbeitern und einem Umsatz bis 50 Millionen Euro, kleine Unternehmen haben weniger als 50 Mitarbeiter und einen Umsatz bis zehn Millionen Euro und Kleinstunternehmen maximal neun Mitarbeiter und einen Höchstumsatz von zwei Millionen Euro.

Unter den 20 Millionen Mitarbeitern des deutschen Mittelstandes – das sind vier Fünftel aller Arbeitsplätze – befi nden sich über 600 000 Führungskräfte. Über 90 Prozent aller Firmen in Deutschland gelten von ihrer Beschäftigtenzahl als Kleinstunternehmen.



Ehrung des Mittelstandes

Seit 1993 werden im Rahmen des Benchmarkingprojektes „TOP 100“ die innovativsten Unternehmen im deutschen Mittelstand ausgezeichnet. Die Gewinner werden mit Hilfe einer unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchung ermittelt, erhalten das gleichnamige Gütesiegel und werden mit einer Reihe von PRund Marketingaktionen unterstützt. Mentor von „TOP 100“ ist Lothar Späth.
Seit 1998 werden in Sachsen-Anhalt der Unternehmer, Existenzgründer und Investor des Jahres ausgezeichnet. Diese Auszeichnung soll herausragende Leistungen der Unternehmer (KMU) herausstellen. Der Wirtschaftsspiegel, das Wirtschaftsmagazin für Sachsen-Anhalt, hat eine 10-köpfi ge hochkarätige Jury zusammengestellt. Die Auszeichnung wird jährlich auf dem Ball der Wirtschaft übergeben. Schirmherr dieser Veranstaltung ist der Minister für Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen-Anhalt.
Das gleiche Konzept verfolgt der Mittelstandswettbewerb „TOP JOB“: Hier werden seit 2002 die besten Arbeitgeber im deutschen Mittelstand ermittelt (Leitung: Prof. Dr. Heike Bruch vom Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen), geehrt und öffentlichkeitswirksam präsentiert. Mentor ist Wolfgang Clement.

Seit März 1995 wird der deutsche Mittelstand mit dem „Großen Preis des Mittelstandes“ ausgezeichnet. Der „Große Preis des Mittelstandes“ ist eine von dem Erfurter Künstler Karsten I. W. Kunert gestaltete Bronze-Skulptur, die jedes Jahr an erfolgreiche Unternehmen von der Oskar-Patzelt-Stiftung verliehen wird.

Veröffentlicht in absolventenInfo / Ausgabe 01/07
Verfasst von Guido Kratzke


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